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Die Frauen, die Kunst und der Staat 1


Sicherlich überquerten schon viele Frauen mit gelben Polluvern die Straße vor dem Hotel, in dem ich im Winter 88/89 wohnte, ein knappes Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende. Autos, die fuhren, Radfahrer dazwischen, Menschen, Fußgänger in Eile, eine Synagoge, Zebrastreifen, Asphalt, vierstöckige Wohnhäuser aus den 50er, vielleicht 30er Jahren: alles war wie immer. Der einzige Fensterausblick in der ganzen Stadt, wo alles wie immer war, wie VOR meiner Zeit. Und damit sei dies abgeschlossen. Der Rest des Romans: MEINE Zeit.

Eine Party stand am Beginn, eine Acid-House-Party, keine Ahnung, was das war. In der Tageszeitung eine Zehn-Zeilen-Meldung am Morgen: in London hatten angeblich Jugendliche erneut berüchtigte sogenannte Acid-House-Partys gefeiert. Das seien Partys, die seit kurzem in Mode seien, auf denen Drogen verabreicht würden und eine bestimmte harte Musik gespielt würde. Ich malte auf ein DIN-A-4 Blatt, eine Acid-House-Party käme auf die Stadt zu, vergrößerte es im Copy-Shop auf DIN-A-3, auf DIN-A-2, auf DIN-A-1, alles für wenige Pfennige, hängte die Plakate im Broadway Café auf: freie Liebe, Kondomverbot, Acid, Kerzen und Matratzen, House-Musik. Warum die Sache nicht im Wort-Sinn mißverstehen, Chancen mußten ergriffen werden, nicht? So gut kannte ich die Stadt nicht, und ich wollte keine Party vor leeren Bänken. Fünfhundert sollten sich vor den rötlich schummrigen Haschhöhlenfenstern andrängeln und die Straße überlaufen.

"Bringen Sie ein Kännchen Tee auf Zimmer zwölf." Ich orderte das zum zweiten Mal. Ich ließ die Leute gerne springen. Eine kalte einsame Order, ein Befehl. Das richtete einen wieder auf, da schoß Kraft ins Gehirn, straffte sich die Rückenmuskulatur. Schneidend-entrückt Stimme, wenn der Befehl ein zweitesmal gegeben werden mußte. Das Personal benahm sich immer 'anders', das stand schon im Hotelprospekt: 'The Hotel different' textete da einer allen Ernstes. Man versuchte, faul und charmant zu erscheinen, 'anders', unkonventionell. In den Zimmern hingen ECHTE Kunstwerke, weiß Gott und leibhaftig ECHTE Oehlen, Baselitz und so weiter. Die Leute hatten selbst einstmals im Hotel gewohnt und dann ihre Bilder dagelassen, als Bezahlung. Wer aber hatte in Zimmer zwölf gewohnt? Dort hing ein unsigniertes Kinderbild, Konvolut eines talentlosen Dreizehnjährigen. Das hätte ich noch besser hingekriegt. Da konnte jemand ganz offensichtlich noch nicht zeichnen: der Pinsel schob sich unsicher ausgedachten Linien entlang. Wieviele Tage und Frühstücke und Sektflaschen hatte dieses sinnlose Bild abgegolten? Ich selbst bezahlte mit einem Roman. Der wurde dann hinter einer Vitrine in Zimmer zwölf ausgestellt, ebenfalls als Kunstwerk, und ersetzte sicher das bisherige, so wertlose wilde Geschmier des Dreizehnjährigen. Ich wußte, wie das aussehen würde, mit der Vitrine und dem Buch drinnen: im Zimmer 34 gab es schon solch eine Konstruktion mit Martin Kippenbergers Buch 'Caf Central'. Mehrere Jahre hatte der Autor dafür freie Kost und Logis genossen und genoß sie noch.

Wo sollte die Acid-House-Drogenparty stattfinden? Der Kunstklüngel war als erster alarmiert. Die Künstler gingen ja alle ins Broadway Café. Doch dann riß ein 29jähriger 'junger' Aktionist das Plakat ab, was mich auf den dummen Gedanken brachte, es ihm 'heimzuzahlen' und nun erst recht publik zu werden. Ich druckte neue Plakate, ließ sie von Kippenberger, den ich morgens im Frühstücksraum zufällig traf, besudeln: mit zittriger Alkoholikerhand bekritzelte der beängstigend verkaterte Großkünstler mein eben getipptes DIN-A-4 Schreibmaschinenblatt von oben bis unten. Er malte Männchen, Tüten, Geschlechtsteile, ergoß Kalauer, Albernheiten, Latrinensprüche auf den Text, zündete das Papier an den Seiten an, zerknüllte und signierte es. Dabei erzählte er Geschichten von der letzten Nacht.

Er nuschelte stark. Martin Kippenberger, dreiunddreißig Jahre alt, zerfurchtes, einem verwitterten Felsen ähnliches Gesicht, ein Mann wie ein Titan, wie Klaus Kinski und John Wayne in einem. Auf der Lippe weiße Flecken, Zahnpasta hoffentlich, womöglich Schlimmeres, Druckstellen vom Ohnmachtsanfall auf den kalten weiß-schwarzen Hotelfliesen. Er sah wirklich aus, als hätte er letzte Nacht eine nichtendende Schlägerei gehabt, verprügelt sah er aus. Und ungelogen fünfzehn Jahre älter als dreiunddreißig. Ein Wrack, der Mann. Er malte mein Plakat voll. Auf der 'Art against Aids' Versteigerung hatte sein im Subversiven Realismus gestaltetes Bild den höchsten Preis erzielt. Mit dem zerknüllten, verkohlten Papierchen lief ich zum Copy-Shop und zog mir neue Plakate, und diesmal waren es echte Kippenberger. In der ganzen Szene konnte ich die 'Kunst-Plakate' jetzt an die Kneipenwände kleben, und wer sie wieder abriß, mußte K.'s Rache fürchten. Der Text blieb derselbe, ungefähr. Nur betonte er stärker als beim ersten Plakat den Drogenaspekt. Von der propagierten freien kondomlosen Liebe blieb nur noch der Eingangssatz: "Nur Liebe bringt uns weiter. Aber wo gibt es die? Auf der Acid-House-Ihr-wißt-wo-Party."

Stattdessen wurde eine halbe Pille Extasy gleich beim Betreten der Partyräume versprochen, für jedermann samt Freundin.

Dennoch: die Dumpfmeister erhoben ihr Haupt. Im Broadway Caf rissen die einfachen Caftangestellten alle fünf Kippenbergerpiakate von den Wänden, obwohl jedes - nachträglich einzeln signierte - Plakat zweihundert Mark wert war, vielleicht deswegen, vielleicht behielten sie die Dinger. Es war gerade die 'Art Cologne' am Dampfen, da geschah ohnehin Unerhörtes. Es wurde zehn Tage und Nächte lang durchgetrunken. Wer konnte sagen, was morgens um fünf passierte? Die 'Art Cologne' hatte sich zur größten europäischen Kunstmesse gemausert. Eine Kunstmesse war eine Art großer Basar, ein großer Gemüsemarkt, ein Markt eben, auf dem zwar nicht Gemüse oder Obst oder Bücher verkauft wurden, sondern gemalte Bilder. Und die Händler hießen Galeristen. Die hatten das ganze übrige Jahr über ihre feste Galerie, ihr Geschäft also, ihre Geschäftsräume, und nur während der Messetage zogen sie mitsamt ihren Bildern um, bewohnten eine 'Messekoje' und verkauften kräftig. Man sprach von der ersten Stunde an von unfaßbaren Rekordumsätzen. Man sprach auch über das Verkehrschaos, das der explodierende Kunstbetrieb auf den Straßen des Belgischen Viertels hervorgerufen hatte.

"Heute gehen mehr Menschen zu Jeff Koons als zum FC Köln", hörte man einen Kunstkritiker sagen, und keiner verbesserte ihn - offiziell hieß der ehemals massenwirksame Verein '1.FC Köln' - sodaß er gleich eine Binse über Telekommunikation, Videospiel und Computergraphik folgen lassen konnte, mit der Quintessenz:

"Das Bild hat die Schrift ersetzt. Bilder werden heute so 'gelesen' wie früher Worte. Daher der gesellschafts- und schichtübergreifende Boom auf dem Kunstmarkt."

DAS WAR SO WAHR Wie bekannt. Ich hörte nicht hin. Der ganze Kunstmarkt interessierte mich einen Dreck, aber die hellgrauen Kostüme der den schwulen Galeristen beigestellten jungen karrieresüchtigen deutschen Frauen - man sagte nicht mehr Fräulein - erfrischten mein Auge. Die Beine übereinandergeschlagen. Tod den schwulen Galeristen! Tod ALLEN schwulen Galeristen und seelenlosen merkantilen Geschäftemachern! Her mit den schönen deutschen Frauen! Und doch: Die Welt der Bilder begann mich nach und nach zu faszinieren.

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