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Port Stanley ist gefallen 5 (Teil 2)

"Das sagst DU." Sie kam sich geistreich vor; nun, sie war mittelschwer betrunken. Ich hatte ihr ein bottichgroßes Glas Sekt bringen lassen. Durch einen Irrtum des Kellners kamen gleich zwei Gläser. Ich sagte wahrheitsgemäß:

"Es ist so."

"Das sagst DU!" wiederholte die Blonde.

"Liebst du deinen Freund noch?"

"Nein."

"Mein Gott... diese Mädchen. Weißt du, daß 90 Prozent der Scheidungen von Frauen eingereicht werden? Warum lösen sich immer die Frauen, die Freundinnen?"

"Ich löse mich ja nicht. Ich warte darauf, daß er endlich fremdgeht. Dann ist es vorbei, ein für allemal."

"Wenn er klug ist, weiß er das. Weiß er es?" Ich war stocknüchtern.

"Nehme ich doch an, wieso nicht?"

"Viele Jungs wissen es nicht."

"Er ist ein sonderbarer Kerl. Der liebt nur mich. Da kann die schärfste Frau kommen, die sieht der gar nicht. Da kalkuliert er so'n bißchen und sagt sich dann: läuft sowieso nicht. Riskieren tut er nie 'was. Alles läuft so geradlinig ab, ohne Höhen und Tiefen. Und was mich am meisten nervt: er sagt nie, was er wirklich will. Der will immer nur, was ich will. Sowas Lasches, das kotzt mich immer wieder wahnsinnig an. Naja, andererseits... ich glaube nicht, daß mich ein anderer Mann ertragen könnte. Für alle anderen Männer wäre ich wahrscheinlich viel zu neurotisch."

"Quatsch," sagte ich, "ich kann dich versichern, daß du das normalste Mädchen der Welt bist. Wenn einer von euch neurotisch ist, dann dein Freund."

"Das kannst du doch gar nicht beurteilen!" "Wieso nicht? Ich kann dir doch auch mit Sicherheit sagen, daß der Kerl mit dem schwarzen Hemd, der schräg rechts von uns tanzt, der Kerl mit den Plateauschuhen, daß der ein Ekel ist."

"Das kannst du erst recht nicht beurteilen!"

Ich zuckte mit den Achseln. Da war Hopfen und Malz verloren. Ich erinnerte mich an Kirstin, die gesagt hatte, sie wolle nicht mehr länger hinnehmen, daß ein harmloser, grundguter Mann am anderen Tisch ein Abschaum der Menschheit sein solle. Ich sei so negativ. Mit etwas schlechtem Gewissen entschuldigte ich mich:

"Du hast recht. Es war nicht so gemeint."

"Ich bin jetzt reichlich müde. Fährst du mich nach Hause? Wir können unterwegs Brötchen kaufen. Ich weiß einen Bäcker, der schon auf hat."

"Tja..."

"Oder was ist? Kannst dich wieder mal nicht entscheiden, was! Wie ich das hasse! Jetzt sag' gefälligst, was du willst, Mann!"

"Ja... was will ich… schon, schon. Also Brötchen schon. Aber sonst, ich weiß nicht."

"Schlafen kannste mit mir nicht, damit das klar ist."

"Natürlich nicht." Ich seufzte. Am liebsten hätte ich ganz normal auf die Tanzfläche gestarrt und ein bißchen nachgedacht, über Kim und mich. Sich mit fremden Disco-Miezen zu unterhalten, hatte noch nie Sinn gehabt. Im Gegenteil, es griff mich immer irgendwie an. Der Abgrund, der dann sichtbar wurde, ängstigte mich nachhaltig. Ich kam mir wie ein Marsmensch vor. Auf jeden Fall, wenn ich tatsächlich die Nacht mit dem Mädchen verbracht hätte.

So fuhr ich die Blonde nach Hause. Sie knallte die Autotür so böse zu, daß ich denken konnte, sie hätte wirklich etwas von mir gewollt. Aber sicher hatte sie mich nur im ersten Teil des Abends niedlich gefunden, als ich mit ihr meine Freundin suchte. Der Rest war für sie Enttäuschung. Ich kam mir ganz unwert vor.

Ja, ich war kein lieber Typ, mit dem man gerne am Morgen danach frische Brötchen aß. So fuhr ich nach Hause und rief wieder Kim an.

"Ich habe alles getan, was ich tun konnte, Liebes, aber es gelingt mir nicht, einzuschlafen. Ich wälze mich seit Stunden hin und her. Du mußt mir helfen, sonst drehe ich durch." Ich log ohne das nötige Timbre in der zugeschnürten Kehle. Kim hatte es nicht schwer, mich schon wieder abzuschmettern.

"Tut mir leid, ich habe ebenfalls noch keine Minute Schlafes gefunden. Ich habe Haschisch genommen, ich bin berauscht, aber ich muß jetzt schlafen. Weil ich morgen arbeiten muß." Sie arbeitete neben-bei als Kassiererin in einem Programmkino. Ich wiederholte schwunglos: "Aber ich habe schon alles versucht, schon gelesen...“

"Du hast das Falsche gelesen. Lies etwas anderes. Adieu."

Ich verabschiedete mich artig. Ich war nicht traurig, denn Kims Stimme hatte eine sanfte, fast freundliche Färbung gehabt. Daß sie ebenfalls noch nicht schlief, beruhigte mich. Die Vorsehung bescherte mir somit eine weitere Nacht, in der ich tief und traumlos schlafen konnte. Mehr war in dieser Zeit des Umsturzes nicht zu verlangen.


Foto: Lottmann Images