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Port Stanley ist gefallen 6 (Teil 1)


Der nächste Tag brachte eine seltsame Frontbegradigung. Die Feindhandlungen gingen zurück, und nur noch vereinzelt gab es empfindliche Verluste; die mich dann, zugegebenermaßen, um so härter trafen. Dennoch war ich von Kims Kompromißfähigkeit überrascht. Es war viertel nach elf Uhr abends, als ich ihr vor dem kleinen Programmkino, in dem sie Dienst tat, auflauerte.

Mein Fernglas hatte ich im alten Wehrmachtskäfer deponiert, da ich damit rechnete, von ihr zur Hölle geschickt zu werden und sie dann aus der Ferne verfolgen zu müssen. Ich dachte, sie würde eisern den Kopf schütteln, unbeirrbar, stumm, archaisch. Und ich würde stottern, betteln, mich verwirren und schließlich davonschwanken. Ihr mit Auto und Fernglas zu folgen, konnte aber auch ganz nett sein.

Plötzlich befürchtete ich, es könnte einen Geheimausgang geben und stürzte zur Kasse. Als sich unsere Augen trafen, tat mein Körper eine Hampelmannbewegung. Als hätte man die Schnur gezogen, riß ich Arne und Beine hoch und kiekste dabei. Kim lächelte souverän, wie ein kumpeliger Chef. Ich sollte in das Kassenzimmer kommen und Platz nehmen. Ich hatte immer geglaubt, Kim sei die "weiße Frau", für die die deutschen Soldaten in Stalingrad ihr Leben gegeben hätten, die "Unberührbare", von den Menschen und Kinokunden durch eine Panzerscheibe getrennt. Schon ihre Stimme war hehr und unduldsam. Die diffusen Studenten, die den Studentenausweis vergessen hatten, aber dennoch die Ermäßigung verlangten, wurden sekundenschnell zur Raison gebracht. Kims glasklare Stimme schnitt ihnen jede Courage ab. Rückgratlos krochen sie mit der überteuerten Karte in den dunklen Zuschauerraum. Dort sahen sie, während sie an den zotteligen Haaren kauten, den Film "Die Clowns" von Fellini. Ich hörte Tonfetzen davon, als ich auf Kim wartete. Sie rechnete noch mit der Kasse ab. Von innen wirkte sie, mit ihren ganz normalen Jeans und ihrer wieder in die Breite gehenden Figur, ganz normal. Für dieses Jeansmädchen war kein junger Held in die Feuer der Rotarmisten gerannt. Natürlich war sie immer noch sehr schön; die Jeans hatte, in Verbindung mit dem Kaugummi, das Kim kaute, etwas Keckes. Zehn Minuten später verfinsterte sich wieder die Miene meiner Angeschwärmten. Wir standen vor dem Kino und es war kalt.

"Was willst du noch," muffelte sie schlecht gelaunt, mehr zu sich selbst als zu mir gesprochen.

"Noch etwas mit dir zusammen trinken, Kind!" hechelte ich, beflissen die Hände reibend wie ein Vertreter. Meine Stimme war so piepsig und falsch, daß sich jeder vernünftige Mensch mit Grausen abgewendet hätte. Kim warf mehrmals den Kopf unwirsch herum. Wir froren.

"Also meinetwegen noch ein Getränk. Aber gleich danach fährst du mich nach Hause." Wunderbar. Ich dienerte zum Auto und riß ihr den Wagenschlag auf .

"Ich habe ein Interview mit Kissinger im Spiegel gelesen." begann ich.

"Ich fand es langweilig" meinte Kim.

"Ja, ungeheuer nichtssagend. Dann habe ich noch ein Interview mit Justizminister Schmude im Spiegel gelesen."

"Auch langweilig. Aber nicht so unbeholfen wie Kissinger."

"Ja. Der Jurist im besten Sinne."

"Er hat sich damit abgefunden, daß er das deutsch-deutsche Ressort nicht mehr kriegt." "Klar. Die Regierung steht ja nur noch ein paar Tage."

"Ohne Schmidt - schrecklich. Dann löst sich alles auf."

"Reagonomics, fünf Millionen Arbeitslose... was hast du heute morgen gemacht," fragte ich Kim.

Sie sagte, Haschisch geraucht, Mädchen gezeichnet und neue Schallplatten gehört zu haben. Toll sei es gewesen. Sie hätte sich sehr wohl gefühlt , alleine und frei!

In dem dem neuen Lokal „Alles wird gut" stellten wir uns mit unseren Getränken an eine Wand des riesigen hellbeleuchteten Flurs. Es war eine Art Dorfanger. Alle, die man kannte, alle Künstler und Intellektuellen, waren da. Hundertfünfzig kluge Köpfe. Die Mädchen rochierten untergehakt im Kreis, die Jungfrauen kicherten. Kim und ich diskutierten hitziger als die anderen. Das war ja auch kein Wunder. Bei uns ging es um etwas - um Sieg und Niederlage in der großen Trennungsschlacht, die nun in die siebente Woche ging. Kim war überall tief eingebrochen, und auch jetzt verheizte sie wieder meine frisch ausgehobenen Verbände.

"Wann wirst du endlich merken," eröffnete sie mir launig, „daß alle deine Theorien nichts wert waren. Alle, alle. Daß sie mit mir absolut nichts zu tun haben. Dein ganzes Denken geht an mir völlig vorbei. Du hast keine Ahnung von mir. Alle deine Theorien haben mir nicht einem Millimeter weitergeholfen. Nenne mir doch nur eine einzige deiner vielen Theorien, die gestimmt hätte!“ Sie lachte, triumphierte und guckte gedankenverloren und heiter in die Runde.

„Du meinst, meine Gedanken sind so wertlos wie der übliche Meinungschrott, den sich ein ganz normaler Student aneignet," Kim wies das entschieden zurück. Dann aber sagte sie wieder Unerfreuliches.

"Das männliche System taugt zu nichts, man darf sich gar nicht erst damit befassen. Schon der kleinste Gedanke daran ist Ablenkung. Es ist das System des Mannes von Madame Bovary. Was nützt es, daß er es gut meint - die Frau stirbt unrettbar dahin."

"Was wäre denn darin das weibliche System,"

"Die Lüge. Die völlige Abschottung. Die Frau muß, ganz für sich leben."

„In diesem Moment kam Engelchen in das Lokal. Engelchen war Kims großer Schwarm, entweder ihr Vorbild, oder ihre erotische Phantasie. Ich hatte es nie wichtig genommen. Jetzt aber versetzte es mir einen Schlag. Erstens, weil Engelchen zum ersten Mal wirklich so berückend aussah, wie Kim immer behauptet hatte und zweitens, weil Kim wie ein Pawlowscher Hund auf sie sprang. Engelchen war eine Elfe. Für Kim war es wohl der Inbegriff der Zierlichkeit, Mädchenhaftigkeit und, gleichzeitig, der Eigenständigkeit. Engelchen sprach mit niemanden, Engelchen hatte keinen Freund. Eine Ansammlung von fünf minderjährigen Buben folgte ihr meistens, wohl um sie vor Männern zu schützen. Wie es Engelchen anstellte, sich diese Jungen zu dressieren, wußte ich nicht. Auf Jeden Fall war Kim hinter ihr her. Sonst hatte es sie nur behauptet, diesmal klebte sie tatsächlich ihrem zierlichen Rücken. Ich merkte, daß Kim keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Mit wirrem Blick rief sie mir zu, ihr schnell ein weiteres Getränk zu holen.

Aller Kampfgeist entschwand mir. Ich zeigte Wirkung. Wie tot tappte ich in einen anderen Raum, kletterte sozusagen aus dem Ring. In dem anderen Raum mußte ich wenigstens nicht zusehen. Dort saß ich auf einem Heizungsrohr.

"Dann war das ganze Geschwätz mit dem Lesbischsein am Ende doch richtig...?" dachte ich leise. Auch als ich den Gedanken verworfen hatte, blieb ich auf dem Rohr sitzen. Dann holte ich mir ein Glas Sekt, trank es aus und fühlte mich besser.

Wie ein Spuk war Engelchen gekommen und wieder verschwunden. Kim stand unverändert an der Stelle, wo sie vorher mit mir diskutiert hatte. Ich hätte mich ja totgelacht, wenn ausgerechnet Kim Engelchen vertrieben hätte. Das wäre allerdings zu schrecklich gewesen, überlegte ich rasch. Nein, ich hätte nicht gelacht. Im Grunde verstand ich gut, was Kim an Engelchen hatte. Engelchen durfte nicht gemein sein.

Ich stellte mich wieder neben Kims geradem, kritischen Profil.

"Warum freut es dich, daß meine Theorien alle falsch waren?“ fragte ich interessiert. Ich redete gern mit ihr.

"Wenn aus mir etwas geworden wäre, wäre es mir egal gewesen. Aber es ist nichts aus mir geworden, also war alles, was du mir ins Ohr geflötet hast, falsch. Du hast Erfolg gehabt, ich nicht. Also war etwas faul.

"Und wenn du jetzt Erfolg hättest - würdest du mich dann zu dir holen?“

Kim lachte.

"Nein! Verstehe endlich! Ich will keinen Papi und Umsorger mehr. Ich will in herrlicher, köstlicher Freiheit leben." Ich dachte kurz an Engelchen und tauchte für einen Moment in die Trostlosigkeit ein, die ich auf dem Heizungsrohr empfunden hatte.

"Ach, Kim. Ich verstehe es jetzt.“

"Wie?" Sie blickte mich fast erschrocken an.

"Ich meine: was ich auch täte, es wäre falsch. Weil das Prinzip Mann und Frau AN SICH unheilvoll ist. Unrettbar.“

"Durchaus nicht. Denke an Sartre und Beauvoir - "

„Ich bitte dich," Es war ein unerträglich verbrauchtes Beispiel. Ich wunderte mich sehr, daß Kim es in den Mund nahm.

"Oder Straub und Huillet. Oder Friedrichsen und Reifenbach. Alles Paare, die fruchtbar zusammenarbeiten. Gleichgestellt. Sie arbeiten zusammen.“

„Haben wir doch auch! Der Blondie-Auftrag, die Nabokovbiographie, die Artikel, deren erste Fassung du - "

"Was du doch für ausgedrehte Scheiße labern kannst. Nichts ist wahr, was du sagst. In den zwei Jahren haben wir nichts wirklich Wertvolles hervorgebracht." Voller Verachtung wandte sie sich ab.

Mein Gott, sie hatte recht. Alles war billig gewesen. Geld wurde verdient. Mein "Ruhm" in der Journaille wuchs. Ich wurde fest angestellt, am Ende als "angesehener" Kulturredakteur. Was hatte Kim davon? Nichts. Sie schrieb meine Artikel, unter meinem Namen. Sie recherchierte für mich. Tja, es waren Zubringerdienste. Sie machte Mist und ich veredelte ihn, oder umgekehrt. Wert hatte es keinen.



Foto: Lottmann Images