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Port Stanley ist gefallen 3



Kim war ein außergewöhnlich schönes Mädchen. Ihr einziger Nachteil war, daß sie zur Fülle neigte. Wochenlang konnte sie sich einschliessen und essen, bis sie sich unansehnlich fand. In Wirklichkeit konnten auch die verzweifeltsten Eßanfälle nicht verdecken, daß ihre Gesichtszüge in idealer Weise angelegt waren, daß sie leuchtend blonde Haare, große blaue Babyaugen, porzellanweiße Musterzähne und lustige Grübchen hatte, daß ihre Haut weich wie Milch und ihre vollen Lippen von Natur aus rot wie Blut waren. Kim war mit allen sinnlichen Reizen versehen, die ein Mensch haben konnte. Sie war einen Meter siebzig groß und hatte an sich einen schlanken Knochenbau. Wenn sie einmal nicht aß, wurde sie so atemberaubend schön, daß ich Angst um sie bekam. Hinzu kam die Kindlichkeit, die sie, je näher man ihr kam, ausstrahlte. Jeder schätzte sie für sechzehn. Es war ein kleines Wunder: sie alterte nicht. Inzwischen war sie vierundzwanzig Jahre alt, was mit Personalausweis und Geburtsurkunde zu beweisen nicht schwerfiel. Glauben konnte man es nicht. Eher mochte man schwören, eine gerade flügge gewordene Tochter Catherine Deneuves zu treffen. Der Grund, warum gerade ich diesen Traum von Menschenkind, dieses viel zu hübsche Mädchen, gewinnen konnte, lag in dem zweiten Nachteil begründet, den Kim, neben ihrer Freßsucht, hatte: Kim war autistisch. Sie kam mit Menschen nicht zurecht. Sie haßte es, angesprochen oder berührt zu werden. Auf Kontaktversuche reagierte sie konfus und unverständlich. In Gesprächen verhaspelte sie sich und brachte alles durcheinander. Ihre Bewegungen und Gesten unterstrichen das. Sie waren zerhackt und übertrieben bis unheimlich. Selbst hartgesottenen Mädchenjägern trieb es den Angstschweiß auf die Stirn, wenn sie mit Kim anzubändeln versuchten. Auch mein eigenes Urteil lautete anfangs: „Finger weg, mit der stimmt etwas nicht.“ Bis ich eines Tages kiloschwere Manuskripte las, die sie geschrieben hatte. Mir dämmerte, daß Kim ein großer Mensch war, und große Menschen hatten immer ein psychisches Gebrechen. Kim und ich korrespondierten ein halbes Jahr und befreundeten uns schließlich. Ich war der erste Freund, den sie hatte, gleichzeitig ihr väterlicher Förderer und Psychiater. Damit sollte es nun vorbei sein. Kim hing diese Rollenverteilung zum Halse heraus.

Ja, dumm war sie nicht. Und zwei Jahre waren eine lange Zeit. Allmählich haßte sie mich. Hatte ich das verdient? Nachdem ich soviel für sie getan hatte? Anstatt mit ihr in Ruhe fernzusehen und mich mit ihr gemütlich zu betrinken, saß ich alleine in einem Sessel und starrte auf den Manschettenknopf meines linken Hemdärmels. Noch sechs Stunden waren bis zum Einschlafen herumzubringen. Ich wechselte den Sessel und das Zimmer.

Die starke Zweihundert-Watt-Lampe warf einen grellen Kegel auf die weiße Decke, die ich über den Schreibtisch geworfen hatte. Wieder verlor ich mich in Gedanken. Ich hätte ohne weiteres ausgehen können, aber das Brüten schläferte mich auf behagliche Weise ein. Für jedes ruhige Stündchen, das mir der liebe Gott in diesen Wochen schenkte, wollte ich dankbar werden und mich artig benehmen. Und tatsächlich: niemand anderes als ein vernünftiges Buch – „Rot und Schwarz“, ein Sittengemälde aus der Zeit um 1830 – leistete mir bis zum Morgengrauen Gesellschaft. Friedlich schief ich ein.



Foto: Joachim Lottmann