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Port Stanley ist gefallen 16 (komplett)


Es dauerte noch Tage, bis ich mir die "Aufzeichnungen" ein weiteres und letztes Mal zumutete. Wichtiger war zunächst, daß der Freitag Abend näherrückte und mit ihm das Rendezvouz mit der kleinen, anmutigen Svenia. Eigentlich rechnete ich kaum noch mit ihr; wer hielt sich schon an eine Verabredung, die fast eine Woche alt war? Aber sie kam doch, sogar eine Stunde zu früh, sodaß ich beinahe nicht öffnete, glaubend, es sei jemand anderes.

Svenia trug blaue, fast violette Damenschuhe, ebensolche Strumpfhosen and einen riesengroßen, groben Herrenpullover in dunkelbraun. Ich entkorkte die bereitgestellte Flasche Sekt. Da man mit Svenia nicht so richtig reden konnte - wobei sie sicher glaubte, gerade mit mir könne sie es - blieb ich in geschäftiger Bewegung, strich durch die Wohnung, machte mich zurecht, zeigte Fotoalben, Bücher, Briefe, Zeitungen. Natürlich redeten wir immer zwischendurch - deswegen trank ich auch die halbe Flasche leer - also reden im Sinne von "du, laß uns mal mitein­ander reden", aber das allein trug noch nicht. Ich wußte, daß Svenia nach nur deswegen mochte, weil sie mich für einen hielt, der ihr "hel­fen" konnte, für einen Psychiater. Also mußte ich etwas für mein Geld tun.

Der Anfang war schwer, aber nicht so schwer, wie ich erwartet hatte.

Der Grund, warum ich mir ausgerechnet das Problemkind Svenia auflud, am das Problemkind Kim zu bekämpfen, lag, natürlich, natürlich, darin, daß Svenia ebenso makellos war. Ein bißchen zu klein vielleicht, nicht ganz so blond, nicht so verwegen schön, sondern nur puppenhaft schön, aber bestimmt makellos. Außerdem mochte ich es, daß sie nichts Blödes tat und nichts Blödes sagte.

Interessant war auch eine gewisse Duplizität der Ereignisse in ihrem und in Kims Liebesleben. Auch Svenia hatte sich vor einigen Wochen von ihrem ersten Freund getrennt, einem Kerl, den ich flüchtig und doch gut kannte: Mathias B., ein gewievter, liebenswerter Hund, ein Mutter­söhnchen, gutaussehend und clever, nett, verletzlich, theatralisch und insgesamt ein guter Freund für sie. Es gab keinen ersichtlichen Grund, diesen interessanten Menschen nach nur vier Monaten fallenzulassen, In­dem ich Svenia darüber ausquetschte, hoffte ich Kim auf die Schliche zu kommen.

Wir fuhren in die In-Hip-Super-New-Romantic-No-Wave-Lokalitat "Alles wird gut". Es wurde mir nicht bewußt, aber es war ein neues Gefühl für mich, so, als käme ich zum erstenmal in das Lokal. Die eigene, unange­nehm fühlbare, penetrant präsente Seele hatte ich anscheinend zu Hause gelassen. Kim war noch nicht da, kam aber wenig später. Der Empfang war kühl - von meiner Seite.

Ich freute mich nämlich nicht. Daß ich mit Svenia gekommen war, konnte man ahnen, oder auch nicht. Ich ließ es in der Schwebe, indem ich mich Kim widmete und Svenia, die neben mir stand, ignorierte. Wohl war mir dabei nicht.

Kim sprudelte Erfolgsnachrichten hervor.

"Ich habe heute großen Erfolg gehabt, bei einer Werbeagentur. Da hatte ich meine Mappe abgeliefert, und als ich dann kam, um meine Mappe abzuholen und mich vorzustellen, war sogar der Besitzer da, so ein al­ter Daddy, so ein Hanseat, und der überschlug sich vor Lob, also Ta­lent, Karriere, wunderbar. Und er hatte die Artikel gelesen, die Filmkritiken, die fand er alle ganz toll, und er will mich unbedingt haben. Und als ich dann gehen wollte und ihm so die Hand schüttelte, behielt er die Hand so minutenlang in seiner..."

"Wirklich toll."

"Ja, es war nett..."

"Ich habe übrigens die alten Aufzeichnungen gelesen.., und ich muß mich wohl doch bei dir entschuldigen. Ich zeige mich nur in den wenigsten Stellen da als charakterlich-moralisch integrer Mensch dir gegenüber,"

"Eher als Schwein?"

"Nein, aber mein Verhalten ist moralisch nicht hundertprozentig in Ord­nung."

"Ja, ich habe es die ganze Zeit gelesen."

"Aber als ich beim Abendblatt war, hatte ich nun wirklich keinen Spaß mehr, ich meine, ich hatte nur das Abendblatt und dich."

"Wie schrecklich."

"Unangenehm für dich, auf jeden Fall... Na ja, also, Kind. Viel Spaß, ich will dir nicht den Abend wegnehmen."

"Gehst du?!" fragte sie entsetzt.

"Nein, nein, ich rede nur ein bißchen mit Flum. Übrigens: die schweinischte Zeit war die mit Flum. Die Aufzeichnungen, die alle deine Vor­würfe bestätigen, stammen daher."

"Das stimmt nicht ganz. Als du die 'Böse' hattest, kanntest du Flum noch gar nicht."

"Ach Gott, die 'Böse'! Vergessen wir das lächerliche, dieses... "

"Wieso, das hast du immer als einzigen Treuebruch dargestellt, die 'Böse'. Als Treuebruch im Geiste."

"Stimmt ja wohl auch. Aber verwirklicht, im großen Stil, daß ich Außenwelt hatte und du nicht - nur in der Flum-Zeit. Im Frühsommer."

"Im Sommer? Ist mir gar nicht bewußt.”

Kim sah mich so nett und aufmerksam an, daß ich weitersprach. Obwohl mir Svenias wegen unwohl war. Die hatte sich schon traurig auf den Fußboden gesetzt.

"Ja. Und davor war die schlimmste Zeit, der Tiefpunkt, Da habe ich immer diese Reportagen für den 'Stern' geschrieben, die nicht ange­nommen wurden, meistens. Das war wirklich die absolute Tristesse. Und dann kam Flum. Der Mann rettete mir praktisch das Leben. Tja, und von da an sind die Tagebücher voll mit Klatsch; von dir steht kaum noch etwas drinnen."

"Sind das die Rica-Gepa-Pia-Tagebücher?"

"Ja, die."

Ein seltsames Vergnügen, das mir gemein und brutal verkam, weil es sich aus dem Gefühl: 'Jetzt ist sowieso alles egal - du bist mir gleichgül­tig' speiste, ließ mich weiter geständig sein. Leichtfertig kippte ich die eigenen Positionen über Bord.

"Na ja und dann beim Abendblatt..." gab ich zu, "... es hat schon was, mit dem 'immer nur erholen wollen'. Darüber muß man gar nicht mehr re­den, das ist so selbstverständlich."

"Du gibst mir recht? DU gibst mir recht?" sagte Kim gleich zweimal und lächelte mich an. Süß sah sie aus dabei, richtig hocherfreut.

"Ja, aber nicht so dramatisch-spektakulär recht, sondern: mir wird es eben einsichtig. Was passiert mit einem, der beim Abendblatt arbeitet? Ist doch klar. Auf jeden Fall... wie ich schon sagte: unangenehm für dich. Es muß die Hölle gewesen sein. Aber nun will ich mich nicht wei­ter auf deinen Abend wälzen. Ich gehe ein Stückchen weiter und rede mit Flum. "

"Ich komme mit!" sagte Kim.

So redeten wir zu dritt mit dem Gangster. Nach zehn Minuten traute ich mich schon nicht mehr, in Svenias Richtung zu gucken. Nach einer hal­ben Stunde gab ich sie verloren.

Aber dann machte Kim einen Fehler. Ein hübscher Flumie-Boy, niemand anderes als der charmante und attraktive, von mir gefürchtete Klaas, betrat den Raum... und Kim zog mit ihm ab. Plötzlich stand ich mit Flun alleine, der aufgeregt auf mich einsprach, den ich aber, mitten im Satz verließ. Nun gab es nur eines, den rettenden Strohhalm: Svenia!

Ich hatte mehr Glück als Verstand; sie war noch nicht gegangen. Mit ihrem Ex-Freund, dem sichtlich zerriebenen Mathias B., saß sie auf dem Fußboden. Als ich aufkreuzte, verscheuchte sie ihn wie eine Schmeißfliege.


Foto: Lottmann Images

Der Mann tat mir leid. Es zuckte gefährlich in mir, eine Sekunde lang, mich auf seine Seite zu schlagen.

Aber es ging ja um Politik, da hatten brauseköpfige Solidarisierungen keinen Platz. Dem Herrn Bundeskanzler gefielen die Massaker in El Sal­vador sicher auch nicht, und trotzdem dachte er nicht daran, die Be­ziehungen zu den Vereinigten Staaten abzubrechen. Ich machte mich also an Svenia heran. Dank ihrer Makellosigkeit versank ich in ihrem Gesicht und vergaß die Welt um mich herum. Es war ganz einfach. Eine kleine Psychiaterstunde war eben fällig. Stockend, aber willig, mit hoher In­nenspannung, intensiv also, sagen wir: unverschmutzt authentisch, offenbarte sie ein weiteres Stück ihrer Probleme mit sich und dem anderen Geschlecht. Ihr Ex-Freund, Mathias B., lungerte und lauerte währenddes­sen in der Nähe des dunklen Heizungsrohres. Ich wußte, daß er mir bald ein Glas Wein ins Gesicht schütten würde. Noch dreißig Minuten, dann wäre er soweit, dachte ich.

Und richtig: nach dreißig Minuten ging er zur Bar, um ein Glas Wein zu bestellen. Genau darauf hatte ich gewartet - der Weg zum Ausgang war, während er den Wein bestellte, nicht gedeckt. Svenia und ich entkamen mühelos; wahrscheinlich merkte Mathias B. erst Minuten später, daß wir fehlten, als wir schon mit achtzig Stundenkilometern dem nächsten Lokal entgegendonnerten.

Wir gingen essen, aßen und tranken, legten händchenhaltend weitere Psy­chiatersitzungen ein. Ich ließ mir alles erzählen. Da ich den Fall nach wie vor nicht verstand, ließ mein Interesse nicht nach. Warum hatte sie Mathias B. verlassen? Die Dinge, die sie von ihm erzählte, klangen in meinen Ohren großartig. Ein prima Junge, dieser M.B., der es noch nicht einmal versucht hatte, sie in den fünf Wochen seit der Trennung eifersüchtig zu machen. Ob das sein Fehler war? Das wollte mir nicht in den Kopf. Früher, als ich zwangsläufig noch viel unreifer gewesen war, hatte ich die Machtfrage in das Zentrum einer jeden Beziehung ge­stellt - theoretisch. Ich hatte ein Buch mit dem pragmatischen Titel 'Sexualökonomie Heute' geschrieben, in dem es ausschließlich um Macht, Dominanz und Individuation ging. Aber inzwischen dachte ich gottlob das Gegenteil. Machtdenken war prolo. Kluge Frauen achteten darauf, was man im Kopf hatte, nicht auf die 'Möglichkeiten', die man bei anderen, womöglich dummen, Frauen hatte.

"Würde ich ihn mit einem anderen Mädchen erwischen," sagte Svenia unge­rührt, "würde mich das vielleicht wachrütteln. Vielleicht fände ich ihr dann wieder interessanter."

Ich glaubte ihr nicht. Sie wußte doch, daß er vor ihr schon Millionen Mädchen gehabt hatte. Mathias B. war ein äußerst beliebter Junge bei der weiblichen Jugend gewesen. Als Muttersöhnchen konnte er mit Frau­en jeden Alters charmanter und schleimiger umgehen, als seine fußball­spielenden Schulkameraden, denen nach der ersten Zigarette schon der Gesprächsstoff ausging. Also, was sollte er ihr noch beweisen? Warum war sie nicht glücklich, daß er nur sie liebte? Was störte sie an sei­ner, übrigens virtuos in Szene gesetzten, Eifersucht? Und warum schließlich hielt sie nicht - aus Prinzip - länger durch, da sie doch den alte Zustand des Alleineseins schon achtzehn Jahre lang bis zum Überdruß kennengelernt hatte?

"Ich habe ihn nur eine Woche geliebt. Dann merkte ich, daß ich nicht mehr zuhörte, wenn er redete. Er redet soviel sinnloses Zeug, was nicht stimmt. Er ist einfach ein dummer Junge. Es gibt mir nichts. Alles, was er so sagt -" Svenia sprach den Satz gar nicht mehr zu Ende. Das Ge­rede ihres feurigen Verehrers war ihr keinen Atemzug wert.

"Ich wollte von anderen Menschen immer etwas lernen," erklärte sie immerhin, "und bei Mathias gab es nichts mehr, was mir weitergeholfen hätte, mich weitergebracht hätte."

Weiterhelfen, weiterbringen: darum ging es also. Offenbar gab es Men­schen, die nie zufrieden waren. Das Paradies auf Erden reichte ihnen nicht, sie wollten "weiter". Und befreunden wollten sie sich nur mit demiem Herrn Jesu Christ, der ihnen das "weiter" ermöglichte. Nur ein un­erschütterlicher Guru konnte vor ihnen bestehen, keiner, der Dinge in die Welt posaunte, die sie selbst schon wußten. Nein, der dauerhaft geliebte Freund mußte unbeeinflußbar sein. Ein in sich selbst ruhender Pol. Fleischgewordene Wahrheit. Mathias B., der wie ein Weib zu krei­schen begonnen hatte, als er von Svenia verlassen wurde, war selbst nicht "weiter" als sie. Wie sollte er ihr noch Rat geben können, wenn er nicht einmal Herr über sich selbst war? Nein, Mathias B. war kein Meister, obwohl er sich als solcher bei ihr eingeführt hatte: als elo­quenter Diskutierer, der auf jede Frage eine hübsche, nicht uninteres­sante Antwort hervorbrachte. Nun, das war vorbei. Mathias verrannte sich in endlosen, sich wiederholenden Eifersuchtstiraden. Imponieren konnte er ihr nicht mehr; jeder x-beliebige Bhagwan hätte ihr mehr Respekt eingeflößt.

"Einmal habe ich meiner Mutter den Freund ausgespannt," erzählte sie weiter, "weil ich dachte, der könnte mir helfen. Er wirkte so gut er­zogen, war Chefarzt, hatte oft interessante Freunde um sich, mit denen er essen ging. Das wirkte alles so fein und anständig, ich kannte ihn ja schon länger, man unterhielt sich immer gut. Ich dachte eigentlich, daß ich seine Freunde... ich wollte gerne dazugehören."

”Aber die Herren haben dich nicht mitreden lassen?” fragte ich und ahne eine kleine Tragödie.

”Nein, er wollte gleich mit mir ins Bett, das hat mich so schockiert, daß ich es sein ließ.”

”Und wenn er es nicht gewollt hätte?”

”Dann hätte es sehr gut werden können."

Allmächtiger! Die zierliche Svenia inmitten der Chefarzt-Runde, das war als würde man mich ins ZK der chinesischen KP in Peking gesteckt haben. Wie kam sie darauf, daß ihr das gefallen hätte?

Die Stunden waren vergangen. Da ich kein Geld mehr hatte, fuhren wir zu mir nach Hause.

Vor der Wohnungstür kauerte eine Gestalt: Kim.

”Wollt ihr noch ins Cha-Cha?" fragte sie freundlich.

”Ja... eine gute Idee." sagte ich unbeholfen.

”Dann könnt ihr mich mitnehmen."

”Ja... natürlich."

Mir war bange. Mechanisch schloß ich die Tür auf, einfach so, um irgendetwas zu tun. Svenia schwieg.

”Ach, es war langweilig im ‘Alles wird gut‘, obwohl ganz Hamburg da war. Alle Interessanten waren da - es nützte nichts.” Kim war bereit, sich Blößen zu geben.

”Oder störe ich euch etwa?" Der Ton wurde schon wieder schärfer.

”Durchaus nicht, Kim. Es ist ein ganz normaler Abend."

Ich sagte das hämisch. Denn es war ja ihre Idee, getrennt die Abende zu verbringen. Prompt schnappte sie ein.

”Ach, ich gehe lieber nach Hause. Tschüß!"

Geschwind lief sie die Treppen hinunter, niemand hätte sie einholen können.

In der Wohnung fand ich die halbvolle Flasche Sekt und trank sie vernünftigerweise sogleich aus. Für die folgenden Psychiatsrsitzungen brauchte ich Kraft. Auch hatte mich das Erlebnis mit Kim eben erschüttert. Ich hätte heulen mögen. Mein Prinzip, ihr nicht weh zu tun, war zusammengebrochen. Nach zwei Jahren... das Werk von zwei Jahren, einfach in die Luft gejagt. Mir war zumute wie Freud, als dieser seinen ersten Patienten aufgab.

”Glaubst du," fragte Svenia ausgerechnet in diesem Moment, "daß ich einen Vaterkomplex habe?"

Warum fragst du das jetzt?" jammerte ich, "Du weißt doch genau, daß du einen hast. Das zu wissen ist so naheliegend wie unwichtig, wie der Vaterkomplex selbst."

Sie nickte. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt, sie wußte nur, daß er Engländer war. Als uneheliches Kind wuchs sie, zusammen mit einem Zwillingsbruder, bei der Mutter auf. Sie haßte jedoch ihre Mut­ter. Interessant war, daß sie keinen Grund dafür nennen konnte. Der Haß mochte also einfach der Vorwurf sein, den Vater nicht gehalten zu laben.

'Kann ich bei dir einziehen? Meine Mutter schmeißt raus, sobald ich achtzehn bin."

"Du bist erst siebzehn?"

"Nur noch ein paar Wochen. Ich bekomme im Monat siebenhundert Mark."

Ich überlegte. Sollte ich in Bausch und Bogen ablehnen - das paßte nicht zu mir. Im Prinzip brauchte ich dringend einen Untermieter, und im Prinzip mußte es jemand wie Svenia sein. Ich durfte mir nichts vormachen: Nichtneurotiker in den eigenen vier Wänden wären mein Tod. Ich könnte weder schreiben noch denken. Das landläufige, 'natürliche' Ge­schwätz würde mich hundertmal am Tag zu wütenden, kräftezehrenden und unsinnigen Gegenreden provozieren. Nein, es mußte ein echter Neurotiker sein. Bei allem Leerlauf und aller Insuffizienz waren diese Leute doch die Klügeren.

"Im Prinzip ja. Konkret nein. Aber... sage mir bitte Bescheid, bevor du eine Wohnung anmietest. Vielleicht überlege ich es mir noch."

Es wurde immer später. Eine Sitzung folgte der anderen. Anstrengend wurde es aber vor allem zwischen den Sitzungen. Sprach man auch nur sehn Minuten über normale Dinge, wurde Svenia unsicher. So unsicher, daß ich angesteckt wurde. Eine gegenseitige Verstörung blockierte bei­de Körper, daß einem angst und bange werden konnte. Einmal ging die Paralyse so weit, daß ich mich tatsächlich nur durch eine Flucht aus der Wohnung retten konnte. Im Hinaushasten griff ich noch schnell einen alten Wintermantel, der zufällig neben der Tür baumelte. Ein großes Glück: draußen hätte ich sonst gefroren.

So aber schlug ich den räudigen Filzkragen hoch, knotete den brüchigen Gürtel und ließ mich, absichtlich übertrieben gebückt, vom Nordwind die menschenleere Grindelallee hinunterpusten. Kim und ich hatten die Grindelallee einmal dio häßlichste Straße der Welt genannt. Ich dachte nun an Kim, und wieder wurde mir ganz trist.

Zwanzig Minuten dauerte es - dann ging es weiter. Gut gelaunt traf ich auf eine ebenso gut gelaunte, gut erholte Svenia. Ohne Umschweife begannen wir mit der nächsten psychiatrischen Sitzung. Svenia erzählte ihre Gebrechen, ich stellte Fragen, gab Kommentare und dachte laut nach. Manchmal langweilte ich mich etwas, aber ebenso oft entzückte mich Svenia als Person. Nämlich wenn ich Zeit fand, sie zu beobachten. Der Morgen dämmerte, es wurde hell. Svenia erzählte ihre Lebensgeschichte. Franz Kafkas Kindheit und Jugend erschien mir, im Vergleich dazu, als sehr glücklich und unbändig natürlich. Der Mann war ja dagegen ein un­glaublicher Lausejunge, dazu prädestiniert, einer wilden Rasselbande vorzustehen! Ich machte ihr Mut.

"Svenia, wir alle hatten eine traurige Kindheit. Aber das wird uns spä­ter vergolten! Mit vierzig, wenn andere alles hinter sich haben, fängt bei uns das Leben erst an."

Damit geleitete ich sie aus der Wohnung. Unten war es milchig trüb. Da ich Angst bekam, übernächtigt auszusehen, fuhr ich sie gleich nach Hau­se. An sich hatte sie noch mit mir frühstücken wollen.

Am übernächsten Tag sollte es ein Wiedersehen geben, machten wir aus. Svenia wirkte zufrieden, sie strahlte. Mir ging es ebenso. Keiner ent­deckte in dem anderen einen Zweifel.

So fuhr ich zurück, allein in dem alten Wehrmachtskäfer. Zehn Minuten lang blieb alles in Ordnung; ich war verliebt. Dann spürte ich Angst und Leere. Ein herzzerbrechendes Mitleid für Kim überkam mich. Wenn sie sich die ganze Nacht über Sorgen gemacht hatte? Schrecklich, das wollte ich nicht. In einem Blumengeschäft kaufte ich einen Strauß ge­sprenkelter Tulpen, den ich, durch ein geöffnetes Fenster, in ihr Zim­mer warf.

Das beruhigte mich. Ich konnte einschlafen.