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Die Frauen, die Kunst und der Staat 2


... Und doch: Die Welt der Bilder begann mich nach und nach zu faszinieren. Kein Tag, an dem ich nicht ein paar Stunden durch die Kojen stromerte. 165 Galerien aus 53 Ländern, das machte 112 Partys nach Ladenschluß und 98 schöne deutsche Frauen in 79 hellgrauen Kostümen mit summa sumarum 196 über- und untergeschlagenen aufreizend schlanken Beinen.

Die Party, die ich veranstaltete, mußte natürlich GANZ ANDERS werden als die 112 Galeristenpartys.

Schöne Frauen... Acid... Extasy... Kerzen und Ma- tratzen. Nachts war es kalt. Die Zusammen- führung der Freundeskreise. Coca Cola und Tee. Ein Pfund Räucherstäbchen konnten auch nicht schaden. Da gab es doch niemanden mehr, der sich aufs Unangenehmste an frühe 70er-Jahre-Indien-Geschichten erinnert fühlen könnte. Alles saubere neue Leute. Der ganze Kunstbetrieb plus junge Prol-Mädchen. Auf einem Plakat standen fett und hoch die Namen aller Eingeladenen, aller Prominenten, insgesamt über vierzig Namen, wie bei einer Multiple-Ausstellung. Die Leser der Plakate gewannen den Eindruck, alle fett und hoch gedruckten Namen hätten mit der Party in direkter Weise zu tun. Das Gegenteil war der Fall. Sie wußten nichts von der Sache und sollten sich durch die Nennung ihres Namens lediglich EINGELADEN fühlen. Um die Polizei nicht anzulocken, sollte der Ort der Party erst 48 Stunden vorher einigen Insidern telefonisch mitgeteilt werden. Selbstverständlich wurden dann keineswegs die Prominenten der Schickeria angerufen, sondern nur nette junge Leute. Die 'Namen' dienten nur dazu, Aufmerksamkeit zu erregen. Ich ahnte noch nicht, wie detektivisch hartnäckig Prominente sein konnten, wie sie eine Nacht zum Tage machten, durch die Viertel streunten, durch bewußte Fehlinformation nur noch agiler wurden. Und suchten und rannten und schwatzten, alles war Kunstmesse, alles war Alkohol... Natürlich mußte man aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen. Der erste Schnee fiel. Die Bäume hatten keine Blätter mehr. Die Menschen, die noch alleine waren, wußten, daß sie es nun lange bleiben würden. Die Immunschwächekrankheit verhinderte Neuanbahnungen. Angst plus Winter ergab psychische Verhärtung. Man trug wieder Messer.

Im Künstlerlokal 'Dos Meckis' versperrten üble Figuren den Flur. Eine Stimmung wie bei den Schweinen. Schon wenn man hereinkam: besoffene, hämische, ironischseinwollende Anmache erfolgloser Künstler, die mit nichterfolglosen Künstlern noch halbwegs befreundet waren, vergangenheitshalber, und die das ewige wilde Künstlergebaren zu einem entsetzlichen letzten Verzweiflungsschrei übertrieben. Sie verdienten ihr Geld längst als Studiomusiker, hätten heiraten und glücklich werden können, den Platz einnehmen der ihnen zustand, aber nein. Sie standen im Dos Meckis,ganz viele von ihnen, auf jeden erfolgreichen Künstler kamen zwölf solche bierseligen Schreier.

Da mußte man durch, durch die kriminelle Atmosphäre. Auf anständige Weise hatte hier noch keiner auch nur eine Deutsche Mark verdient. Hinter der Studiomusikerei verbargen sich nur Freibier, abermaliges Ge-gröhle, sinnloses Gefummel und Gedudel auf ehemaligen Instrumenten, dazu ein hübsches ahnungsloses Mädel am Mischpult. Am Ende wurde die Platte eingestampft und die Rowdies ausbezahlt. Am ersten Tisch trieb der Performancekünstler Mike Henz sein sattsam bekanntes Unwesen. Er setzte sich einem amerikanischen Tourist auf den Schoß und brüllte ihm fortgesetzt 'heil Hitler' ins Gesicht. Ein paar Zuhälter sahen müde zu. Der Tourist blieb ruhig, vielleicht, weil er doppelt so alt war wie der Performance- und Aktionskünstler.

"You are right! You are the greatest! Heil Hitler!" keifte Henz.

Er wollte ihn aus der Reserve locken, ihn, den Durchschnittsamerikaner, eine Grenze überschreiten lassen, wahrscheinlich, um ihn anschließend wieder aufzubauen und mit ihm zu trinken. Alle Wetter, das war Provokation! Performancekunst vom Feinsten. Mike Henz wirkte erhitzt und schwer angetrunken, und was seinen Auftritt bedrohlich machte, war das Geschrei mehrerer Kunstliebhaber und Mäzene am Nebentisch, die jedoch mit Henz nichts zu tun hatten und auf ihre Weise über etwas ganz anderes tobten und Gackerten. Aber es klang häßlich, ungehalten und heimtückisch. Aufplatzendes, dissonantes Sekretärin-nenlachen, schadenfroh, plärrend, ein Überfall, laut und böse, die Rache der kleinen Leute, dazwischen das guturale Grunzen der routineerprobten berufslachenden Großkünstler. Ich aber sah nur Mike Henz, der sich dem Touristenschädel auf fünf Zentimeter Nähe genähert hatte und ihn anstarrte und anfauchte wie ein Ochse, natürlich nicht NUR aus Passion - das auch - sondern ebenso, um die Aufmerksamkeit der im Lokal anwesenden Künstlerkollegen, der Kunsthändler, vor allem aber Carolines zu erhaschen, einem Mädchen, das zwei Tische weiter saß und bereits unerschrocken zusah. Der Amerikaner schob nun seinerseits sein Unterkinn nach vorn, gab dem Performance-Ochsen Paroli. Ich erinnerte mich an frühere Aktionen von Henz und überlegte, ob ich ihn nicht vorurteilsfrei und objektiv bewundern mußte.

Es war erst zehn Jahre her, da hatte ich in einem Haus gewohnt, in dem fünf junge Hanseln einen Stock höher gehaust hatten, deren Leben durch eine Begegnung mit Mike Henz verändert worden war. Sie hatten Mike Henz getroffen und machten fortan selbst Performance-Kunst. Sie traten in Stuttgart, Berlin, Avignon und anderen Städten auf, bastelten zwölf Cassettenrecorfer aneinander, die Stimmen übertrugen, die sie auf einer Großbildleinwand in Farben umsetzten, vor Publikum, und per Video in einen anderen Raum übersetzten, wo ebenfalls Publikum saß, das aber nur die Rückseite der Videoleinwand und nicht das übersetzte Filmmaterial zu sehen bekam. Der dadurch entstandene Ärger wurde per Polaroidfotografie festgehalten und vergrößert und in den ersten Raum gespielt, scheinbar live, in Wirklichkeit jedoch mit zweiminütiger Verzögerung. In diesen zwei Minuten fuhr nämlich eine Schubkarre mit sieben Ziegelsteinen durchs Bild, geschoben von einem der fünf Hanseln, während die anderen vier per Mikrophon Presseerklärungen verlasen. Es war die pure Beliebigkeit. Ein Schwachsinn ohne Ende. Die Kommunen, Kultursenatoren, öffentlichen Hände gaben das Geld für diese Art Kunst, ohne zu zögern und nicht zu knapp. Sogar die Deutsche Bundespost legte ihnen umsonst aufwendige Telefonkommunikationssysteme in die Wohngemeinschaft. Sponsoren aufzutun schien wirklich einfach zu sein, mit dieser Beliebigkeitsmasche. Andauernd bekamen sie Geld für neue Experimentalfilme, Objekte, Kameras, Aktionen, Aufführungen. Ein Film wurde sogar vom Fernsehen angekauft: ein Stuhl, der neunzig Minuten lang aus sechzehn verschiedenen Blickwinkeln gefilmt wurde. Die Gruppe hatte nie aufgehört zu existieren: nichts sprach dafür, daß die fünf Kalauer NICHT bis an ihr Lebensende ihr sicheres Einkommen damit haben würden, inklusive Pensionsanspruch, Kinder- und Sterbegeld. Daran erinnerte ich mich nun. Mike Henz und die gute, abgehangene, vertraute Endlosprovokation. Inzwischen war folgendes passiert: Mike Henz hatte dem Amerikaner eine Packung Zündhölzer ins Bierglas gekippt und wollte ihn nun zwingen, das Glas trotzdem zu leeren. Der Ami war über diese Überschreitung der verbalen Grenze erschrocken. Nun war Gewalt gegen Sachen im Spiel, und nichts hinderte Henz, so der Ami mitmachte, als nächstes das BIERGLAS ÜBER DEM Kopf des Kontrahenten auszuschütten. So stand dieser benommen auf, rappelte sich frei und torkelte auf den Ausgang zu.

Alle lachten. Eine gelungene Performance. Ein Studiomusiker klinkte sich noch zitatmäßig ins prozessuale Gesamtkunstwerk ein, indem er den flüchtenden Opa durch ein zwischen die Fliesen geworfenes, genau hinter ihm zerberstendes Bierglas erschreckte. Mike Henz sprang keine zwei Sekunden später auf Caroline zu, hockte sich vor ihr hin, fiel auf die Knie, starrte sie an. Er trug die langen, dickflechtigen, mattigen Haare hinten zu einem Zopf geflochten. Dick, groß, brutal, kräftig sah er aus und doch niedlich-rundlich, kindlich. Statt einer Jacke trug er ein Lätzchen. Die riesige Spielhose war am Bauch mit einer Schnur zu-sammengebunden. Offenbar war er ein Riesenbaby und von Caroline in ganz unbrutaler, kindlicher Weise angetan. Verliebt blinkte er sie aus zwar versoffenen, aber blitzblanken, kugelrunden Knopfaugen an. Dann fiel sein Blick auf mich, und wir erschraken beide um einen Spalt. Er erhob sich aus seiner Sandkastenstellung, ging kurz zur Theke, um neuen Stoff zu holen, und ich bat Caroline, sofort das Lokal zu fliehen, dem Opa hinterher.

So geschah es auch.

An sich hatte ich nichts gegen Künstler. Einige meiner besten Freunde waren Künstler gewesen. Aber nun mußte ich diesen Roman schreiben, um mein Zimmer abzugelten, ausgerechnet im Künstlerhotel, und das ließ diese Abart von Homosapiens wieder in mein Blickfeld rücken, diesmal schärfer und greller und gruseliger denn je.


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