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Port Stanley ist gefallen 12 (komplett)


Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die letzten Quentchen, die letzten Blutstropfen, die eine Schlacht entscheiden. Rolf Rüßmanns beherzter Einsatz in der dreiundneunzigsten Spielminute, als er mit dem schon gebrochenen Bein in den gegnerischen Strafraum humpelte, stürzte, sich fallen ließ und bäuchlings zum spielentscheidenden 1:0 den Ball über die Schalker Linie schaufelte, war so ein typischer letzter Einsatz. Oder Napoleons Ritt durch die streikenden flandrischen Textilarbeitermassen. Bei mir war es das Einnehmen von zwei Aspirintabletten, dieses tapfere Vorsorgetreffen in der Stunde der totalen Mutlosigkeit.

So gab es mich immer noch, am nächsten Tag, als alle, alle kamen. Ich bot meinem Gegner die Stirn, mitten im "Alles wird gut". Die ersten Schritte waren noch unsicher. Ich sah Friedrich Friederichsen.

"Ist Kim hier?" Stimme und Blick flatterten noch ein bißchen.

"Kim, sagst du? Äh, ja, natürlich! Die steht da hinten mit Kai und Flum."

Ich stapfte los, wie Rolf Rüßmann in den Strafraum. Die drei hatten sich ein separates Plätzchen zwischen Rückwand und Flipperwand ausgesucht. Man sah ihnen an, wie gut und verschworen sie sich fühlten. Vor allem Kim hatte schon wieder rötliche Kifferaugen. Mein linker Schnürsenkel ging auf, gerade, als ich in den fidelen Kreis trat. Ich bückte mich und band den Schuh wieder fest. Flum und Kai lachten, Kai witzelte:

"Kim, der will dir die Füße küssen…"

Von unten fragte ich gereizt:

"Seid ihr wieder voll? "

"Was? " Von oben kam Gelächter.

"0b ihr wieder völlig voll seid! "

Ich stand auf. Flum drückte mir einen Fünfzigmarkschein in die Hand:

"Hol uns drei Whisky-Cola. Komm, mach schon."

Ich ging. Aber nur, weil ich selbst unbedingt einen Sekt brauchte. Vor der Bar schubste ich aggressiv alle weg. Im Nu war ich wieder bei Kim, mit meinem Sekt und ohne die Whisky-Colas. "Was ist denn nun, Mann!" wollte Flum wissen.

"'Ich hatte keine Lust, euch die Sachen zu holen.“

Die restlichen fünfundvierzig Mark wollte er nicht mehr anfassen:

"Behalt den Dreck." '

Das war gut. Nun war ich reich.

Kaum stand ich da und versuchte, mit Kim in irgendeiner Weise Kontakt zu bekommen, trat Kai Flumieboy an ihr Ohr und säuselte etwas.

"Noch ein Rohr, echt?" antwortete Kim. Die beiden verschwanden.

Ich fragte Flum, warum er nicht mitrauche.

"Ich bin ja krank im Moment. Ist ganz schrecklich. Ich hab ne Blutanalyse gemacht vor paar Tage, und da sind alle Werte... total unten, durch die Bank! Mich hat's einfach... ganz schlimm erwischt."

Mir fiel wieder ein, daß Flum Italiener war und gerne redete und überhaupt ein netter Kerl war. Ich ließ ihn reden.

"…ich hab einfach den Virus so in zehnfacher Form erwischt von Normal, also eine Überdosis Virus, so der Goldene Virus-Schuß."

"Was sind es denn für Viren?"

"Weiß nicht, sie haben mich jedenfalls an den Rand des absoluten Ruins getrieben. Vierzig Grad Fieber vor drei Tagen, und Wahnträume, und nachts so Verfolgungswahn, von irgendwelchen gräßlichen Popmusikstücken, die ich bis zu ein paar Tage davor geliebt habe, seitdem kann ich sie nicht mehr hören, weil sie so die ganze Nacht im Kopf rumgehämmert haben, und, ach, noch vieles mehr. Wirklich ein einmaliges Erlebnis."

Wir unterhielten uns über unseren gemeinsamen Freund Fritzi, über die deutsche Presselandschaft, den Kanzler und über Kim. Es wurde richtig nett. Nur Kims Ausbleiben machte mich langsam nervös.

Nach einer Stunde lief ich nach draußen. Die beiden jungen Leute saßen im Auto. Ich riß die Tür auf. Der Flumieboy hatte einen frisch fertig gewordenen Joint vor sich auf der Klappe des Handschuhfaches. Der wievielte das wohl war? Der dritte?

"Du Schwein!" fuhr ich Kim an. Die Grenzen fielen mehr und mehr.

"Was ist?" fragte sie erschrocken mit großen runden Babyaugen. Offenbar hatte sie sich und die Welt, vor allem die Zeit, vergessen.

"Jetzt aber raus hier, Bubi! " Der Kiffer verließ das Auto, kam noch einmal zurück, weil er sein Jointpapier vergessen hatte, stand aber unter Schock: zitternd und irgendwie verzweifelt pickte er mit seinen langen kraftlosen Armen das Papierehen vom Boden auf.

"Ich will mir die Zeit nicht mit dem Barkeeper vertreiben, sondern mit dir! Wir gehen jetzt zusammen in dieses Lokal und trinken etwas! "

Ich hatte Lust auf eine Standpauke.

Kim leistete keinen Widerstand. Ich machte Flum Zeichen, uns alleine zu lassen. Endlich konnte ich wieder einmal mit Kim in Ruhe ein Glas Sekt trinken, was ich für mein Leben gern tat.

"Was meinst du, wie lange ich mir das noch gefallen lasse, eröffnete ich die Runde. Kim zuckte ängstlich mit den Schultern. Ich fuhr fort.

"Wie lange brauche ich wohl, um einen Satz zu verkraften, wie: ohne mich bist du glücklich und hast eine strahlende Zukunft, mit mir aber hast du nur Drangsal? Zu verkraften und angemessen darauf zu reagieren? Na? Ich kann es dir sagen: vier Wochen! In besonders brutalen Fällen acht Wochen. Dein Fall war besonders brutal, aber die acht Wochen sind bald um"

Kim war ganz verschüchtert. Vielleicht lag es auch am Haschisch. Ich nippte am Glas und machte grimmig weiter.

"Hast du keine Angst, daß ich mich mit einem anderen Mädchen befreunde? Daß dir alles leid tun wird? "

"Doch, bereuen werde ich alles in jedem Fall, aber ich kann nicht anders handeln als aus mir selbst heraus. Ich bin Fatalist. Es kommt, wie es kommt."

"Eine schöne Hundemoral hast du dir da zugelegt", lachte ich, "viel Spaß damit, meine Liebe. Ich glaube nicht, daß dich das noch tröstet, wenn ich mit einem anderen Mädchen zusammen bin. Und ich habe meine Möglichkeiten. Weil ich nämlich nicht der Spießermann bin, als den du mich darstellst. Ich bin akkurat das Gegenteil und die Mädchen lieben mich dafür. Paß auf, bald bist du mich los. Du wolltest mich doch unbedingt loswerden! Ich mache dir ein Angebot: du gehst jetzt zu Flum in die Ecke, läßt dich nachher von ihm nach Hause fahren, und für uns beide ist alles erledigt, für immer."

Sie ging nicht darauf ein. Stattdessen entschuldigte sie sich. Alles sei falsch gelaufen und so weiter. Jedoch:

"Wenn ich dich nicht habe, habe ich eben niemanden mehr. Dann laufe ich eben nur noch so herum, alleine und gleichgültig, vielleicht sogar: ruhig und zufrieden. Man weiß es nicht."

"Ha! Oh, doch! Ich sehe dich schon genau vor mir, wie du in den Lokalen stehst und GIERST und es läuft aber nur Schrott herum!"

Genüßlich ließ ich in kleinen Schlückchen den Sekt durch die Kehle laufen. Ein kleiner Triumph, dieser Abend. Natürlich war es auch bedenklich billig; bald hatte ich den Bogen überspannt. "Na ja, nichts für ungut, Kleines, mach dir keine Sorgen, Hunde die bellen, beißen nicht. Es wird schon alles gut werden, laß dir die Stimmung nicht verhageln. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. "

"Das, was man wirklich will, bekommt man nicht..." sinnierte Kim.

"Unsinn. Ich habe zum Beispiel immer nur dich gewollt, und habe ich dich bekommen, na? "

Kim antwortete nicht, wahrscheinlich dachte sie ‘nein‘.

"Laß uns nach Hause fahren bitte!" bat sie, seltsam vertraulich.

Es war dafür viel zu früh, aber bitte sehr. Ich nahm mir insgeheim vor, in das Lokal alleine zurückzukehren. Mit leisen Sohlen schlichen wir an Flum und Kai vorbei und fuhren los.

Vor ihrem Haus passierte dann etwas Merkwürdiges. Kim fiel regelrecht über mich her.


Svenia (Foto: Lottmann Images)

Sie machte alles mögliche mit mir, sodaß klar wurde, daß ich mitkommen sollte, aber den Mut, es auch zu sagen, hatte sie nicht. Oder anders ausgedrückt: sie mochte sich nicht von dem angeehmen Vorteil trennen, später sagen zu können, es sei wieder von mir ausgegangen, vom Spießermann, der nur das Eine wollte. Die Folge war, daß ihre Rechnung platzte. Nun ging sie am frühen Abend alleine in ihre sattsam bekannte kleine Wohnung. Ich dagegen fuhr zurück in das belebte Insider-Hipness-Lokal "Alles wird gut".

Ich wußte, warum. Mir war nämlich nicht entgangen, daß sich Svenia, eine verhinderte Hochsommerleidenschaft von 1981, in den hinteren Räumen befand. Ihretwegen war ich wieder hier.

Da Svenia mich sehr gerne hatte, war es mir damals nur mit innerem Zwang gelungen, einer zumindest kurz- bis mittelfristigen Affäre aus dem Weg zu gehen.

Ich sprach sie sofort an.

"Svenia, du mußt mir helfen. Ich habe Schwierigkeiten mit meiner Freundin. Mein Plan sieht vor, daß wir ungefähr dreimal nachts ausgehen. Würdest du mitmachen? "

Svenia nickte und leuchtete mich an. Sie war still, ihr Charme kam von Innen, was ihr meistens verübelt wurde: sie war nicht 'kommunikativ'. Mir machte es nichts; mit schwierigen Menschen war ich gerne zusammen.

"Es ist so: seit sieben Wochen löst sich Kim von mir. Zeitweise bringt sie mir nur noch Haß und Verachtung entgegen. Ich muß handeln, ehe es zu spät ist... wir machen folgendes: am nächsten Freitag um Punkt elf Uhr wird Kim hier im "Alles wird gut" auftauchen. Zehn Minuten später kommen wir dann, du und ich, Arm in Arm." .

"Das wird sie durchschauen - " flüsterte Svenia.

"Nein, dazu ist sie zu eifersüchtig. Wir können uns ja etwas zurückh alten. Auf jeden Fall stehen wir dann die nächsten fünf Stunden zusammen und trinken so viel Sekt, daß wir nicht mehr wissen, ob wir wachen oder träumen! " Die Vorstellung war mir wirklich angenehm.

Mit der zerbrechlichen Svenia zu trinken, zu lachen, zu trinken und dabei zuzukucken, wie die grandiose Koks-Königin Kim allmählich in all ihre Einzelteile zerfiel - das wollte mir wohl gefallen.

Svenia erzählte, daß sie vier Wochen vorher mit ihrem Freund Markus Blecker Schluß gemacht hatte.

"Er ist nur ein ganz normaler Junge", begründete sie gleichermaßen dünn wie prägnant. "

"er hat Probleme mit seiner Mutter - wie jeder junge in diesem Alter , er kifft, geht zur Schule und redet viel dummes Zeug

"Kim behauptet dasselbe von mir. Vielleicht sind ja alle Männer gleich, meinst du nicht?"

Ein guter Witz. Svenia lachte müde, das heißt, sie sah mich von drr Seite an und lächelte unsicher, weil sie sich auf den Arm genommen fühlte. Wir vorabredeten uns fest für den Freitag Abend. Darin fuhr ich sie nach Hause. Als sie ausstieg, imponierte sie mir durch eine vielsagende kleine kleine Geste: Sie schlug die Tür zu, aber nur halb, wie das alle taten, weil das Schloß klemmte. Im Gegensatz zu allen anderen jedoch, auch im Gegensatz zu Kim, die es nie begriffen hatte, vorharrte sie nun nicht eine Schrocksekunde lang unschlüssig vor der halb geschlossenen Tür, sondern öffnete sie augenblicklich aufs Neue und schlug sie ganz zu: Schwwuppp! Perfekt und dicht, wie eingeschweißt, saß das Ding im Schloß, so gut wie noch nie. Svenia tänzelte davon, klein und anmutig.