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Port Stanley ist gefallen 2


Daß ihr Flum auf den Fersen war, wußte sie nicht. Ich schon. Ich hatte schon die Flugtickets für einen Wochenendausflug nach Berlin zur Berlinale bei Flum gesehen. Er wollte Kim nur helfen. Seine Freundin war einverstanden. Kims Befreiung von mir war angeblich in meinem Interesse. Sie war immer die Unterlegene gewesen. Aus einem Pulk XTC-Prolos heraus schoß sie ungelenk auf mich zu und redete hastig auf mich ein. Sie wollte ihre anständige alte Aktentasche in den Wehrmachtskäfer* legen.

Ich zahlte fünfzehn Mark Eintritt, blieb fünf Minuten, versteckte mich in einer Ecke und kommentierte trocken wie rücksichtslos, die Veranstaltung sei eine Pleite.

Wir gingen. Kim hatte ihr Geld und den Abend verloren. Ohne mich, erkannte sie weinerlich, wäre es noch amüsant geworden. Wer weiß, mit wem sie im Taxi nach Hause gefahren wäre. Nur ein paar Minuten im Taxi, mit einer flüchtigen Bekannten vielleicht. Eine kleine glitzernde Zeitspanne, ein winziges Erlebnis, ein Mosaiksteinchen nur, aber wenigstens ETWAS.

"Aber Kind,“ antwortete ich, „das ist doch nur Lug und Trug, Schall und Rauch, völlig unwichtig. Fremde Gesichter, nichtssagende Sätze, blöde Konversation. Ewiges Bla-Bla, davon ist der Tag ohnehin voll. Nein, das ist nur Oberfläche. Das Eigentliche und Wesentliche ist das nicht...“ Mehr mußte ich nicht sagen. Kim war gereizt.

„Das Eigentliche ist wohl, wenn ich Wärmflasche für dich spiele! Wenn ich deine Krankenschwester bin! Wenn du mir und dem lieben Gott den Tag stiehlst! Wenn wir auf dem Bett sitzen und die „Tagesschau“ sehen! Nein, mein Lieber, ich will endlich etwas erleben, und daran wirst du mich nicht mehr hindern können!"

Ich schluckte und würgte. "Nein, nein, nein“ sagte ich leise. Beschwichtigend tätschelte ich ihr Knie, worauf sie ihre Beine ruckartig nach rechts zur Wagenwand bewegte. Es gab kein Halten mehr. Die Argumente flogen hin und her. Am Ende hieß es wieder, wir sollten uns auf ewig trennen. Zum viertenmal. "Du hast keine Ahnung von mir" sagte Kim barsch.

"Aber wir verstehen uns doch so gut. Wir lachen im Kino an denselben Stellen“ gab ich zu bedenken.

"Quatsch. Der eine lacht, da lacht der andere mit, aus Höflichkeit." Kim wollte nicht mehr. Sie sagte es auch.

"Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr." Sie war im Begriff, auszusteigen. Wir standen seit zehn Minuten vor ihrer Haustür. Wortlos rauchten wir noch eine Zigarette. Ich atmete tief. Langsam begann ich, mit diesen Attacken fertigzuwerden. Es kam wieder zum Schlußwort. Erst sie, dann ich. Indem sie die Tür öffnete, konstatierte sie:

"Wir sind nicht mehr zusammen.“ Gemessen entgegnete ich:

"Ich protestiere. Man will mir ans Messer. Man will meinen Kopf unter das Fallbeil legen. Mir die Seele aus dem Leib reißen. Es ist ein Verbrechen. Man kann nicht mit mir Schluß machen!"

Kim nickte, schmiß die gußeiserne Wehrmachtstür ins Schloß und ging ungelenk in ihre Wohnung. Ich blieb pietätvolle fünf Minuten im Wagen sitzen und schnüffelte. Dann gab ich Gas.

Zu Hause versuchte ich, das Schnüffeln zu einem ordentlichen Weinkrampf zu steigern. Erst zwei Stunden später war ich soweit. Kaum lief die erste Träne, rief ich Kim an - mit erstickender, wackeliger Kinderstimme. Der Trost kam augenblicklich.

„Alles nur ein Sturm im Wasserglas,“ beruhigte mich die Sezessionistin, „harte Zeiten, harte Worte. Am Ende wird alles gut.“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Nach kurzen Floskeln der Zuneigung legte ich auf. Der Tag war mit Ach und Krach gerettet, eine aufzehrende sinnlose schlaflose Nacht wahrscheinlich abgewendet

Das war das Wichtigste: ich mußte bei Kräften bleiben. Sonst sank ich zum konformistischen Softi herab und Flum machte das Rennen. Sobald man das emanzipatorische Spiel mitmachte, war man abgeschrieben. Aber, steter Tropfen höhlt den Stein. Unweigerlich kam der Punkt auf einen zu, zu den Aufständischen überzulaufen. Eine Befreiungsideologie ist einer Erhaltungsideologie überlegen. Was ich brauchte, war eine Art Gegenreformation. Ich selbst mußte revolutionär werden, aber wie nur? Grübelnd ging ich von Zimmer zu Zimmer.


Foto: Joachim Lottmann

* s. Folge 1: "Ärgerlich war bloß, daß die Leute der kleinen Scheiben wegen zu glotzen begannen. Bei Gelegenheit wollte ich mir einmal große Scheiben einsetzen lassen."