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Port Stanley ist gefallen 5 (Teil 1)



Nun war es Mitternacht. Was sollte ich tun? Schlecht ging es mir nicht. Ich überlegte, daß es in Kindertagen das Schlimmste war, zu Unrecht beschuldigt zu werden. Für etwas bestraft zu werden, was man nicht getan hatte. Keinen Glauben zu finden, obwohl man die Wahrheit sagte. Ob es hier ebenso war? Dann mußte es mir dreckig gehen. Da es mir nicht schlecht ging, war das Unrecht vielleicht gar nicht so groß? Womöglich sagte ich sogar die Unwahrheit? Unausdenklich, wenn nicht ich, sondern Kim mit allem recht hätte. Hatte nicht auch Mami, als sie Papi verließ, ihm zwanzig Jahre Hölle vorgeworfen, und hatte ich ihr nicht hundertprozentig recht gegeben, damals? Hatte ich nicht auch verständnislos gelacht, als Papi von den „zwanzig Jahren Glück“ sprach, die man nicht mit einem Schlag ungeschehen machen könne? Andererseits ging Mamis Rechnung daneben. Hatte sie vor der Trennung ein aufregendes, lebensgefährliches James-Bond-Leben, verkam sie nach der Trennung zur ödesten Büromaus der Bundesrepublik. Unschlüssig beendete ich meine zweiflerischen Gedanken. Ich briet mir drei Steaks. Mein Vater war Bankrotteur gewesen. Überall zog er Schwindelfirmen hoch, die, meist gegen seinen Willen, Pleite gingen. Kims Vater war Architekt und Moralist.

Ich fragte mich, was ich mit diesem angefangenen Freitagabend machen sollte. Meine Lust, mit Kim auszugehen, war ungebrochen. Die Vorstellung, mich mit ihr hemmungslos zu betrinken, gewann Gewalt über mich. Ich rief sie an.

Wie wunderbar, daß sie, nach allem was passiert war, noch immer das Telefon abnahm. Sie wußte doch, daß ich es war. Der Grund lag in ihrer unausrottbaren Redlichkeit.

„Laß uns ausgehen, Kleines, dann bekommst du auch alles, was du willst. Ich lasse dich dann auf immer in Ruhe, ehrlich“ argumentierte ich.

Kim lehnte ab. Nun, sie sollte mich, schlug ich vor, noch anrufen, wenn sie doch noch Lust bekäme. Ich bliebe solange zu Hause. Kim war einverstanden.

Als sie nach zwei Stunden noch nicht angerufen hatte, versuchte ich es erneut. Sie nahm nicht ab. Das hieß, schoß es mir in den Kopf, daß sie nicht da war! Sie war ausgegangen - ohne mich! Sofort raste ich los, ausgerüstet mit Geld, Fernglas, Brille und Auto.

Schon wieder hochgradig verschreckt, überfuhr ich alle roten Ampeln. Im Cha-Cha war sie nicht, im New-Wave-Cafe auch nicht. Ein hübsches blondes hochgewachsenes Mädchen bat mich, es in die Nach-Acht-Discothek zu fahren. Ich sähe so aus, meinte die Gute, als würde ich jemanden suchen. Da sie mich aufmerksam anguckte, druckste ich:

"Ja. Ich suche… meine Freundin. Ein… blondes, blauäugiges Mädchen... mit sehr großen Augen, also, die blauen Augen, meine ich, sind schon... das Mädchen, man sieht es sofort."

Zu zweit suchten wir drei Discotheken ab. Bruchstückhaft kamen wir der Wahrheit auf die Spur. Kim war in der Discothek "Alles wird gut“ gewesen, hatte sie aber, als wir ankamen, eine halbe Stunde vorher wieder verlassen. Ein kleiner Loser steckte mir das. Ein armseliger Wicht, dem ich niemals zugetraut hatte, daß er mir helfen würde. Ich wählte wieder Kims Nummer. Sie nahm ab.

"Mensch, du hast mich gelinkt" staunte ich. Kim lachte. Sie erzählte, Haschisch genommen zu haben; ich sollte auf keinen Fall zu ihr kommen.

"So, so. Na, du brauchst ja nicht zu öffnen, wenn du nicht willst. Ich würde dich noch gerne sehen." Brummig hängte ich ein. Das blonde Mitfahrmädchen beobachtete mich.

"Ich bin betrunken, aber ich kriege noch viel mit," wandte es sich an mich, "ich habe gesehen, wie du mit dem kleinen Jungen gesprochen hast. Deine Freundin war mit einem neuen Freund da, nicht? Und jetzt willst du sie weiter suchen." Anscheinend wirkte ich traurig und verletzt. Meiner Erklärung, alles sei wieder in Ordnung, glaubte sie nicht. Wir kamen ins Gespräch.

"Zuerst habe ich dich für einen kleinen Nazi gehalten, so wie du aussiehst" sprudelte das hübsche Ding. Es trug hautenge Cordhosen, eine schwere Lederjacke und zehn Seidentücher. "Und wenn ich nun ein kleiner Nazi wäre?"

Sie rückte ab. Ihre Miene wurde unfreundlich.

"Bin ich ja nicht!" beeilte ich mich, "Ich bin ein dialektischer Materialist und Marxist. Und ein Intellektueller und die sind ja meistens links."

"So? Fühlst dich als was Besonderes, wa? Hälst dich wohl für mächtig schlau! Was haste denn überhaupt? Was verstehste denn darunter?"

"Ich lese den Spiegel und die Bild-Zeitung, sehe gern die Tagesschau, die Tagesthemen - " Sie unterbrach mich gereizt.

"Red, nich' herum, Mann. Ich hab' dich nach deinen politischen Zielen gefragt, nicht nach deinem Fernsehapparat.“

"Ja, gewiß. Also ich mag den Bundeskanzler - "

„Hey, du brauchst jetzt nicht meinetwegen einen politischen Meineid schwören.“ Sie sagte das belustigt. Wahrscheinlich gefiel ihr die eigene Formulierung. Ihre seltsame Angewohnheit, mir bei jedem ihrer Sätze das ganze Gesicht an mein Ohr und meine Wange zu pressen, korrumpierte mich.

„So gesehen habe ich keine Ziele. Ich bin meinetwegen auch kein Intellektueller. Ich habe nur einmal in einer Kommune gelebt, in der alles Intellektuelle verpönt war und die mich sehr schockiert hat. Da war es verpönt, Zeitung zu lesen oder zu argumentieren. Sprache galt als Lüge und Charaktermaske. Stattdessen sollte man per Körper und Blickkontakt kommunizieren. Es gab Körperbefreiungsübungen, etwa ein sogenanntes Selbstdarstellungstheater. Oder die Übung 'Schrei dich frei' beziehungsweise 'Ich bin ein Baby, ich bin ein Baby'. Es war grauenhaft.“

„Also ich schwimme einfach durchs Leben. Ich find' es toll, einen neuen Menschen kennenzulernen, mit einem lieben TYp die Nacht zu verbringen und am Morgen, wenn es gerade hell wird, zusammen zu frühstücken.“

"Hast du einen Freund?“

„Seit sechs Jahren, wir sind praktisch verheiratet.“ „

„Warum ist er nicht hier?“

„Das ist nicht sein Ding. Außerdem sind wir uns absolut treu. Glaubst du, daß es eine Liebe ohne Treue gibt?“

Die Frage war dumm, aber vielleicht nicht ernst gemeint. Ich antwortete ohne Umschweife.

"Natürlich nicht.“




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