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Port Stanley ist gefallen 11 (Teil 1 & 2)



Am nächsten Abend lief mir, wofür ich dankbar war, denn ich ahnte bereits, daß Kim unauffindbar sein würde, Katja Perrara in die Arme. Es war auf offener Straße. Ich wollte gerade in die Innenstadt fahren, ein neues Farbfernsehgerät per Leichtkaufrate zu kaufen (`Heute kaufen, nächstes Jahr bezahlen`). Wir gingen in meine öde seltsame Riesenwohnung, wo ich sofort mit dem Sekttrinken begann.

"Ha! Die gute Flasche! Das wird uns aber jetzt schmecken... " Tatsächlich stand seit Stunden eine unnütz angebrochene Flasche „MM" im Kühlschrank. Da ich mich schon den ganzen Tag über angegriffen gefühlt hatte, kam mir die Erholung sehr gelegen.

"Prost, liebe Perrara, nun wollen wir einmal, wie man so sagt, alle viere gerade sein lassen." Da fiel mir ein, daß der Kanzler gerade im ersten Programm sprach. Hurtig lief ich, Katja mir folgend, zu den Nachbarn eine Treppe tiefer. Der öffnende Fritz verbog die Augenbrauen; Katja sah aufregend aus, am liebsten hätte er laut in die Hände geklatscht. Ich beachtete ihn aber nicht und marschierte schnurstracks zur Glotze. Das Bild mit Helmut Schmidt kam langsam und altersschwach aus dem Inneren der müden grauen Röhre. Und wirklich: wie ich es mir gedacht hatte: der Kanzler war am Ende! Es lag gar nicht am Gerät, das, wie Fritz verlautbarte, im besten Zustand war, sondern am Kanzler. Helmut Schmidt selbst wirkte älter als die älteste Fernsehröhre.

"Herr Lueg, Sie dürfen nicht alles glauben, was die Journaille verbreitet..." oberlehrerte er kraftlos, "... denn von den 269 Abgeordneten der Koalition, die mir letzte Woche das Vertrauen aussprachen, hat es doch keiner wieder zurückgenommen."

Nun, das war ja wohl selbstverständlich. Ernst Dieter Lueg gab sich damit nicht zufrieden und stellte dieselbe Frage noch dreimal. Zuletzt klang es ungefähr so, wie im Schwurgerichtssaal: "Herr Bundeskanzler, geben Sie doch zu, daß Sie nicht mehr regierungs- und handlungsfähig sind?"

Schmidt bestritt es auch beim dritten Mal, und Lueg brach das Interiew unwirsch ab. Ich zog mit Katja wieder nach oben, zum Sekt. Dein Fehler ist, daß du kein Herz hast" sagte ich ihr. Sie hatte wissen wollen, warum ich mich nicht um sie gekümmert hatte.

„Ja, mein Egoismus, ich weiß." Sie tappte im Dunkeln.

„Nein, nichts gegen den Egoismus. Aber du bist einfach lieblos. Und es ist um so erschütternder, als du doch so interessant aussiehst. Jeder weltmännisch geschulte Kopf hält dich für ein äußerst geschmackvolles und interessantes Wesen, für die letzte Aristokratin in einer verrohten Populär-Kultur. Wer ahnt schon, daß du innerlich erkaltet bist? Niemand."

Katja war einen Meter achtzig groß, gertenschlank, grazil, hatte sehr feine, enganliegende Ohren, eine schmale, scharf geschnittene Adlernase, ruhige, ebenmäßige, dunkelblaue Augen und einen kurzen raffinierten 60er-Jahre-Carnaby-Street-Haarschnitt. Das heißt, die Haare waren im Nacken kurz, das Gesicht und die Ohren lagen frei, aber über den Ohren wurden sie üppig und wild, wie bei einem Lausejungen. Ich fand Katjas Äußeres insgesamt stimmig und genuin ästhetisch. Leider mochte der landläufige Hundegeschmack das nicht einsehen. Die Jungen spielten Katz und Maus mit ihr, beschliefen sie und gaben sie dem Spott preis. Es gefiel ihnen, ihr das Etikett "Nutte" anzuhängen. Einmal war es mir passiert, daß ein Junge auf mich zutrat - gerade, als Katja nicht in Hörweite war - und mich 'warnte': "Du, weißt du, mit der Katze ja, also wie findest du die eigentlich? Es ist nämlich so, ich war früher mit ihr in einer Klasse, und unter uns Jungs, tja, also da gab es niemanden, der nicht schon mit ihr, also, du weißt schon... " Er grinste komplizenhaft.

Katja war also ein interessanter Fall, aber sie war eben auch lieblos. Sie sah mich nun mit bestürzten und so ehrlichen Augen an, daß ich, wenn auch zu spät, merkte, daß ich mich verrechnet hatte. Gewiß war ihre hochfahrene Schnippigkeit, die sie stets zur Unzeit ausetzte, nichts als ein letzter Schutz vor der so oft erfahrenen Demütigung. Nun gut, ich war ein Simpel. Vielleicht hatte Kim ja recht, als sie mir unterstellte, nicht das geringste psychologische Gespür zu haben. Katja war übrigens der einzige Mensch, der meine Wohnung ausnutzte. Sie strich darin umher wie in ihrer eigenen, las Bücher, badete und kochte sich Spiegeleier. So auch diesmal.

Gegen zehn Uhr wurde ich Kims wegen so unruhig, daß ich Katja wegschicken mußte. Ich sagte ihr, sie solle zwei Stunden später in dem neuen Hip-Lokal "Alles wird gut" auf mich warten.

Daß ich seit einundzwanzig Stunden nichts von Kim gehört hatte, machte mich fahrig und fiebrig. Ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. Undeutliche Ängste wanderten durch den Körper. Im Magen schienen Schmetterlinge zu flattern. Matt und krank stand ich vor dem Badezimmerspiegel. Alle zehn Minuten rief ich Kim an, immer vergeblich. Ich versuchte es bei Flum.

"Hallo Flum, ist Kim bei dir?"

"Nein, wieso? Stimmt was nicht?"

"Es geht darum... es geht ihr nicht so gut, glaube ich, und ich dachte, du wüßtest vielleicht etwas…“

,,Nein, nein. Sie hat sich immer sehr wohl gefühlt hier, und war, äh, unsere Gespräche waren immer sehr nett. Also unsere Gespräche sind eigentlich immer sehr gut. Ich habe nie das Gefühl, wenn wir auseinandergehen, daß da irgendwelche Störungen im Raum sind. Wir wollen uns ja jetzt auch am Wochenende treffen.. ...ja... ich habe... nur noch wenig Kontakt...“

"Zu Kim?"

"Ja."

"Meinst du, daß es im Auslaufen ist?“

Nun war es wirklich Zeit, sich zusammenzureißen. Ich dementierte alles und verabschiedete mich 'fröhlich'. Besser war es, meinen Freund Friedrich Friederichsen anzurufen.

"Na, Friedrich, was sagst du zu der ganzen Affäre?“

"Welche Affäre?“

"Mit Kim, meine ich. Ganz Hamburg spricht doch davon.“

"So? Das wäre mir neu.“

"Friedrich, du kannst doch nicht immer blind durch die Gegend laufen.“

"Ich weiß nur, daß Kim zweimal für jeweils fünf Minuten im 'Alles wird gut' auftauchte und gleich darauf immer wieder verschwand.“

"Aha. Und ist dir nicht aufgefallen, daß ich nicht dabei war?“

"Doch, aber was ist daran schlecht? Ausgehen ist wichtig. Tut sie denn etwas Böses?“

"Nein, ach sie tut wirklich überhaupt nichts Böses. Aber ich ertrage es nicht, daß ich mit jemandem befreundet bin, der es nötig hat, sich zu 'emanzipieren'. Es ist so eklig. Jemand, der 'Selbstbewußtsein' erst akkumulieren muß!“

"Das ist ganz normal. Was soll man denn sonst machen?“ Friedrich Friedrichsen konnte mich beim besten Willen nicht verstehen. Ich sagte:

"Man soll etwas Wirkliches machen."


Foto: Lottmann Images

"Hör mal, seit Jahr und Tag beklagst du dich darüber, daß Kim kein Selbstbewußtsein hat. Es ist doch besser, sie beseitigt kurzerhand den Mißstand, egal wie, und du brauchst dich nicht länger darüber zu ekeln. Ausgehen ist wichtig. Es gibt einem die Motivation zum leben. Keiner von uns könnte darauf verzichten. Meinst du, Stephan Ohr hätte noch Selbstbewußtsein, wenn er nicht ausgehen dürfte?"

"Wenn schon! Dann wäre ich eben auch nicht gerne mit Stephan Ohr in einer Zweierbeziehung. Außerdem ist es bei Kim nicht Spaß, sondern Ideologie. Die freie Frau, die frei ausgeht, also ohne Partner.“

"Es, gibt keine ideologiefreien Räume! Und es ist besser, 'Ausgehen' gesellschaftlich zu verbinden, als sich tautologischen Illusionen hinzugeben, 'Spaß' sei Spaß und 'nur so'. Das wäre Hippie-Denken.“

"Na ja, das stimmt. Aber ich meine, was soll ich denn nun machen? Denk doch mal an mich. Was mache ich, bitte schön, an meinen Abenden?“

"Du gehst aus, wie immer!“

"Es kotzt mich aber an, ohne Freundin auszugehen, mit irgendwelchen komischen Jungs.“ "Früher hat es dir aber nichts ausgemacht, im Gegenteil, und Kim mußte zu Hause bleiben. "Ja, genau. Es hat mir nichts ausgemacht, weil ich die Freundin ja immer hatte: morgens, mittags, nachmittags, nachts, immer. Da war es angenehm, einmal alleine zu sein. "

"Na und? Was hat sich daran geändert? Jetzt hast du sie genauso morgens, mittags - "

"Quatsch, Sie ist doch nicht mehr zu Hause, sie wohnt doch hier gar nicht mehr! Das einzige, wo wir uns noch sahen, war abends. Das ist jetzt auch noch weggefallen. Wir sehen uns wirklich überhaupt nicht mehr."

Nun war es soweit: ich war dabei, alles auszupacken. Am nächsten Tag wußten es dann alle. Es sei denn, Friederichsen blieb bei seiner verharmlosenden Position:

"Nichts ist einfacher, als da eine vernünftige Regelung zu vereinbaren. "

"Und wie?"

"Du erklärst es ihr."

"Wie erklärt man das denn?"

"Das ist denkbar einfach: Liebe Freundin, wir sehen uns nicht mehr, das ist kein Zustand, also wann ist es dir recht - lieber am frühen Vormittag, lieber in den Stunden danach, lieber spät in der Nacht, und so weiter. Vielleicht lieber nur bei Vollmond. Dann sagt sie bei irgendetwas `Ja` man schlägt ein, und die Sache ist geritzt."

"Hm. Sie meint aber, das würde sie nur schwächen. Ein einziges Treffen mit mir würde ausreichen, das akkumulierte Selbstbewußtsein von einer Woche wieder zu zerstören."

"Dann mußt du dir eine Interimsfreundin anschaffen."

"Um Himmels Willen, Fremde Mädchen sind doch das A und 0 aller jetziger Lösungsungskapriolen gewesen. Kim begründet alles damit, daß ich einmal Dorothee in meinem Wagon mitfahren ließ, einmal mit Svenia Eisessen war und so weiter. "

Friedrich lachte laut, gemein und lange. Er hielt meine - wohl etwas verknappende - Darstellung der Mädchenbekanntschaften für einen Witz.

"Da war ja wohl noch mehr...! " prustete er.

"Keineswegs! Ich weiß jedenfalls von nichts! "

"Du weißt es ganz genau, du alter Schwerenöter…"

"Überhaupt nicht, wieso? Mit wem hatte ich denn noch was?"

"He he he... "

"Also! Jetzt kommt es heraus! So reagiert ihr also immer, und deswegen hat Kim ihre Eifersuchtsvisionen!"

"He he he... ho ho ho ho... "

"Aber Friedrich, warum lachst du jetzt! Du kennst mich doch: seit wann habe ich denn Mädchengeschichten? Seit Luzia Patrizia doch nicht mehr, seit 1979. "

"Na, meinetwegen. Aber mach' es doch wieder. Dann ist allen geholfen. Es geht ja nicht um 'Mädchengeschichten', sondern um Menschen, mit denen man Kontakt hat. Natürlich ist da stets sublimierte Erotik im Spiel, das versteht sich von selbst. Du brauchst es, hast es immer gebraucht und auch immer gekriegt. Bleib' jetzt dabei und gönne Kim das gleiche."

"Was? Ich soll wieder so losziehen wie 1978/79? Dann wäre erst recht der Ofen aus."

"Du glaubst wirklich, Kim wäre nicht damit einverstanden? "

"Nein... oberstes Gebot... wirklich, das geht nicht mehr. "

"Dann mußt du mit ihr auf einer neuen Richtlinienkonferenz die alten Gebote revidieren.“

"Auf so einer Richtlinienkonferenz ginge es von morgens bis abends um Frauenargumente. Jedes nur mögliche Handeln meinerseits, jeder Impuls, der von mir kommt, wird doch als grundsätzlich repressiv denunziert."

"Na schön! Dann soll sie den Impuls geben. Frag sie, was sie vorzuschlagen hat. Was empfiehlt sie dir zu tun? "

"Nun, sesagt natürlich, in ihrem Wahn, ich täte sowieso nichts anderes, ich solle mich zu meinen 'Mädchen' scheren.

"Dann mache das doch. "

"Da weißt doch, wie das ist. Sie sagt es zwar, aber wenn ich es täte, wäre sie zu Tode beleidigt. "Tut mir leid, nun wird es klinisch. Das ist der Punkt, wo ich das Gespräch mit einem Menschen abbreche. Man kann nicht etwas sagen und darauf bestehen, etwas anderes zu meinen. Wer sich der Sprache bedient, verpflichtet sich, beim Wort genommen werden zu dürfen. Alles andere ist 'nicht der Rede wert'. Auf alles andere lasse ich mich gar nicht erst ein und du hoffentlich auch nicht. Wenn sie sagt, du sollst zu fremden Mädchen gehen, dann tue es gefälligst."

Glücklich macht mich das aber nicht."

„Sag nicht sowas. Du holst mich gleich ab und wir machen uns einen tollen Abend. Das ' Schizo' soll neu eröffnet haben und sehr gut geworden sein. "

Ich ermahnte ihn, schon beim ersten Hupton aus der Wohnung zu springen. Eigentlich hatte ich keine Lust. So geschah es. Gegen ein Uhr nachts betraten wir das Lokal "Alles wird gut".