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Die Frauen, die Kunst und der Staat 6

Wir liefen durch die Straßen. Das reine Glück. Die vielen Geschäfte, all die netten Menschen. Kölner seit zweitausend Jahren. Hennes & Mauritz. Die gute Musik zog einen hinein, in den Hennes & Mauritz Shop. Ich wurde gleich noch besser gelaunt.

"Ästhetik für Alle! Darum geht es hier, das ist das Prinzip dabei. Ist das nicht wundervoll und demokratisch? Das ist: FORTSCHRITT!" Alles sah schick aus, nichts kostete mehr als neununddreißig oder neunundfünfzig Mark. Eine echte Errungenschaft. Die Kunden, um die 20, mußten sich vor den Kostüm-Ladies auf der Messe nicht verstecken, konnten aufrüsten für jede Art von Gesellschaft. Die gleiche Idee wie Strass-Schmuck: die Entwertung der klassentrennenden Symbole durch Billigimitation.

"Such dir aus, was du willst!"

Ich gab ihr mein Portemonnai und verschwand.

Der neue SPIEGEL titelgeschichtelte irgendetwas über den Zusammenhang von Kunst und Geld. Der große Boom war ausgebrochen, die Finanzwelt stürzte sich angeblich auf eine neue, krisensichere Wertanlage, auf die Bilder: 'Ware Kunst - Milliardengeschäft mit Bildern'. Dreiteilige Serie, leider schlecht geschrieben, unlesbar. Das pfundschwere 400-Seiten-Elaborat flog in den nächsten öffentlichen Müllbehälter, einem an einer Baustelle stehenden Großcontainer. Ich hörte das dicke Heft auf den Boden klatschen. Da stand wieder einmal nur Unsinn drin. Die Welt mußte schon auf meinen Roman warten, um etwas Brauchbares über Kunst und Kohle zu erfahren...

An sich mochte ich den SPIEGEL gerne, genauso wie die Bild Zeitung. Mein Vater hatte ihn seit 1947 abonniert, etwas anderes als Spiegel, Bild und Knut Hamsun hatte er nie gelesen und ich auch nicht. Damit kam man gut zurecht. Alles im Journalismus Gedachte kam daher, der Rest war abgucken, nachplappern, Yellow Press und Bildungsdünkel. Doch in letzter Zeit ließen beide Organe nach. Nur auf Hamsuns endloses Werk war noch Verlaß... so hatte ich gerade in Oslo einen unbekannten Liebesschmöker aufgetan, mit dem etwas blöden Titel 'Rosa', der mich gänzlich ergriff. Ich sprach norwegisch so gut wie Hamsun deutsch. In der Werbeagentur GGK, in der ich einmal 'gearbeitet' hatte - später wurde sie in 'Michael Schirner & Partner' umbenannt, noch später in SCHIRNER'S FRIENDS las ich immer Hamsun auf Norwegisch. In den einheitlich gestylten Büros durfte man nur einen persönlichen Gegenstand einführen, der wiederum nicht größer als zwanzig mal fünfundzwanzig Zentimeter sein und den Gesamteindruck des Zimmers nicht konterkarieren durfte. Meinen Hamsun, damals 'Redakteur Lynge', schlug ich in schwarzes Glanzpapier ein, da Schwarz die einzige gestattete Farbe außer Weiß war. In jedem 'Büro' stand genau ein schwarzer, genormter, quadratischer Schreibtisch, ein schwarzer Normstuhl, ein weißes Telefon. Auf dem Schreibtisch befand sich ein Packen weißes Normpapier und ein schwarzer Bleistift. Das weiße Normpapier hatte zwei Zentimeter unter der oberen Begrenzung einen feinen schwarzen Strich. Mehr gab es nicht, im ganzen 'Büro', und man nannte diese Methode 'Reduktion'. Auch die Slogans durften nur aus einem Wort bestehen, immer nach dem Motto 'less is more'. Schirner hatte sich das ausgedacht. Er schlief mit allen weiblichen Angestellten, keine war älter als 23, höchstens einmal 28. Natürlich trug auch er nur schwarz und auf dem Kopf eine Kunstglatze. Als ich anfing, kaufte ich mir fünf schwarze Anzüge. Meine Haare färbte ich für 180 Mark weiß. Nach neun Monaten war mir noch kein einziger Slogan eingefallen, den schwarzen Normbleistift hatte ich die ganze Zeit nicht angefaßt.


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