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Port Stanley ist gefallen 6 (Teil 2)


Ich ahnte allmählich, daß sie mit allem recht hatte. Das Ende war nah. Um nicht die Fassung schon jetzt zu verlieren, holte ich noch zwei Gläser Gintonic. Die tranken wir schnell hinunter, ehe wir fuhren.

Vor dem alten Wehrmachtskäfer standen zwei Späthippies, wohl ehemalige "Tramper", die sich ausrechneten, von dem "geilen Freak-Auto" mitge­nommen zu werden. Ich wehrte sofort ab. Dann fiel mir ein, daß dieses Verhalten in Kims Augen, nach der gerade erfolgten Umwertung der Werte, "spießig" sein mochte. Ich sah sie fragend an.

"Nein! Nicht! Bloß nicht!" platzte sie heraus. Sie wunderte sich, daß ich es in Betracht gezogen hatte, übelriechende Fool-Fossile neben sie zu plazieren.

Direkt vor ihrer Haustür war ein Parkplatz frei, auf den ich den al­ten Wehrmachtskäfer rollen ließ. Ich stellte den Motor ab. Wäre, wie sonst üblich, kein Parkplatz frei gewesen, hätte Kim bei laufendem Motor den Wagen verlassen und nur noch ein bißchen gewunken. Aber so kam es anders. Sie faßte meinen großen Kopf an. Da es sehr dunkel war, tastete sie mein Gesicht ab. Mit den Daumen befühlte sie die verhält­nismäßig feine Haut zwischen Auge und Wange. Sie rieb daran, als woll­te sie ausprobieren, ob man so künstlich Tränen erzeugen könne. Das ging ganz lange gut, vielleicht zehn Minuten lang. Dann raschelte der Autoschlüssel. Es war nur eine winzige Bewegung meines Knies gewesen. "Schade," dachte ich, "nun kommt sie zur Besinnung." Ich wagte nicht zu atmen, wie jemand, der sich versteckt hat. Nichts geschah. Kein Auto war mehr unterwegs. Das einzige, was man hören konnte, war das eigene Blut, das an die Ohren pulste. Schließlich vernahm ich die Schritte eines Mannes, der mindestens achthundert Meter weg sein mußte. Ganz allmählich kam mir Kim wieder näher.

Ich rührte mich nicht, auch und vor allem nicht, als sie mein Gesicht mit vielen kleinen Berührungen verwöhnte. Historisch gesehen war es das erstemal, daß sie mich küßte, während bis dahin immer ich sie geküßt hatte. Nach etwa einer halben Stunde bot sie mir an, mit zu ihr zu kommen. Ich bekam es mit der Angst zu tun.

Konnte ich ablehnen - nein. Ging ich aber mit, passierte ein Unglück. Welches nur? Ich kam nicht sofort darauf. Beklommen folgte ich ihr in ihre Wohnung. Beklommen stand ich dann neben ihrem Bett.

"Zieh dich aus, Kleiner" sagte sie mit dem freundlichen selbstver­ständlichen Ton, den eine Mutter hat, die ihr Kind zu Bett bringt.Ich gehorchte.

Wenig später war es aus mit den rauhreif leichten, hingeatmeten Küßchen. Das Übermaß an Sinneseindrücken, der gleichzeitige Kontakt an vielen hundert Stellen, führte im Groß- und Kleinhirn zu einem Zu­sammenbruch aller Schaltkreise. Der Körper, steuerlos und ohne Aufsicht, raste vor Gewalt. Die Arme, plötzlich endlos lang geworden, preßten Kim von oben bis unten an mich. Ich hatte überall Muskeln, im Hals, im Nacken, im Rumpf, selbst in den Fußballen. Es kam prompt zu dem, was nur die wenigsten Frauen mögen, und ich fühlte mich ent­sprechend belämmert, als es vorbei war. Aufrecht und verstört saß ich im Bett, während Kim sofort einschlief.

"So eine Demütigung... so eine Demütigung...“ dachte ich. Was natür­lich Unsinn war. Kim hatte mir nur eine Freude machen wollen. Ich traute mich nicht, auch nur auf das schlafende Gesicht mit den goldblonden Haaren zu gucken, so vereinzelt und beschämt war mir zumute. Ich starrte zur Decke, zum Vorhang. Was hatte ich in diesem reinli­chen weißen Mädchenzimmer zu suchen? Ich erinnerte mich, daß sie eben vor Schmerz geschrien hatte. Aber das machte nichts.

Ja, das machte nichts. Ich gewann meine Beherrschung zurück. War das Zimmer nicht sogar ein wenig spießig? Nein, nein, das konnte man nicht sagen. Tisch und Bett waren gerade und viereckig. Auch ein Mönch, ein großer Denker hätte sich so karg eingerichtet. Es gab keine Farben, nur weiß und grau.

Und wenn sie das auch wieder nur von mir übernommen hätte? Auch ich hatte diesen kargen Stil, nur nicht so sauber. So war sio vielleicht bis ins eigene Zimmer hinein fremdbestimmt und unglücklich? Als ich sie kennenlernte, hatte sie Oma-Möbel und Firlefanz im Zimmer. Wenn ihre neue Lieblingsthese "wir sind ungleich" stimmte, mußte sie die Einrichtung ändern. Mir fiel ein, daß sie tatsächlich kürzlich angekündigt hatte, diese Wohnung aufzugeben. Der Mietvertrag lautete übrigens auf meinem Namen. Ich hatte damals alles in die Hand genommen. Mein Blick schweifte den buckligen Farbfernseher, den sie Sich alleine gekauft hatte. "So eine Vergeudung von Produktivermögen, Farbfernseher muß man mieten" gab ich damals an, vorschnell, anmaßend und aus reiner Freude am eigenen Geprahle. Ich sah den Spiegel, der auf einem weißen Hocker stand und den ich einmal als näch­stes zu destruierendes Objekt ausgewählt hatte. Viele Scherben, gros­ser Effekt, wenig Schaden. Beim nächsten großen Streit hatte er dran sein sollen.

Überall sah ich nun Zeichen für meine Unterdrückung. Ich stand auf und zog mich an. Kim atmete ruhig, streckte mir aber ihre Hand entgegen.

„Entschuldige... ich bin so betrunken... ich bin eingeschlafen... sei mir nicht böse" bat sie. Das waren moderate Töne, die ich lange nicht gehört hatte; wahrscheinlich schlief sie noch halb. Ich griff ihre Hand und bedankte mich überschwenglich für "den ganzen Abend", was ich gleich darauf bereute.

"Oh, bitte schön!" formulierte sie voller Spott und wachte ganz auf. Was sollte ich nun tun? Störrisch bestand ich darauf, daß ich ihr wirklich dankbar wäre. Wahrscheinlich kam nun, vermutete ich, ein anzüglich-bitteres "Das kann ich mir denken!“. Aber ich irrte.

"Ja" sagte sie nur und zog meinen linken Arm an sich. Sie schien guter Dinge zu sein. Richtig nett.

Ungläubig streichelte ich sie noch ein bißchen und ging dann. Behutsam, ohne Knallen, schloß ich alle Türen. Als letztes sah ich die Blumen, die ich ihr eine Woche davor geschenkt hatte. Ich war ge­spannt, wie es nun weitergehen sollte.




Foto: Lottmann Images