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Port Stanley ist gefallen 15 (komplett)



Das gute Gedächtnis, das man oft bei törichten Menschen findet, hatte ich nie gehabt. Ich war schrecklich vergeßlich; schon den Tag vor dem Vortag erinnerte ich meist nicht mehr. Die dreizehn langen Jahre der Schulzeit waren mir auf ein, zwei Bilder zusammengeschnurrt. Und so wußte ich auch nicht, was in den zwei Jahren der Ara Kim tatsächlich passiert war. Zum Glück lagen in meinem Safe die "Aufzeichnungen", jene im Grunde harmlosen Tagebücher, die Kim als Kronzeugen für meine Charakterlosigkeit anführte. Ich wollte sie lesen.

Nachdem ich einmal um die Alster gerannt war, kochte ich mir einen Kaffee, legte die zehn großen Din-A-4-Hefte, jedes dreihundert Seiten dick gebunden, neben den Lesesessel und begann.

"Mal sehen, ob ich wirklich so ein Schwein war", dachte ich laut. Bald merkte ich, daß die Sache eine Vorgeschichte hatte, die bis in die siebziger Jahre zurückreichte. Der allererste Satz, der je von mir über Kim geschrieben wurde, hatte folgende, gleichermaßen seltsame wie bezeichnende, Form:

"Kims Großmutter ist, wie Kim es ausdrückt, am Winter gestorben."

Die Trauer, der Winter, der Tod, die Großmutter: alles schon da. Und das Mißverständnis - denn die Großmutter war ja lebendiger denn je. Wochen später erst der nächste Hinweis:

"Kim hatte einen schwarzglänzenden Plastkleder-Mantel an und schwarze Schiffchen-Schuhe aus dem letzten Jahrhundert, von ihrer Großmutter. Ihre Großmutter hatte ihr vier volle Kleiderschränke geschenkt. Kim war darüber unverhältnismäßig froh. 'Nur mit der Sexualität,' fügte sie hinzu und guckte komplizenhaft, 'ist das so eine Sache.' Was sie damit meinte, wußte ich nicht."

Im Dezember bekam die Beziehung Fahrt:

"Bei Kim guckte ich mich regelrecht fest. Bei ihr redeten nicht nur die Lippen, sondern auch die Augen, die mal lustige kleine Schlitze, mal entsetzte, vor Angst lodernde Riesenhöhlen waren. Die hellblonden Haare fielen ihr unentwegt in die rechte Gesichtshälfte und wurden von ihr ebenso unentwegt mit einer sekundenlangen, genüßlichen Handbewegung zurückgestrieben. Man konnte stundenlang zusehen, wie diese Hand mit dem Haar spielte. Mir jedenfalls ging es so. Längst hatte ich vergessen, daß es ihre und nicht meine Hand war, die die blonden Strähnen zurückstrich. Die gleichmäßige Zärtlichkeit konnte unmöglich nur von ihr kommen (Später erst erfuhr ich von ihrem Narzißmus)." Kim ein Narziß. Das hatte ich ja früh erkannt!

Die Eintragungen über sie wurden nun häufiger.

"... Das weiße Gesicht mit seinen starken Signalen und seiner blitz­schnell hin- und herkippenden Sensibilität wirkte ansteckend: so er­schrak man mit, wenn sie sich erschrak, und fiel umgehend in Eupho­rie, wenn sie ihre herrlich gewachsenen, porzellanweißen Zahnreihen freilegte und sich freute."

Anscheinend hatte ich schon Feuer gefangen.

"Links neben mir Kim, die mich schüchtern anflackerte, dis einen hohen Barhocker erwischt hatte und einen Kopf höher saß als ich, sodaß ich zu ihr aufschauen mußte und ihre goldblonden Haare im Gegenlicht einer Glühbirne leuchten sah."

Mitte Dezember, immer noch. Man besuchte sich bereits:

"Kim las sauber, flink und flüssig, lag lässig im Sessel, ein Bein oben, eins unten. Es war drei Uhr nachts und ruhig. Keine Uhr tickte, kein Scheinwerferkegel wanderte durch das Zimmer. Ich beneidete sie um dieses schäbige Zimmer. Meine eigene Existenz kam mir dünn vor, ein blutleerer Abenteuerersatz, verglichen mit dem hautnahen Ausgeliefertsein dieses Blondschöpfchens."

"Daß sie keinen Menschen hatte, fand ich erklärlich. Die meisten Men­schen waren eben uninteressant und unsympathisch. Aber nun war ich ja da. Nun war die Qual vorbei."

War ich in Gedanken schon ihr Freund?

Nein, es folgte eine Episode mit einer gewissen Jasmin. Keine Ahnung, wer das war. Ich mochte es auch nicht nachlesen und überflog die Sei­ten nach den geliebten drei Buchstaben, nach KIM. Endlich:

"Ich gab dem Wagen Stoff und fuhr mit durchgetretenem Gaspedal zu Kim. Sie öffnete sofort, Ihre Haare, obwohl von Natur aus hellblond, hatte sie nochmal platinblond gefärbt. Tolles Mädchen, die Kim. Jasmin war dagegen graumäusig."

Als ich damals den Bundeskanzler besuchte, nahm ich Kim mit. So wich­tig war sie mir inzwischen:

"Der Kanzler sprach Plattdeutsch und ich verstand ihn nicht. Kim hatte das Kinn in eine Hand gestützt und sah sehr kritisch aus. Noch nie hatte ich ein so kritisches, konzentriertes Gesicht gesehen. Ihr rie­siger, naturroter Mund beeindruckte mich besonders: gemeißelt und vollkommen lag er da. Diese Person hatte Gewicht."


Foto: Lottmann Images

Man kam sich näher. Beinahe hätte man sich geküßt:

"Kim kam auf den Punkt. ‘Warum starrst du so auf meine Lippen?‘ Die Lippen waren so nahe wie noch nie, es fehlten vielleicht noch zwanzig Zentimeter. Ihr Gesicht war mir im Halbprofil zugekehrt, von schräg rechts unten; die rechte Mundhälfte hätte ich erwischt, wenn ich um­gehend draufgeküßt hätte. Der gesamte Mund wäre sowieso zu groß für mich gewesen. Ich tat es nicht, weil ich, wie gebannt, noch ein biß­chen draufgucken wollte. Ich konnte meinen Blick nicht von diesem Areal - milchfarbene Oberlippe, winzige, kaum wahrnehmbare, unendlich feine Goldhärchen, exakt auslaufendes, rotes Lippendreieck - lösen." Welch ein Glück für mich! Kim hätte die Beziehung auf der Stelle ab­gebrochen. Bis zur ersten Berührung vergingen noch Jahre. Daß es über­haupt dazu kam, grenzt an ein Wunder. Und lag an meiner beispiellosen Zurückhaltung. Die unterschied mich von anderen:

"Ich zeigte Kim die geknechteten Springer-Arbeiter in den unterirdi­schen Walzstraßen. Großer Lärm überall. Millionen von Zeitungen wur­den gerade gedruckt. Wir griffen in ein Förderband, holten eine WELT heraus und lasen meine Artikel. Kim erregte Aufsehen bei den Proleten. Einen Tick zu blond, wie sie war, wurde es schon wieder brenzlig. Von mehreren Seiten kamen, als ich mich etwas entfernt hatte, ölverschmier­te Grabbelhände auf sie zu. 'Weg hier, Kim. Die Molche wollen dich an­fassen. Aber krieg keinen Schreck, ich bin ja da.’ Wir rannten los und fuhren in den siebenten Stock, in die Springer-Kantine."

Wenn man auf diese Schnurren hereinfiel, konnte man denken, ich sei tatsächlich rührend um sie besorgt gewesen. Kopfschüttelnd blätterte ich weiter, zur nächsten Anschlußstelle in diesem Erotic-Fiction-Roman.

Das erste Zusammentreffen von Kim und meinem Freund Friedrich Friederichsen las sich kaum anders:

"Friedrich und Kim begannen ein Jahrhundertgespräch. Es ging um Nietz­sche und Marx. Ich konnte nicht folgen und blieb deshalb an Kims Bei­nen hängen und an ihren Füßen, an ihrer Gestalt. Im Gegensatz zu an­deren Körpern, zum Beispiel Friedrichs, war Kims Körper, von der Fuß­spitze bis zum Haaransatz, in Bewegung. Nicht ihr Mund, ihr ganzer Körper diskutierte. Ihre Fußspitze führte kreisförmige Bewegungen aus, mit den Händen seifte sie ihre Oberarme und Schultern ein, der Hals wand sich und bog sich, die Lippen suchten nach Formulierungen. Sie spielte mit den Haaren und liebkoste ihre Taille. Alles unbewußt natürlich. Ein tolles Schauspiel. Es ging bis sechs Uhr morgens. Wie­der staunte ich, wieviel diese Kim redete. Sie kam mir immer klüger vor."

Mein Gedächtnis funktionierte vielleicht doch anders, als ich gedacht hatte. Die ganze Szene erinnerte ich noch, als wäre sie gestern gewesen. Den Inhalt der Jahrhundertdiskussion hatte ich dafür schon vergessen, als Friedrich zur Schlußreplik ansetzte.

Den ersten Kuß gab es erst im neuen Jahrzehnt. Es war drei oder vier Sekunden alt:

hatte. Die ganze Szene erinnerte ich noch, als wäre sie gestern gewe­sen. Den Inhalt der Jahrhundertdiskussion hatte ich dafür schon ver­gessen, als Friedrich zur Schlußreplik ansetzte.

Don ersten Kuß gab es erst im neuen Jahrzehnt. Es war drei oder vier Sekunden alt:

"Draußen begann ein übertriebenes Sylvester-Gekrache. Die leergefeg­ten, hallenden Straßen und Hausmauern schienen den Lärm noch zu ver­stärken. Kim wurde weich. Man konnte sich nicht mehr unterhalten, so laut war es. Sie stand plötzlich vor mir und schob ihre signalroten Lippen von unten in meinen Gesichtskreis. Sie waren so nahe, daß es auf Messers Schneide stand. Im letzten Moment gab ich mir einen Ruck und ging einen halben Schritt zurück. Kim tat dasselbe. Dann kam sie erneut, schob zum zweitenmal ihren Mund an mich heran. Ich tat nichts dagegen und wir küßten uns."

Natürlich war es nur ein Sylvester-Kuß gewesen. Die nächsten Monate verliefen wieder wie gewohnt. Allerdings sah ich sie jetzt täglich.

Um zu zeigen, daß ich ihr nur ein "guter Kamerad" sein wollte, über­nachtete ich manchmal bei ihr. Friedlich schliefen wir in einem Bett. Ja, im Ernst, Valium und Autosuggestion machten mir das möglich; ich redete mir ein, Kim sei 'nur' mein alter Holzwolleteddy von früher. Trotzdem war es hart. Aber es mußte sein.

"Meine Hand zuckte immer, drauf und dran, ihr übers Goldhaar zu fah­ren, ich beherrschte mich jedoch. Lieber ein paar nette Worte. Hatte sie nicht vorhin gesagt, es ginge ihr zur Zeit unvergleichbar schlecht und sie fände sich selbst schrecklich langweilig? Sie schien Trost nö­tig zu haben und ich tröstete sie."

Morgens bekam ich etwas von ihrer existentiellen Verzweiflung mit.

"Sie schien in der Tat verzweifelt zu sein, wie sie dastand, auf einem Bein, hastig die Strumpfhose überstreifend, mit Ungeduld und Schrecken im Gesicht."

Ging sie Brötchen holen, las ich heimlich in ihren Quartheften.

"Ich schlug das zuoberst Liegende auf und las, als letzte Eintragung; 'heute Tiefpunkt, der sich nicht wiederholen darf.' Darunter: 'Tief­punkt wiederholt.' Darunter; 'Tief- Tief- Tiefpunkt.' Es war eine drol­lige Vorstellung, daß Kim hier alle naslang saß und über ihre Tief­punkte nachdachte. Ich mußte bei dem Gedanken lachen, sie könnte die Tiefpunkte tatsächlich haben. Um die Dinge einmal richtigzustellen, schrieb ich ins Quartheft, direkt unter die Tiefpunkt-Eintragung: 'Ist doch alles bestens, liebe Kim!' Ich lag im Bett, Nacken und Rücken aufgestützt. Hier also lag diese Kim Tag und Nacht. Hier hatte sie ihre üblen Momente. Ich holte mir eine Zigarette und ein Glas Was­ser."

Es hatte wohl Tradition bei mir, Kims Probleme nicht ernst zu nehmen. Aber warum auch? Hätte es ihr geholfen, wenn ich ihre Depressionen noch mit Ernst und Bedeutung aufgeladen hätte? Nein, nein; unbehaglich und sauertöpfisch reagierten schon genug Leute auf sie, dazu brauchte sie mich nicht noch.

In jenen Monaten kämpfte ich vornehmlich gegen Kims Berührungspsychose, die, meiner Askese zum Trotz, häufig aufbrach. Selbst nach der zehn­ten gemeinsamen und harmlosen Nacht unterstellte sie mir die ordinär­sten Absichten.

"Was ich kaum begreifen kann: sie fühlt sich noch immer als Sexobjekt. Da hat sie mich monatelang beobachtet, und was dachte sie? Daß ich nur auf ihre Schenkel schiele."

"Ich nahm mir innerlich vor, ihr Blondhaar nie mehr zu erwähnen, auch nicht mehr anzugucken, auch nicht mehr daran zu denken, geschweige denn, davon zu träumen. Verdrängen wollte ich es. Beim gemeinsamen Einschlafen dachte ich nur noch an die Flüchtlingstrecks in Ostpreußen im Februar 1945 und an Hitlers Tischgespräche. Klappte auch. Ich habe mich, wie man weiß, vollkommen im Griff."

Es war eine Frage der Zeit. Eines Tages glaubte sie mir. Gut gelaunt krabbelte sie morgens aus dem Bett.

"Mit strammen Schritten spazierte sie durchs Zimmer. Ich blinzelte in ihre Richtung. Sie griff zum Telefon und begann zu telefonieren, mit einer lauten, klaren Stimme, die gar nicht enttäuscht oder traurig klang. Nein, die lebenslustig und froh klang. Nicht zu fassen, aber wahr: es ging ihr gut. Sie hatte gute Laune, sie lachte mir zu. Wirk­lich!"

Tags darauf schrieb ich vor Aufregung sogar im Präsens:

"Mein Gefühl zu Kim ist blubbernd und unheimlich. Es jagt mir Schauer über den Rücken. Ich versteinere bei dem Gedanken, sie könnte mich küssen. Morgens bringt sie mit ernstem Gesicht die Kaffeetasse ans Bett. Sie steht eine Sekunde am Fenster und guckt hinaus. Sie weiß, was der Weser-Ems-Kanal ist. Sie hat einen roten Bademantel an. Ihr Erbmaterial ist gut. Alles an ihr ist gut. Sie verleitet mich zu ge­wagten Aktionen..."

Seitenlange Schwärmereien folgten. Eigentlich nett, wie ich in Kim ver­liebt war. Was sollte daran schweinisch gewesen sein? Und repressiv? Ich konnte es nicht schlimm finden. Aber werbende Männer waren ja im­mer besonders nett. War ich erst am Ziel, entpuppte ich mich womöglich als barscher Finsterling. Ich würde es gleich erfahren. Nur noch an­derthalb Monate fehlten bis zum Beginn der 'richtigen1 Freundschaft.

Es wurde spannend.

"Kim entwickelt eine seltsame Haltung, die ich bis heute nicht be­greife. Ganz offensichtlich rückte ich zur bedeutsamsten Figur in ihrem Leben auf. Sie setzt jeden Ratschlag in die Tat um. Sie imi­tiert mich. Sie schlägt die Jouralistenlaufbahn ein. Und dennoch hat sie Angst davor, ich könnte etwas von ihr wollen. Schon der Gedanke daran läßt sie ohnmächtig in die Knie gehen, ja lebensmüde werden. Un­beholfen setzt sie Schritt auf Schritt, und immer, wenn ich ihr meine Hand hinhalte, knickt sie jämmerlich um. Warum merke ich nicht, daß ich es mit einer zutiefst angeschlagenen, wackeligen Person zu tun habe, die sich nur mit Hilfe eines komplizierten Gerüsts von Tricks, Ruhepausen und Drogen auf den Beinen hält?"

Anscheinend kam ich bei ihr nicht weiter.

"Langsam dämmert mir, daß ich die Sache mit dieser Pathologin - das klingt zu hart, sagen wir: dieser liebenswerten, aber zu kapriziösen Person - für gescheitert erklären muß, so sehr mir auch das neuroti­sche Hick-Hack gefallen hat. Schade, denn die Beziehung zweier Be­ziehungsgestörter wäre eine hübsche Angelegenheit gewesen, aufregend, wirklich aufregend, und allen Kreisbewegungen zum Trotz nicht langwei­lig."

Ich hatte die Problematik erkannt. Aber Kim gefiel mir wohl zu gut, als daß ich sie wirklich aufgeben konnte. Warum sprach ich dann vom Schei­tern? Wahrscheinlich, weil Kims Zurückweisungen immer härter wurden. Oder alles nicht schnell genug ging, gemessen an meinen Plänen, die jeden Tag grandioser wurden und mir über den Kopf wucherten. Die Askese bekam mir einfach nicht.

"Habe fertige Pläne im Kopf. Kim ist der Mann zur rechten Stunde. Ihre Verwendung als Geniepartner zwingend."

"Kim wird unausweichlich meine Frau und die Mutter meiner Kinder. Ich will es einfach."

Zum erstenmal kam Repression auf, wenn auch nur phantasierte. Kims Zaudern machte mich maßlos. Zu blöd! Die weiße Weste bekam die ersten leichten Flecken.


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"Kim sagte, ich sei so sehr viel klüger und talentierter als sie. Ich würde sie überschätzen und überfordern. Erst in anderthalb Jahren hatte sie meinen Stand erreicht. Sie sei von den vielen Treffen überfor­dert und am Ende. Als leidenschaftlicher Einzelgänger überanstrenge sie das viele Beisammensein. Darauf ich: 'Da muß man durch.' Sie: 'Wa­rum soll man?' Ich: 'Na, Mädchen, weil es traurig ist als Einzelgän­ger!‘..."

Ich bearbeitete sie weiter, Tag für Tag. Nach vier Wochen siegte end­lich die Vernunft: ich gab meine Pläne auf. Kim sollte bleiben dürfen, was sie am liebsten war, ein Einzelgänger.

"Für mich, der ich sie liebe, bleibt nur das Selbstverständliche, seit Jahrtausenden bewährte: sie erstmal ein paar Monate nicht sehen. Na­türlich werde ich das - wie neunzig Prozent meiner Millionen Vorgänger nicht aushalten."

Ich hielt es aber aus. Anders als andere empfindsame Liebende, hatte ich einen Beruf, den ich beliebig erweitern konnte. Ich schrieb ein­fach das doppelte, recherchierte das dreifache, blieb bis dreiundzwan­zig Uhr in der Redaktion, machte oft die Nachtschicht. Ich erinnerte mich - es war eine wundervolle Zeit.

Nein, wer es nicht aushielt, war Kim. Schon nach einer Woche empfand sie ihre wiedergewonnene Leere unerträglich. Zu stolz zum Nachgeben, schluckte sie nach zwei Wochen eine Unterdosis Schlaftabletten. Nach drei Wochen ließ sie auch den Stolz fahren und kam zu mir. Ihre Mei­nung hatte sich in umgekehrter Richtung radikalisiert: sie wollte nie mehr alleine sein und augenblicklich zu mir ziehen, außerdem heiraten und Kinder in die Welt setzen.

Seitdem waren wir zusammen.

Am nächsten Morgen notierte ich damals:

"Kim sieht gut aus. Die Nacht hat ihr nichts ausgemacht. Im Café vor­hin hat sich ein Mann neben sie gesetzt und geseufzt, wie schön sie sei. Kim sieht um einiges blauer, blonder und nordischer aus, als sie ohnehin schon aussah. Ihre Augen sind dunkel und ernst, wirklich be­rückend. Ich muß mich immer wieder zu diesem Mädchen beglückwünschen. Ich habe es gut erwischt, ich habe ein großes Glück gehabt, ich be­komme mehr, als ich zu träumen gewagt habe. Ein zweiundzvanzigjähriges, hanseatisches Mädchen, gleichermaßen hübsch wie intelligent - wer hat daran noch geglaubt?"

Und eine Woche später:

"Ach, Kim! Mit ihr ist es schön. Eine weiche Haut, ein kritisches Auge, stete Schwermut - was will man mehr?"

"Sie ist nicht versaut von der Welt. Nirgends paßt sie hinein. Sie ist phantastisch und zermartert sich doch die Seele.”

Zwei Wochen später:

"Ich sah sie, wie sie verwirrt und bedripst aus dem Fenster oder zu Boden sah, ich stürzte auf sie zu und fragte, wie es ihr gehe. Dann schüttete ich meist ein Füllhorn von Komplimenten auf ihrem Blondschopf aus. Half aber nichts. Sie blieb traurig. 'Zu nichts bin ich nutze', sagte sie und sah mich mit großen Augen an."

"Einmal kaufte sie sich schneeweiße Turnschuhe, die ihr prächtig stan­den. Dazu trug sie tiefblaue Nickis und Hosen und eine schwarze Skai-Jacke. Ihre Haare fielen ihr zur Hälfte ins Gesicht. Man konnte sich mit ihr sehen lassen."

Wohin mich meine Begeisterung für Kims Äußeres noch trieb, zeigten die nächsten hundert Seiten. Um Kim zu halten, die sich in den ersten Wo­chen noch so manches Mal zu lösen versucht hatte, unternahm ich viele bunte Reisen mit ihr. Berlin, München, New York, Los Angeles, wieder München und so weiter. Die Reisetagebücher gehörten zum Zügellosigsten, was ich in Punkto Kim zu Papier gebracht hatte.

"Ich habe großes Glück mit Kim gehabt. Sie ist die absolute Erotik für mich, die Unschuld vom Lande, das Kind mit den großen, entrückten Ba­byaugen, der weichen Haut und dem rotfeuchten Mund mit Signalwirkung, dem braven blonden Scheitel und der Selbstvergessenheit. Sie hat kei­ne Mimik, die sie zwischen Innen und Außen halten könnte. Keine mimi­schen Konventionen und Erstarrungen haben sich in ihr Gesicht einge­graben. Man sieht so, daß sie ihr ganzes Leben in der Abgeschiedenheit zubrachte, ohne Lachen, ohne Weinen, blieb ihr Gesicht faltenfrei. Sie ist fremd mit den Menschen. Sie ist Catherine Deneuve in 'Ekel. Wenn ich mit ihr spazieren gehe, ergreift sie meine Hand mit ihren beiden Händen. Ihre Bewegungen sind ungeschickt, aber behutsam und wohltu­end. Im Profil ist Kim am schönsten. Auch ihr Hinterkopf ist bemerkenswert gerade und scharf geschnitten. Sie ist immer müde und depressiv, verstrickt und verwirrt in Selbstmordphantasien, unrettbar in tiefer Melancholie und Traurigkeit verfangen - und was ist erotischer als tiefe Melancholie? In jedem ihrer seltenen Worte zittert die Angst vor dem Nichts. Es ist eine existentielle Angst, die den ganzen Kör­per ergreift, den ganzen wunderschönen Körper. Kim kann sich nicht vorstellen, jemals Erfolg im Leben zu haben, da sie jeder einzelne Kontakt mit Menschen anstrengt und auf Wochen schwächt."

Es nahm kein Ende.

"Ich sah, wie Kim sah, ich beobachtete, wie Kim den Himmel prüfte, ob es regnen würde. Jeden Morgen gestand sie, früher oder später, daß sie den Verdacht hegte, ich würde sie nicht mehr lieben, ich würde sie nur noch verachten, sie nur noch geringschätzen, ja, mich vor ihr ekeln. Und so weiter. 'Aber nein! Kim! ' mußte ich dann rufen, und ich rief es gerne, 'Ganz im Gegenteil!' Kim sah dann, wenn ich beredt das Ge­genteil verkündet und ausgemalt hatte, verlegen zu Boden, wurde rot und sagte schließlich leise: 'Ja, wirklich?' Das Spiel war immer das gleiche, jeden Morgen, manchmal auch ein zweitesmal gegen Abend. Immer mußte ich kämpfen, mußte überzeugende Worte finden und alles tun, um ihre starken Zwangsvorstellungen hinwegzuspülen. Diese Gespräche ga­ben unserer Frühstücksunterhaitung, die sonst harmlose Alltagskommunikation gewesen wäre, eine dramatische Note. Immer ging es um "Alles", um Glaube, Liebe, Hoffnung, um das Leben, um die Zukunft. Jeden Morgen erlebte ich, nein, besser: Kim, die erneute Geburt der Liebe, durfte ich die ewigen großen Worte, die man sonst nur einmal sagt, noch einmal sagen und fühlen. Kims Psychose ermöglichte es uns, den einmaligen Moment des gegenseitigen Bekennens beliebig oft zu wiederholen - es war wie im Heimkino mit Rücklauftaste, es war toll. Für mich zumindest." Für Kim weniger.

Oder doch? Wer konnte nachweisen, daß es ihr schadete? Vielleicht machte sie Fortschritte im Laufe der Jahre, womöglich verschwand die Psy­chose bei all diesen Übungen?

"Tiefe Niedergeschlagenheit legte sich auf ihr Gemüt, sobald sie aufgewacht war, das Gefühl, versagt zu haben, ja sogar die ersichtlich absurde Ansicht, häßlich zu sein. 'Ich hasse meinen Ekelkörper,' pflegte sie manchmal zu sagen, 'dieses fahle Fleisch, dieses unnütze, unwerte Fleisch! Und sie fand sich doof. Doof und häßlich. Mit gesenk­tem Kopf, die vollen Lippen ungewohnt zusammengepreßt, ging sie dann neben mir her. Beugte ich mich nach vorn und sah, an den Haaren vor­bei, in ihr Gesicht, bot sich mir pure Verzweiflung, Für mich war das, was da allmorgendlich rechts neben mir im namenlosen Schrecken ver­sank, das 'Kleine Blonde Elend'."

Die Fortschritte hielten sich in Grenzen. Monate später:

"Immer, wenn ich über mehrere Stunden redete, unterlief mir irgendwann der eine oder andere Satz, der sich für falsche Deutungen, für Selbstanklagen und Kassandrarufe ausschlachten ließ. Kim schnappte so­fort zu, senkte den Kopf und harte die schwärzesten Gedanken. Nun sei es heraus! So dächte ich also! In Wahrheit verachtete ich sie! Das da­raus zu schließen sei doch zwingend! Das Ende sei also gekommen! Ich dementierte auf das heftigste - zuerst umsonst. Also hatte ich wieder ausführlich Gelegenheit, den feurigen Schwärmer zu spielen, der ich ja auch war. Es machte mir nichts aus. Ich war glücklich und mit dem lie­ben Gott einverstanden."

Ja, ich durchlebte damals ein seltenes Glück. Kims Elend belastete mich nicht im geringsten.

"Wir standen an der Reeling und sahen auf den alten Kontinent, während gelbe Positionslichter vorbeizogen. Kim sah maritim aus, mit ihrem Seemanns-Blauweiß. Als kleines blondes Mädchen hatte sie Hockey ge­spielt und weiße Faltenröcke getragen, früher, in Hamburg. Ihre Aus­sprache war klar erkennbar hanseatisch. Ja, sie paßte gut auf ein Schiff."

"Erneut schärfte ich mir insgeheim ein, unter keinen Umständen Kritik an Kim zu üben. Die wenigen halbkritischen Sätze, die mir unfreiwillig unterliefen, pflanzten in ihr schon das Gefühl, ich kritisierte sie 'andauernd'. Mehr davon war bereits zuviel. Ich nahm mir eisern vor, mich zusammenzureißen."

"Als ich mit ihr im Flugzeug saß, wußte ich, daß mir niemand in den nächsten zwei Wochen Kim wegnehmen konnte. Ich fühlte Sicherheit. Ich wußte: sie war da, sie konnte nicht weglaufen, ich konnte dieses ent­zückende Mädchen 'haben', es besitzen, vor mich hinstellen, mich daran ergötzen. Die Angst wich, ein Stein fiel mir vom Herzen. Die nächsten zwei Wochen war mir das Vergnügen gewiß."

Ich war erschrocken über diese brutale Stelle. Andererseits verstand ich, daß die ständige Drohung, verlassen zu werden, eine solche Reak­tion fast zwangsläufig machte.

"Rund um die Uhr sahen wir die vierzig Programme. Wir waren uns immer einig. Seelenverwandtschaft? Geistesverwandtschaft! Weltpolitik, Iran-Krise, Werbung, in allen Punkten waren wir uns einig, nur in einem nicht: im Punkt Kim selbst. Kim hielt sich für doof und häßlich, ich hielt Kim für intelligent und hübsch."

"Wir schliefen im vierundvierzigsten Stock im New York Hilton. Nur das Empire State Building war höher. Kim lag auf dem Bauch im Bett, Ge­sicht in den Kissen, Rücken und Schultern frei, die Hände zu kleinen Fäusten geballt, und schlief, während ich die vierundvierzig Stock­werke nach unten guckte, auf die 5th Avenue und die 49. Straße."

Wo blieb die Repression?

Schwer zu sagen. Ich nahm mir vor, schneller zu lesen. Nur im gesamten Überblick war die Frage zu beantworten. Ich überschlug also ein ganzes Jahr, um die Veränderung wahrzunehmen.

Der Kanzler war bereits wiedergewählt, wurde aber seines Wahlsieges nicht froh. Auf den Papst und auf Reagan wurden Attentatsanschläge verübt. Reagan erholte sich rasch, der Papst langsam. Kim studierte Germanistik, ich war von der WELT zum Abendblatt gegangen. Ihre De­pressionen, bildete ich mir ein, gab es nicht mehr.

Wirklich nicht?

"Draußen auf der Straße rauschten viele Autos vorbei. Es war lebendig und möbelte mich auf. Als ich einmal an den Tresen ging und weitere vier Kopenhagener bestellte, beobachtete ich, wie Kim ein bißchen, während sie ebenfalls auf die belebte Straße guckte, seufzte."

Also doch. Aber es folgt noch etwas:

"...Aber es war ja nur ein kleiner Seufzer, freute ich mich. Sie sah so entzückend aus, daß ich rote Ohren bekam."

Zumindest ich hatte mich, auf den ersten Blick, nicht viel verändert. 'Ich legte die Zeitung bald beiseite und sah Kim in die tellergroßer. Babyaugen, die wie immer etwas irritiert und hilflos auf mich gerich­tet waren."

"Kim bleibt der niedliche Unglücksvogel und läßt den Kopf hängen. Wann Immer man sie so antrifft, will man sie auf den Schoß nehmen und trö­sten. Ich lache und rede ihr alles aus."

"Ich ging in der leeren Wohnung umher und schrieb dann neue Propagandaplakate, die ich in Kims Zimmer hängte: 'Kim - Inbegriff für Geschmack and Klugheit!', 'Kim ist klug!, 'Mur für die Zukunft - mit Kim!' Dann fiel mir nichts mehr ein und ich sah fern, was mich traurig machte.

Der Verkehr draußen erstarb. Es wurde finster. Ich wurde müde und nick­te ein."

'Ich ging zu Kim ins graue Zimmer. Ich war, da ich den ganzen Tag geschrieben hatte, unfähig zu sprechen. Auch Kim wirkte zugeklebt. Wir sahen uns ab und zu wohlwollend an, sagten aber nichts - es wäre uns nichts eingefallen. Kim hatte ebenfalls einen ereignislosen und uner­freulichen Tag hinter sich. Sie war in die Uni gegangen, aber das Se­minar war ausgefallen. Sie wollte nicht schon wieder in die Wohnung zurück und fuhr mit dem Auto herum, aber das war ihr zu sinnlos. So landete sie doch wieder in der Wohnung und las ein Buch, tat das aber so lange, daß sie immer unzufriedener wurde und dachte: 'Immer nur le­sen. Während draußen das Leben vorbeiläuft.' Aber sie wußte nicht, was sie dagegen tun sollte. Nun kam ich ins Zimmer und wir sahen die Tages­schau."

"Kim verliebte sich, in 'die mit dem Kleidchen', ein süßes Geschöpf, das wir schon am Strand Ballspielen gesehen hatten und das immer hüb­sche, luftige, lasche Kleidchen trug. Abends beim Tanzen sahen wir sie wieder. Man spielte Super Trooper und Calypso. Kim konnte sich nicht sattsehen an der mit dem Kleidchen. Leider dachte sie, mir ginge es genauso und wurde eifersüchtig."

"Kim trägt einen neugekauften blauen Weichpullover. Sie bekommt immer häufiger ernstgemeinte Fan-Post-Briefe. Die Kerle adressieren: An die Blonde vom Marathon-Kino, Hamburg."

"Die unheimlich gute Laune, die Kim seit vier Tagen hat, hat mit den guten Büchern zu tun, die sie gerade liest, und in denen sie vollständig versinkt."

"Kim wird immer selbstsicherer. Die Krisen sind vom Aussterben bedroht sie sind so selten geworden, daß sie mich, wenn sie einmal eintreffen, verblüffen."

"Flumie Flum kam anschließend - er, nicht ich! - zu Kim an die Kinokasse und versuchte sie darüber zu trösten, daß sie nicht mitmachen konnte. Er erzählte ihr lebhaft die neuesten Geschichten, Flumie ist wirklich eine Seele von Mensch, der einzige von meinen Freunden, der Kim liebt und alles für sie tun würde."

Flum!

Plötzlich konnte ich nicht mehr weiterlesen. Ich hatte auch großen Hunger und mußte etwas essen. Meine Analyse wollte ich mir trotzdem auf keinen Fall nehmen lassen - ich stand erst am Anfang. Gleich nach dem Essen wollte ich die Sache zu einem Abschluß bringen.