Noch keine Tags.
Tag Cloud
Featured Review

Das Fritz Brinckmann Buch 80 - Das Ende

80. Kapitel

2. 6. 1978

Wie alles ausging: Ich habe das Schreiben und Grübeln dann seinlassen und habe andere Sachen gemacht. Ich bin arbeiten gegangen, jeden morgen in die Jobberhöhle, jeden Tag ein anderer Job. Kellner, Wäscher, Fahrer, Nachhilfelehrer oder Fotomodell. Wie ein Verrückter habe ich das gemacht, und wenn ich mal keinen Job gekriegt habe, bekam ich gleich Depressionen. Ans Schreiben war gar nicht mehr zu denken, ich mußte mich irgendwie betäuben.


Daß es mit Nici wieder nichts geworden war, war mehr als nur ein Schlag gewesen: das Maß war nun voll, das konnte ich nicht mehr verkraften. Ich griff also zu allem, um die Tage herumzukriegen. Ich gab Geld aus, ich rannte in die Kinos, ich las Comics, ich betrank mich mit Stephan. Die Wohnung wurde mir zu eng, nur während der Arbeit fühlte ich mich frei.


Ich griff nach jeder Torheit. So ließ ich eine jugendliche Streunerin einziehen, nur um irgend etwas zu verändern. Sie redete den ganzen Tag widerliche Plattheiten und sagte mir auch noch, daß ich komisch sei, ein seltsamer Typ, vor dem sie Angst habe.


Ich sprach mit jedermann, wandte mich wieder an alte Freunde, an die Subkultur, an die Hamburger. Meine Erfahrungen waren unterschiedlich.


Einmal gab es die „mittlere Sorte“, normale, kluge, freundliche Leute, jene freundlichen Norddeutschen, von denen Thomas Mann spricht, mit denen ich gern zusammen war.


Und dann gab es die Subkultur und die Studenten, die mich als Außenseiter behandelten, als bedrohlichen Fremdkörper. Subkultur, also Hippies, Reisesser, Umweltschützer und so weiter und so fort - das war ja ein sehr alter Hut, aber Diedrich hatte mir den Tip gegeben, diesen Leuten "WIE NEU", also völlig unvoreingenommen, zu begegnen. Vor allem sollte ich auf "den Sinn" verzichten. "Suspendierung des Sinns" - darauf kam es angeblich an. Ich sollte darauf verzichten, "Recht" haben zu wollen, das "Richtige" gesagt zu bekommen, ich sollte, wenn möglich, gar nicht hinhören und stattdessen auf die Körpersprache achten, auf die Situation, den blauen Himmel, auf die Form, die Phonetik, oder aber gar nicht mehr auf etwas achten, sondern mich selbst völlig hingeben.


So saß ich dann mit Hippies zusammen, und es gelang mir nicht, wegzuhören. Weil alles andere längst erschöpft war, vor Jahren bereits. Die Körpersprache gab so wenig her wie die "verrückte" Kriegsbemalung im Gesicht und die Jesus-Sandalen. Die Situation war ebenso erschöpft, die Lokalitäten, in denen ich die Subkulturellen traf, waren bis zum Überdruß bekannt, und der blaue Himmel erinnerte mich höchstens an Straubing.


Ich trocknete innerlich aus. So sehr ich mich auch bemühte, es nicht zu tun, ich achtete doch auf das, was die Leute sagten, und wurde betroffen. Jeder Satz klang mir wie mein Todesurteil, ich fühlte mich tatsächlich bedroht. Alles war gegen mich gerichtet, Klischee für Klischee. Sie türmten einen entsetzlich großen Schrotthaufen unbrauchbarer Gemeinplätze vor mir auf. Ich geriet dadurch in solche Verzweiflung, daß ich viele Dummheiten beging.


Ich gab mein ganzes Geld aus, ließ Fritz aus München kommen, ließ alle möglichen Leute einziehen, zog selbst nach München, war drauf und dran, eine Bank zu knacken, traf dann Diedrich, der immer noch von der Suspendierung des Sinns faselte und mit der Subkultur lebte. Er machte all die vielfältigen Heilsangebote mit, kämpfte vormittags mit der bunten Liste für mehr Farbe und Lustigkeit ("Seid nicht so verbissen, Bürger!"), trat nachmittags einer neuen buddhistischen Sekte bei und hielt abends ein neues Selbstbefreiungstheater für den Schlüssel zum Glück. Heute 'Festival of Fools', morgen Kommune auf dem Land, übermorgen freies Musizieren in einer Free-Jazz-Gruppe undsoweiter.


Heute richtige Ernährung, morgen richtige Sexualität, übermorgen Skate-board-fahren.

Ich packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn: „Diedrich, nun laß aber mal diesen Kinderkram, bitte!!" Er guckte nur debil und meinte: "Ey, du mußt Space Dust sniefen, das blubbert so irre, DAS ist es, glaub mir."


Ich sagte: "Diedrich, WENN es nun unbedingt die Hippies sein müssen, kann man dann nicht mal Intellektualität als neuen Trip ausgeben?" Diedrich prustete, spuckte mir Krümel ins Gesicht: "Nie im Leben! Du bist nur so lange einer von uns, so lange du alles ganz easy siehst! Alles ganz easy, ganz einfach, verstehst du?"


Ich kochte vor Wut. "Die, die ich getroffen habe, waren überhaupt nicht easy, sondern voller Komplexe. Alles wirkt aufgesetzt. Das sind dumme Gestalten, die keine Ahnung von sich und der Welt haben. Die sind so sicherheitsbedürftig wie die größten Spießer, jedes Wort und jede Geste ist abgemacht, und jede Abweichung verunsichert sie bis ins Mark. Wehe man schlurft nicht mit den Füßen beim Gehen, wehe man bildet andere Sätze als ihre verkrüppelten Subjekt-Prädikat-Objekt-Rudimente, wehe man hält sich nicht an den Zweihundert-worte-Wortschatz. Und ganz aus ist es, wenn man ihnen sagt, daß "Dr. Scholl's Fußsalbe" genau so wenig die Lösung ist wie das neue WeeGee-Konzept auf dem Franzosenhof. Daß nur ein Mehr an Rationalität das Weiterleben ermöglicht.


"Oller DKP-Funktionär", brummte Diedrich und probierte Pattex aus, wovon ihm schlecht wurde.

Gegen Abend erfuhr ich, daß Stephan Kelle Amok gelaufen sein soll. Er ist in eine geschlossene Anstalt verbracht worden. Langhaarige Zivildienstleistende mit Bunte-Liste-Plaketten pflegen ihn.

© 2016-20 bei den Autoren und Künstlern der Gesellschaft