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Port Stanley ist gefallen 14 (komplett)



Kim nahm das Telefon nicht mehr ab.

Erst dachte ich, sie sei nicht zu Hause und suchte sie in allen Lokalen, wobei Ich mich bei sechs Flumieboys lächerlich machte, die ich durchschüttelte, einen nach dem anderen: 'Wo ist Kim! Sprich, Elender!'

Ich rief bei Flum selbst an, nachts um zwei.

"Ist Kim bei dir?"

"Natürlich nicht!" sagte der Mann ehrlich entrüstet.

Meinen Freund Friedrich Friederichsen erwischte ich wieder beim Froggrer-Spielen.

"Na, du Idiot! " Ich schlug ihm auf die Schulter.

"Was ist denn das für eine Begrüßung?" wunderte und ärgerte er sich.

"Hast du Kim gesehen?"

"Nein, sie war nicht hier, den ganzen Abend nicht, tut mir leid. Was ist denn mit ihr?"

Er war schon wieder freundlich, womöglich, weil er sich Sorgen machte. Ich wandte mich aber sofort ab.

Im Cha-Cha traf ich auf den jungen Felix Reifenbach, der mit einem Menschen, den man "den Typ" nannte, in gerader Haltung an der Bar saß. Ein sonderbares Bild: beide auf den hohen Barhockern, so steif, so anständig, trotz der langen Haare. Felix sagte dann auch, als ich wirr an ihn herantrat;:

"Darf ich vorstellen: Patrick von Knobelsdorff."

Dabei kippte er die flache Hand in Patricks Richtung, der übrigens wie Winnetous Vater aussah und manchmal sogar mit Günter Amendt verwechselt wurde. Das heißt, er hatte ein pockennarbiges, adlernasiges Indianergesicht und lange schwarze Indianerhaare. Er war aber erst neunzehn.

"Angenehm. Hast du Kim heute. gesehen?"

"Oh nein!" Auch Reidenbach sah mich sorgenvoll und aufgeschreckten. Ich fuhr zu Kim und stieg über den Balkon ein. Sie lag blond im Bett und las den Spiegel.

"Also Mensch, Kim… ganz Hamburg nach dir abgesucht..." Die Balken- und Regenrinnen-Kletterei, jedesmal über mehrere Stockwerke und an den schlafenden Nachbarn vorbei, hatte mich auch diesmal angestrengt.

"Warum nimmst du das Telefon nicht mehr ab?"

"Ich wollte ungestört sein. Ich war im Kino, bin erst vor einer Stunde wiedergekommen. '1900' von Bertolucci, beide Teile, also sechs Stunden mit Pause..."

"Schon gut, Kindchen. Ich wollte dir noch eine Frage stellen. Du hast doch gesagt, du hättest kein Vertrauen zu mir. Da ich aber in der Welt fast nur Feinde habe, heißt das, sofern du denen vertraust, daß du ein extrem übles Bild von mir hast. Stimmt's?"

Kim gab eine druckreife Erklärung ab, die ich nicht ganz verstand, wie alles, was nicht auf Anhieb anschaulich ist.

'Vertrauen ist die Basis einer Freundschaft. Fehlt es, sinkt damit nicht die Achtung, sondern, die Freundschaft verliert ihre Basis. Genau das Ist bei uns passiert."

"Übrigens… wie war denn '1900.'?"

"Na ja, na ja, ein verlängerter 'Konformist'. Der Film kam zehn Jahre zu spät."

Da hatte sie wohl recht, aber das war mir völlig schnuppe, Ich wollte wissen, was sich hinter dem abstrakten, abgegriffenen 'Vertrauen' versteckte. Was war das? Was meinte sie? Als ich sie fragte, schlingerte sie nur hilflos im Kreise:

"Ich habe kein Vertrauen zu dir... ich weiß nicht... Dinge, die du mir sagst, oder nicht sagst: ich vertraue dir nicht. Für mich bist du ein prismatischer Mensch. Ich habe nie das Gefühl, im Besitz oder in Kenntnis des ganzen Menschen zu sein, sondern immer nur in Kenntnis einer Facette, und das andere ist versteckt."

Ich schluckte. War das nicht wieder ein ziemlicher Tiefschlag? Sollte ich mir etwa wie der alternde Max Frisch an die Brust schlagen und die üblichen dummerhaften Vorurteile bestätigen, wonach der schreibende Mensch sich immer hinter dem Geschriebenen "verstecke"? Was für eine kleinliche Sicht der Dinge! Warum schloß sie nicht von der Facette auf den Rest, das war doch sicher einfach!

"Das ist diskriminierend!" schimpfte ich, "Einen Menschen, nur weil er so ist wie ich..."

"Du sollst ja so bleiben wie du bist, aber mir ist es zu anstrengend. Ich komme damit nun einmal nicht zurecht."

Ich schwieg. Potzblitz, das war zuviel. Wie sollte ich noch morgens unbefangen vor den Spiegel treten, wenn die eigene Frau in mir einen Fremden sah? Wie schauderhaft!

"Du vertrauet mir ja auch nicht," erklärte sie, "deine Aufzeichnungen darf ich nicht lesen, den Anrufbeantworter darf ich nicht abhören, den Safe nicht öffnen, gewisse Dinge, die du gemacht hast, darf ich nicht wissen, deine Briefe darf ich nicht lesen."

Natürlich nicht. Sie war so empfindlich, daß sie sonst bereits dreißigtausendmal die Beziehung beendet hätte. Nicht auszudenken, welche Uweltkatastrophen und ökologischen Dauerschäden, welche psychischen Verbrennungen dritten Grades aufgetreten wären, wenn sie meine Aufzeichnungen gelesen hätte, regelmäßig! Sie hatte es dreimal getan: nach dem ersten Mal fiel sie in eine halbjährige Depression, nach dem zweiten Mal nahm sie sich eine eigene Wohnung, und nach dem dritten Mal... dauerte es nur noch zehn Tage, bis sie die Trennungsschlacht begann.

Ich sagte ihr also, daß die Geheimhaltung nötig war; sie sei nun einmal krankhaft-klinisch eifersüchtig gewesen. Schon normale Dinge, hätte sie sie erfahren, hätten Katastrophen bei ihr ausgelöst.

"So wie jetzt bei dir!" rief sie triumphierend.

"Ja, ja."

"Mit dem Unterschied, daß ich es zwei Jahre lang mitgemacht habe! Gute Miene gemacht habe. Ich war immer da. War immer so lieb. Immer leicht zu beschwichtigen..."

"Ja, ja."

"Bestraft habe ich nie dich, sondern mich selber. Ich ging nicht mehr aus, ich haßte mich." Sollte ich die Debatte nun durchziehen oder nicht? Sollte ich wieder alle sogenannten Mädchengeschichten herunterspielen? Nein. Ich blieb stumm und überließ Kim das Schlußwort:

"Ich habe Schluß gemacht, weil es nicht ging. Weil unser Zusammenleben so nicht funktionierte. So wie es. war funktionierte es nicht. Es befriedigte mich nicht."

"Und wie war es?"

"Ich habe mich unfrei gefühlt. Also beim Ausgehen, wenn wir zusammen ausgegangen sind. Frei habe ich mich gefühlt, wenn wir nicht zusammen ausgegangen sind. Und da das nicht Sinn der Sache ist, also auch nicht Sinn einer vertrauensvollen Freundschaft, die Dinge gleichsam aufnimmt und bewertet, sprich Komplizenschaft, funktioniert es eben nicht. Wir sind einfach keine Komplizen! Du hast mich in nichts eingeweiht! Die heißen Dinge liefen ohne mich! Erzählt hast du nie etwas, und wenn, dann nur olles Zeug, unaktuelles, künstliches, veraltertes Zeug, wo keine Spannung mehr drin war, wo die Luft längst wieder draußen war. Wenn ich mit dir in die Öffentlichkeit trat, wußte ich: die alle sind deine Komplizen. Bloß ich nicht."

Ach, eine ewige Zwickmühle war das! Sagte ich ihr alles, drehte sie durch; sagte ich ihr nichts, vertraute sie mir nicht. Am meisten aber ärgerte mich die Vorstellung, immer "die Wahrheit" sagen zu sollen.


Foto: Lottmann Images

Das tat ich doch zu nichts und niemanden. Ich fand nämlich, daß ich allen Menschen gegenüber ein unterhaltsamer Plauderer war, ein ein­fallsreicher, oft provokanter, meist sehr persönlicher Gesprächspartner, der viele Fragen stellte und den anderen in Atem hielt, was aber nur ging, wenn mich keine "Wahrheit” fesselte. Auch Kim gegenüber war ich ein solcher Stundenfüller. Ich behandelte sie nicht anders als die anderen Menschen, die doch mit mir zufrieden waren und mich schätzten.

Kim kam mir vor wie ein bestimmter Chef, den ich vorübergehend bei der Tageszeitung DIE WELT gehabt hatte. Dieser Aushilfs-Chef hämmerte mir jeden Morgen mit sächsischem Akzent ein, ich solle "die Wahrheit" zu Papier bringen. Nur "Dadsachen", immer nur "Dadsachen". Er mißtraute mir noch mehr, als Kim es tat. Alle Artikel mußte ich viermal schrei­ben, weil noch zu wenig "Dadsachen" in ihnen steckten. Nach vierzehn Tagen war ich krank und bettlägerig. Erst als der Aushilfs-Chef ver­schwand, kam ich wieder auf die Beine.

Was wollte Kim? Mehr "Dadsachen"? Mehr Komplizenschaft? Oder war sie unrettbar neidisch auf alle Menschen, mit denen ich mich gut verstand? Ich war immer von letzterem ausgegangen. Erzählte ich versuchsweise ungeschminkt von meiner - mehr oder weniger aufregenden - Außenwelt, schlug ihr das auf den Magen. Also verbog ich, wenn ich danach gefragt wurde, die Außenwelt zu einer langweiligen ollen Kamelle, die zu erleben sich gar nicht lohnte.

Seit Kim aber mit Flumi, dem alten Klatschmaul, zusammen war, wußte sie es besser. Klar, daß sie mir nicht mehr vertraute.

"Ich kann mir einfach nicht vorstellen," sagte ich, "daß du mich nicht kennst."

Endlich dementierte sie die furchtbare Behauptung:

"Natürlich kenne ich dich. Ich kenne dich besser als du dich selbst, wahrscheinlich. Aber ich habe mir meine Informationen über dich von anderen beschaffen müssen."

Na, wußte ich es doch.

"Was waren denn das bloß für Informationen?" Es interessierte mich wirklich. Ich hatte keine Ahnung, was man über mich Böses zusammentragen konnte. Schließlich war ich doch immer "treu" gewesen, oder?

"Größtenteils habe ich deine Aufzeichnungen gelesen. Jeden Tag, jahrelang. Ich hatte einen Nachschlüssel zum Safe machen lassen. Ich las immer, ohne daß du es wußtest."

"Mein Gott, da muß ich die Dinger ja auch mal lesen... Aber da konnten doch nicht Sachen drin stehen, die es nicht gegeben hat."

"Um so schlimmer, wenn du dir alles ausgedacht hast."

Ich sah mich außerstande, dazu Stellung zu nehmen. Ich wußte nur, daß die Aufzeichnungen sehr, sehr übel waren. In ihnen hatte ich, unter anderem, alle gemeinen Phantasien ausgetobt.

Ich muß doch wissen, was ich gemacht habe. Kim, es kann sich nur um ganz seltene, partikulare, für dich traumatische und - "

"Flum und seine Leute bestätigen, wie wild du es getrieben hast,"

"Flum bestätigt mir schon seit vier Wochen, wie wild DU es treibst. Das ist so, die Leute quälen einen gern!"

"Warum denn?"

"Das liegt in der Natur des Menschen."

"Ja...," sagte Kim und lächelte schadenfroh, "ja, mir gefällt es auch gut, mit Flum und den Flumieboys..."

"Was gefällt dir da gut?"

"Es gefällt mir gut, mit denen zu sprechen, mit denen zu tun zu haben, mit denen über andere herzuziehen..."

Ich spürte, wie Wut und Eifersucht mich überwältigten. Es machte ihr, also tatsächlich Spaß, mit den elenden Flumieboys über mich herzuziehen! Anstatt geschockt zu sein, lachte sie nur, weil sie sowieso schon alles aus den Aufzeichnungen kannte. Gegenseitig ergänzten sie dann kleine Fehltritte und Schweinereien. Gräßlich, gräßlich...

Pünktlichzum Eifersuchtsausbruch setzte nun bei mir die Erinnerung ein, daß der junge Klaas, ein neuer Flumieboy, ausnehmend hübsch und gut erzogen bis intelligent war, und daß Flum schon von einer kleinen, romantischen Beziehung zwischen den beiden gefaselt hatte, Kim selbst hatte, als wir noch ein Paar waren, mir gestanden, wie toll sie den schüchternen und doch selbstbewußten Hübschling fand. Es war sonnenklar, wen und was sie meinte, wenn sie davon sprach, gerne mit "denen" zu tun zu haben: niemand anderen als diesen "Klaas". Ich hatte das bis dahin glatt verdrängt, vollständig!

Ich hätte auf ein Stück Holz beißen mögen. Immerhin war ich es selbst gewesen, der, zwei Tage nach Beginn der Trennungsschiacht, Flum gebeten hatte, Kim einzustellen. Damals war ich noch gutherzig, ohne Arg­wohn, aus Gewohnheit väterlich und, wie es im Verwandtenkreise immer hieß, "rührend um Kim besorgt". Ihr Schluß machen war mir nur ein Zeichen für innere Schwierigkeiten. Ja, ich fühlte mich stärker denn je: man hatte mir gerade ein neues, geradezu "traumhaftes" Angebot ge­macht, als Kulturredakteur in einem avantgardistischen Blatt zu arbeiten. So brachte ich Flum, der traditionell in Kim verliebt war, mit der Separatistin zusammen.

Nun hatte sich die Lage gründlich verändert. Den Job hatte ich im Lau­fe der aufreibenden Trennungsschiacht nicht weiter verfolgen können: er war wohl unwiederbringlich dahin. Die Separatistin dagegen hatte inzwischen mehr Macht als ich. Sie war es, die mir einen Job besorgen, oder ihn mir vorenthalten konnte. Sie war es, die über Betrug und Eifersucht entschied, die die Wahl hatte, nicht ich.

"Ich denke, daß wir nicht zusammenpassen, fing Kim wieder an, und ich war gespannt, wie weit sie die Daumenschraube diesmal drehen würde, "ganz einfach ist das. Wirklich."

"Vor sieben Wochen wolltest du mich heiraten."

Kim lachte.

"Das würde ich jetzt natürlich nicht mehr machen" freute sie sich.

"Warum freust du dich so?"

"Ich will überhaupt nicht mehr heiraten, ich will alleine bleiben. Ich will nichts von dir wissen, so gemein es auch ist. Ich will nichts von dir wissen, weil ich noch keinen festen Beruf habe. Ich fange ja erst an. Ich kann dir noch nichts entgegensetzen. Ich kann dir sowieso niemals etwas entgegensetzen. Ich habe zwei Jahre lang nichts gehabt, wirklich: nichts! Also mir gegenüber; worauf ich stolz gewesen wäre. Null. Nichts. Und jetzt habe ich eine Ahnung von Leistung, die ich er­bringen kann und die bezahlt wird, eine Ahnung von Sprechen, von ver­schiedenen Menschen, von Zuhören, von dem, was überhaupt möglich ist an Leben."

"Ist nichts mehr von dem Sekt da?"

"Nein."

"Noch einmal: warum ist es dir so ein Triumph, mich nicht mehr zu heiraten?"

Zu ihren flammenden Emanzipationsreden fiel mir anscheinend nicht mehr viel ein.

"Es ist mir kein Triumph. Es geht einfach nicht mehr."

"Deine Haltung wird jeden Tag härter. Woran liegt's?"

"An dir. Du entlarvst dich zunehmend. Ich finde, daß aus dir seit Wo­chen das pure Besitzdenken spricht. Die Mutterbrust ist dem Kind ent­zogen, jetzt plärrt es. Oder... der Giscard d'Estaing hat die Regierungsmacht verloren, jetzt weint er. Wenn du mich wirklich liebtest, würdest du mich in Ruhe lassen."


Foto: Lottmann Images

"Ha! Ohne mich! Ein solches kreuzdämliches Liebesverständnis hab ich noch nie verstanden! Auch als Jugendlicher nicht. Das war mir immer der Inbegriff von Heuchelei, Selbstbetrug und Lebenslüge, ja, von Debilität. Guck dir mal die Jünger an, die so etwas predigen: alles Zu-kurz-Gekommene. Haschköpfe, denen man das Gehirn weggepustet hat. Nein, lieber streite ich mich um Kopf und Kragen, als daß ich frei­willig diese Schrottideologie schlucke. Ich schlucke diese fade Suppe nicht, diesen öden, ungenießbaren Fladen! Niemals!"

"Meinst du, ich freue mich noch, wenn du nachts um vier anrufst? Ich brauche meinen Schlaf."

"Stimmt..."

"Und es bringt mir Spaß, mich mit anderen Menschen zu unterhalten."

"Gerechtigkeit, Kim! Was dir jetzt Spaß ist, kann bei mir doch nicht die reine Teufelei gewesen sein."

"Doch. Weil ich nicht verstehe, daß du es geduldet hast, diese himmelschreiende Ungleichheit. Du hattest alles, ich nichts. Das fandest du gut. Wenn das nicht teuflisch ist!"

Natürlich fand ich nicht die Ungleichheit gut, sondern Kim. Natürlich tat ich alles, damit es mit ihr aufwärts ging. Ich gab ihr Geld, ein eigenes Auto, eine eigene Wohnung, eigene Aufträge, ich schrieb ihr die Testreportagen für die Journalistenschule, ich schlief nicht mehr mit ihr, ich sah sie kaum noch, ich kritisierte sie nie, ich schrieb ihr jeden Tag Briefe, ich brach mit allen Freunden, ich zog mich aus dem gesellschaftlichon Leben zurück, ich brachte ihr professionelles Recherchieren und Schreiben bei, ich erschien auf allen offiziellen Empfängen und Feiern ohne Begleitung, ich machte mich kleiner als ich war, ich beschuldigte mich selbst der Dominanz und Unterdrückung, ich saß millionenmal auf ihrem Bettrand und redete ihr Depressionen und Minderwertigkeitskomplexe aus. Ihr Selbsthaß war schier unüberwind­lich. Das erste probate Mittel dagegen wurde erst jetzt gefunden: der Selbsthaß gegen sie wandelte sich in Haß gegen mich.

"Kind, ich wollte immer, daß es dir gut ging", sagte ich ohne große Hoffnung.

"Ich war die ganze Zeit nicht ich. Jetzt bin ich es wieder. Ich bin ich, wie vor den zwei schrecklichen Jahren, in denen ich es nicht war. "

"Warum warst du es nicht?"

"Weil ich es mir gar nicht erlauben konnte. Weil ich doch dankbar sein mußte, daß ich überhaupt jemanden hatte."

"Blödsinn. Nein, bitte beantworte die Gretchenfrage: Was hat es notwendig gemacht, das, was du jetzt machst, mit einer definitiven Trennung zu verbinden?"

"Daß du mir nicht hineinredest. Daß du nicht versuchst, mich in irgendeiner Weise zu lenken. Oder Interpretations- und Theorieversuche anstellst. Daß du mich nicht beurteilst. Daß du dich nicht einmischt, der deine Miesmachereien über die Leute schüttest, mit denen ich zu tun habe. Das alles! Dein Filter, daß der nicht mehr da ist!... Es gibt schließlich keinen Grund, daß ich deine Gedanken übernehmen muß!"

Nun kamen wir der Sache näher.

"Sehr richtig, Kim. Es gibt keinen Grund, daß du meine Gedanken Über­ehmen mußt. Tu’s doch einfach nicht!"

"Tu ich auch nicht."

"Und warum dann Trennung?"

"Weil: das sind ja Gedanken, die ich nicht mag und die nicht meine Gedanken sind, mit denen ich mich nicht identifizieren kann. Und wenn ich mich mit jemandem nicht identifizieren kann... was soll es dann noch?"

Ich hätte jetzt billig kontern können, wo die Identifikation aufhöre, beginne die Liebe. Da beginne die Realität und ende die Projektion, nur war das nicht mein Standpunkt. Ich war ein leidenschaftlicher Anhänger von Projektion und Identifikation.

War man ehrlich, so gestand man sich ein, daß Kim soeben nichts ande­rs gesagt hatte, als daß sie mich nicht mehr leiden konnte. Ich hoffte nur, daß sie es selbst nicht gemerkt hatte. Ich wurde still und hörte kaum noch hin, als sie weiter ihre Breitseiten abfeuerte.

"Ich kann nicht mit dir Zusammensein, weil du mich terrorisierst und mich boykottierst."

"Doch erst jetzt, aus gegebenem Anlaß."

"Ja... aber vorher auch schon, nur subtiler. Ich habe dir auch alles geglaubt und so. Deine Gedanken sind schädlich für mich, basta."

"Auch wenn wir uns nur eine Stunde pro Woche sahen?"

„Natürlich. Wenn du mir vorwirfst, daß ich mit dir nicht spazieren gehe!"

Rabenschwarzer Tag im August, ich erinnerte mich. Da war mir, entge­gen den Prinzipien meines Propagandaministeriums, das ich für Kim eingerichtet hatte, ein Vorwurf unterlaufen.

"Außerdem," fuhr sie fort, "gehe ich jetzt ganz anders durch die Straßen. Es ist ein anderes Gefühl. Das ich nie mehr missen möchte."

Also habe ich keine Chance", resümierte ich überflüssigerweise.

Kim schwieg.

Endlich, nach zehn oder zwanzig Sekunden, raffte sie sich zum Einlenken auf:

"Doch. Natürlich hast du eine Chance... du weißt doch alles, ich erzähle dir alles. Du brauchst mich nur zu fragen und ich würde dir alles sagen... das tut man bei keinem anderen Menschen. Außerdem: in meinen Augen bist du auch kein schlechter Mensch, aber ich habe mir eben zu viel gefallen lassen."

"Aha... heißt das, daß ich mich manchmal ganz normal verhalten habe?"

In mir kam schon wieder Hoffnung auf.

"Also gehen wir davon aus, daß es sehr wohl subtile Unterdrückungsmechanismen gegeben hat. Die wird dir jeder bestätigen."

Flum, dieser Erzschurke! Das sollte er mir noch büßen! Der Mann schreckte offenbar vor nichts zurück. Um Kims Wohlwollen zu behalten, halluzinierte er sogar "subtile Unterdrückungs-mechanismen" meinerseits, Das schlug dem Faß die Krone aus.

Ich hatte eine Idee: gleich wollte ich Kim nach einem Beispiel fragen, und wenn dann wieder nur die lächerliche Geschichte mit den liebevoll aus dem Gesicht gestrichenen Haaren kam, war alles klar. Dann wußte ich mit empirischer Sicherheit, daß es keine wirklichen Beispiele gab.

Gib doch mal ein Beispiel," sagte ich.

Also meinetwegen, Beispiel, Richard L. Wagner, wenn ich dem gegenüber stehe und du streichst mir die Haare aus dem Gesicht. Sowas zum Bei­spiel. So etwas machst du gegenüber von Dritten! Eine Maßnahme, eine Handlung, die ich... also... unglaublich finde. Na ja, und ich, die ich so darüber lache und mir so gefallen lasse, und die es so scherzhaft findet, und die dann im Auto daran zerbricht. Auf dem Rück­sitz. Ich glaube kaum, daß du das noch als normales, liebevolles Verhalten bezeichnen wirst. Und selbst wenn; ich finde es jedenfalls, ich empfinde es jedenfalls nicht als solches…"

Tränen rannen ihr über die Wangen. Ich hätte sagen können, daß ich mir, als Wagner bei uns war, von Anfang bis Ende auf die Zunge gebissen hatte und, ganz gegen mein Naturell, stumm wie ein Fisch war, damit Kim in den Vordergrund rückte. Sie war dann auch ganz der Mittelpunkt gewesen, hatte das Gespräch diktiert und großartige Anekdoten über ihren Großvater, den Kapitän, erzählt. Ich fand sie so reizend, daß ich ihr in einer kurzen, liebevollen Bewegung die Haare aus dem Gesicht strich... Konnte ich ahnen, daß es für sie die Schurkerei schlechthin war? Nein... aber ich wollte ihr die inzwischen liebgewonnene Interpretation gar nicht mehr vernehmen. Die Tränen waren schließlich eine Realität besonderer Art; wenn es Argumente waren, dann unterstütz­en sie Kims Standpunkt mehr als meinen.

Ich zündete mir eine von Kims französischen Zigaretten an. Sie hatte immer welche im Haus, seitdem ich ihr fünf Stangen davon geschenkt hatte.

"Ach, ich bin so ein mieser, kleiner Konformist gewesen." jammerte sie in sich hinein. Ich hörte gespannt zu.

"... schließlich stand ich an der Seite eines großen Mannes... den man bewundert hat…" '

Sicher war es für mich und meine notdürftig geflickte Seele das Beste, jetzt zu gehen. Ich rauchte nur noch die Zigarette zu Ende, sagte nichts mehr. Kim sprach zu sich selbst.

"... und immer hab’ ich mich selbst verleugnet... ich muß, ich weiß, daß ich mir mehr vertrauen muß... daß ich mich auf die eigenen Füße stellen muß... Bewerbungsbriefe selbst schreiben muß... ja, und öfter widersprechon, das wäre gut.., "

Ich paffte friedlich an der Gauloise. In Gedanken war ich schon außerh­alb des Zimmers, als ich plötzlich noch folgende Sätze aufschnappte: ... ich verachte dich nicht... ich bewundere dich noch immer... du machst einen Fehler nach dem anderen, aber es beeinflußt nicht meine... Zuneigung, das Fundament meiner Zuneigung... "

Ich war richtig betroffen und hütete mich, etwas zu entgegnen. Sie lag noch in derselben Stellung blond im Bett wie eine Stunde zuvor, als ich gekommen war. Sie hatte sich nicht einmal zu mir gedreht, sondern sprach gleichsam zur Decke.

"... du machst dir zu viele Gedanken über mich..." sagte sie, "... ich bin ein ganz normaler Mensch. Ich bin keine schwerblütiges Depressive und, das da irgendwo, in Watte eingehüllt, in der Wohnung vegetiert, ich bin ein expansiver, machthungriger Mensch."

Wie seltsam! Da lag sie nun, wie in Watte gehüllt, unbeweglich und weinend im Bett - und behauptete doch das genaue Gegenteil. Nun, ihr Verhalten war, was die letzten Wochen anbetraf, tatsächlich expansiv und machthungrig gewesen. Und hatte sie nicht, allen Argumenten zum Trotz, ein Recht, endlich ernst genommen zu werden?

Ich nahm mir vor, darüber nachzudenken. Vielleicht war es für mich besser, ihre Sicht der Dinge kommentarlos zu akzeptieren. Auf jeden Fall wollte ich ihr ein paar Tage Ruhe gönnen.

Ich verabschiedete mich freundlich und verließ die Wohnung leise.