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Port Stanley ist gefallen 13 (Teil 1)

Hätte ich Svenia schon am nächsten Tag getroffen, wäre alles schiefgegangen. Mir passierte nämlich nun, als retardierendes Moment in der Entwicklung, ein böser Einbruch im körperlichen Bereich. Nicht daß ich krank wurde – wie hätte mir eine brave Erkältung mit Fieber und viel Schlaf gut getan! – nein, umgekehrt, ich bekam keinen Schlaf mehr. Es konnte ja gar nicht anders kommen: ich hatte es schon seit längerem erwartet. Sieben Wochen ohne seelischen Beistand: das machte jeden fertig. Jeden, der sich mit Liebe und Zärtlichkeit gut eingerichtet hatte.

Und nun war es soweit.

Der letzte Auslöser war ein Gespräch, das ich mit Flum hatte. Vorher war ich vor dem Kino gewesen, um Kim abzuholen, die mich aber nur ausgelacht hatte:

"Pech gehabt! Ich bin schon verabredet. Flum holt mich in zehn Minuten ab. Wir haben Wichtiges zu bereden…"

Als Flum dann kam, Sekunden später, und mich sah, raunte er fluchtartig wo,. Ich rannte hinterher. Was hatte der Mann?

Er schlüpfte in ein Taxi und hielt den Fahrer an, sofort loszufahren. Das klappte wohl nicht. Wahrscheinlich war der Fahrer zu dämlich. Ich rannte auf die andere Seite und stieg einfach ein.

"Mensch, hab' ich ein Glück, Flum."

"Ich fahre zum 'Alles wird gut', kannst ja mitkommen, trinken wir einen." sagte Flum, wieder konziliant und zur Vernunft gebracht. Trotzdem wirkte er unsicher, als hätte er mir gegenüber ein schlechtes Gewissen. Er sah mir nicht in die Augen.

"Flum, was ist mit dir," fragte ich ihn dann im Lokal, "verheimlichst du mir etwas?"

"Was, ich? Wieso? Warum - ? Nein, nein, das nicht. Nur… ich habe Schwierigkeiten mit deine Person," - er sprach ein etwas fehlerhaftes Deutsch - "... ich bin nicht auf deine Standpunkt, das heißt, ich verstehe ihn, aber ich kann ihn nicht nachvollziehen, verstehst du? Ich bin auf die Standpunkt von Kim, ich finde," - er lachte verlegen - "daß sie recht hat.., ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, weil, Kim ist so unschuldig, so edel... sie ist die Schwächere, man muß auf ihre Standpunkt sein. Das bringt mich aber echt in Schwierigkeit zu dich, zu deine Person, das ist so übel, richtig gemein... ich kann im Moment nicht nett zu dich sein, weil ich nicht so fühle. Verstehst du? Ich fühle zu Kim... nicht zu dir, verstehst du?"

Das war offen und ohne Hinterhalt, fast charmant. Ich nickte.

"Wenn du das durchgemacht hättest, was ich in den letzten Wochen... na, würdest mich dann schon verstehen..." erwiderte ich wenig originell. Flums naives Kleinjungengesicht, die engen, arglosen Augen, der recht-schaffen-freudlose Mäuschenmund und das viel zu kleine, unpassende, vor keiner Frauenhand je berührte, gelbe Jackett stimmten mich versöhnlich. Warum sollte ich gerade dem unmöglichen Flum irgendeine obskure Schuld aufladen? Der Mann meinte es gut, er war nicht schlecht. Leider machte er den Fehler, das Thema zu wechseln und plötzlich heillos und unsensibel von Kim zu schwärmen.

"Ah, Kim ist phantastisch! Sie baut mich so auf, es geht mir, als wenn ich sonstwas genommen hätte, wie auf Pille. Heute die PR für Mirelle Mathieu gemacht mit ihr, phantastisch. Sie hat ja irre gute Ideen, so eine kreative Potenz im sublimen Ebenenbereich, so eine pseudo-quasi entmaterialisierte Sensibilität, die bewußtseinsmäßig, die also kreativitätsmäßig auf einer ganz anderen mentalen Stufe steht als bei normalen Leuten, verstehst du? "

"Glaube schon. Aber du drückst dich zu abstrakt aus. Du weißt doch, daß ich dir da nicht folgen kann."

"Es ist so: kreativitätsmäßig baut sie auf: auf eine sensibilitätsmäßig sublime kreative marktorientierte konzeptionelle Potenz, die daß Gegenteil von vordergründig-trivial ist, die aber dem entspricht, was wir uns für ein Massenpublikum vorstellen - Mirelle Mathieu, Köhnlechner. Bild am Sonntag, und so weiter. Sie macht dort einen Strich, sie macht hier einen Strich: und das ist es. Sie sagt ein Wort, ein einziges Wort: und das ist es, DAS Wort. Genial einfach."

"Das hast du über mich früher auch gesagt." merkte ich sperrig an. Ich verletzte unsere alte Konvention, die Spinnereien des anderen nicht zu unterminieren. Prompt piekte Flum zurück. "Tut mir leid, aber bei Kim ist es doch etwas mehr. Ich habe immer gesagt und sage es noch, daß deine Fähigkeiten im trivial-kommerziellen Bereich großartig sind, aber da liegen dann auch schon die Grenzen. Kim dagegen... sie turnt mich richtig an. Ich fühl' mich wie ein neugeborenes Baby. Heute wieder so ein Marathon-Gespräch gehabt, im Wintergarten, wahnsinnig. Die Zeit blieb stehen. Am liebsten würd' ich jetzt noch da sitzen."

"Scheint, als hättest du den Deal des Jahres gemacht, Flumie. Deine komische 14jährige Maus gegen die vollausgebildete Super-Kim. Übrigens, was sagt sie denn dazu, die kleine Maus?"


Stephan T. Ohrt (Lottmann Images)