Noch keine Tags.
Tag Cloud
Featured Review

Port Stanley ist gefallen 7 (Teil 1 & 2)

Am nächsten Tag wollte sich Kim an nichts mehr erinnern können.

„Na Kim, wie geht es dir?" fragte ich am Telefon.

"Wieso? Ich habe mir die neue Schallplatte der Gruppe Spandau Ballett gekauft. Aber ich erzähle dir nichts mehr."

"Spandau Ballett, großartig, wunderbar... fandest du den Abend gestern nett?"

Sie sagte, sie hätte sich dreckig gefühlt, wie ein Arbeiter, ungewa­schen, noch in Arbeitskleidung, ohne Schminke, ohne goldene Haarspan­gen. Es sei weder nett noch unnett gewesen, sondern einfach nicht der Rede wert.

Aha! So war das. Wäre es ein besonderer Tag gewesen, hätte sie mich gar nicht an ihrer Seite geduldet, dachte ich. Bevor sie auflegte, fragte ich noch schnell, ob sie Flum, meinen ehemaligen Chef, gese­hen hatte. Kim verneinte, bestätigte aber, daß Flum sie festanstellen würde, als Texterin.

Mit anderen Worten: sie bekam meinen Posten. Die Stelle, die mir Flum bis zum Herbst offenhalten wollte, für den naheliegenden Fall, daß ich in die Journaille eines Tages zurückkehrte.

„Hast du Flum irgendetwas erzählt? Daß wir uns getrennt hätten?“

„Ja. Flum wird sich ein bißchen um mich kümmern. Er hat mit seiner Freundin darüber gesprochen, sie hat nichts dagegen.

"Wogegen?“

„Daß ich mit Flum regelmäßig ausgehe.

„Duzt ihr euch?"

»Natürlich."

Nach dem Gespräch hatte ich guten Grund, in heilloses Grübeln zu ver­fallen. Flum war immer hinter ihr her gewesen, gewiß. Dennoch schloß ich es aus, daß sie ihn mochte. Es ging ihr um Emanzipation, also um einen beruflichen Status meines Niveaus. Sie mußte nehmen, was sie bekam. Skrupellos zupacken! Sie stand am Nullpunkt. Was war sie schon: Kassiererin. Da durfte man nicht die Heilige spielen, als die ich sie immer gerne sah. Andererseits sah sie auch Flum gern so. Gerade das Unnahbare reizte ihn. Er hatte sie also schlichtweg gekauft. Acht Stun­den am Tag mußte sie nun um ihn sein, mehr nicht.

Ich war so ungerecht. Das arme Mädchen. Anstatt mich zu freuen, daß aus ihr etwas wurde, dachte ich krumme Gedanken. Es ging ihr lediglich darum, mir gleich zu werden. Weg mit dem ökonomischen Gefälle! Wußte man doch, wohin sich eine Beziehung entwickelt, in der der eine viertausend, der andere tausendfünfhundert Mark verdient: in eine Herr-und-Hund-Konstellation. Nein, es war verdienstvoll, daß sie sich freirappelte.

Aber warum sagte sie immer, es sei ihr unangenehm, wenn ich keinen Erfolg mehr hätte? Sie würde den Respekt vor mir verlieren, wenn ich mich demontieren ließe? Und, noch schlimmer: kürzlich hatte sie ge­höhnt, ich sei bereits restlos demontiert, sie habe bereits keinen Respekt mehr vor mir! Darauf hatte ich trottelig berichtigt, ich sei erst zur Hälfte demontiert; wenn ich es erst ganz sei, sei ich nicht mehr viederzuerkennen. Ich fand mich dabei sogar kokett. Insgeheim fühlte ich mich noch kein bißchen demontiert. Mein Kurs des sterbenden Schwans schien mir ehrenhaft und sympathisch. Täglich lief ich heldenhaft ins offene Messer. War das nicht erstaunlich? Hatte das nicht Größe? In Kims Augen offensichtlich nicht. Sie fand diese Reaktion gewöhnlich bis zum geht-nicht-mehr.

Ich fragte sie einmal, ob sie denn nicht auch als Kind Dostojewski gelesen hätte: diese russischen Großgrafen, die sich drei Tage und drei Nächte heulend vor die Türe der Gräfin legten, die ihr gesamtes Vermögen vor den Augen der Gräfin in den Kamin warfen, die sich in der Gesellschaft lebenslang komprommittierten, um ihre Liebe zu beweisen, die sie für die Gräfin hegten? Kim konnte darauf nur herzlich aber angeekelt lachen. Dummheit könne ihr nicht imponieren, im Gegenteil. Sie wolle, daß man ihr mit Verstand entgegentrete, nicht mit Gefühl. Einmal habe ein Verrückter vor ihren Augen einen Fünfzignarkschein abgebrannt, um ihr Eindruck zu machen. Es sei das Billigste und Ordinärste gewesen, was ihr je zugemutet worden sei; sie habe sich beschmutzt gefühlt.

Ich verstand es. Die Männer mit ihren klebrigen Gefühlen, furchtbar. Immer dieses Ein-und-Alles, diese Effekte, diese Verschiebungen. Sie rissen sich das Hemd auf und tönten: stich zu! Sie warfen die Aktien in den Kamin und so weiter. Nie kamen sie auf den Boden der Tatsachen zurück, auf das, was die Gefühle auslöste, auf die Substanz der Gemeinsamkeiten. Ich stellte mir vor, Helmut Schmidt würde, anstatt gemeinsame Ziele mit Genscher konstruktiv zu entwickeln, vor ihn hingetreten sein mit offenem Hemd und dem Ruf "stich zu!". Nein, so kam man nicht weiter.

Dennoch: Kim hatte darunter gelitten, daß ich Erfolge hatte und sie nicht. Das hatte sie immer wieder gesagt. Es war ihr um das Ungleichgewicht zu tun. Sie litt einzig und allein unter den Minderwertigkeitskomplexen, die sie mir gegenüber hatte. Besser: gehabt hatte. Warum war sie nun nicht froh? Weg die Komplexe, Bahn frei für die Liebe!

Oder hatte Angelika, die Freundin meines Freundes Stephan Ohr, recht, die mir zugeraunt hatte: "Paß auf Kim auf. Sie braucht den starken Mann."? Na, das wäre dann das Letzte gewesen. Aber Angelika hatte ja nur Watte im Kopf. Sie war eine Sexistin.

Kim suchte nicht den starken, sondern den väterlichen Mann. Einer, der zwar haushoch überlegen, aber vor allem väterlich war. Daran hatte ich es anscheinend fehlen lassen. Als ich mich endlich einmal durch meine Gefühle geschraubt hatte und konkret fragte, was ich hätte anders machen müssen, erklärte Kim blitzschnell: "Mehr fordern, mehr fördern, mehr schulen. Weniger Triebabfuhr." Wie ein alter passionierter Pädagoge seinen Lieblingsschüler im vergangenen Jahrhundert behandelte, so hätte ich Kim behandeln müssen. Oder einfacher: es hätte zwischen uns so zugehen müssen wie zwischen einem etwas älteren homosexuellen und seinem minderjährigen, ahnungslosen und heterosexuell veranlagten Freund. Alle Gefühle tabu, alle Erotik latent, alle Interessen ins Sachliche verbogen. War das väterlich?

Oder bedeutete väterlich vor allem, daß man selbst niemals schwankte niemals Probleme hatte? Wahrscheinlich bedeutete es einfach, so zu sei wie Kims Vater, den sie über alles verehrte. Dieser Mann war monolithisch wie ein Pastor. Ein Dauerredner und großer Prediger. Sein durchtränktes Weltbild unterbreitete er anhand von millionen kleiner und großer Anekdoten, Parabeln und Sinnsprüchen unaufhörlich.

Dabei war er liebenswürdig, zurückhaltend, gut erzogen und von echter, tiefer Freundlichkeit und Anteilnahme. Nie kam er ohne Blumen, ohne ein kleines Geschenk, ohne Neuigkeiten und neue kleine Geschichten. Stets fragte er einen nach den eigenen Vorhaben und Anliegen, drückte sich aber dabei so unverbindlich aus, daß man nur das herausgab, was man herausgeben wollte. Nie fühlte man sich durch ihn genötigt, auch nicht, wenn er einen mit Einladungen überhäufte: zum Essen, zur Hochzeit, zum Ball, zur Jagd, zum New-York-Trip, zu diesem und jenem. Er war immer spendabel und verabschiedete sich nie, ohne zumindest Kim einen Hundertmarkschein zuzustecken. Daß er seine Tochter über alles liebte, stand außer Frage. Sogar mich liebte er, wohl weil ich einem Zustand ein Ende gemacht hatte, der ihm unheimlich geworden war: bis zum zweiundzwanzigsten Lebensjahr hatte das doch so hübsche Kind keinen Freund gehabt. Natürlich war der gute Vater seit Beginn der Trennungsschlacht wieder ganz auf seiten Kims. Er verzehnfachte ungefragt alle Zahlungen. Mindestens zweihundert Mark gab Kim jeden Lag für neue Kleider und Konsumgüter aller Art aus. Der Vater versüßte ihr die schwere Trennung, wo er nur konnte. Vielleicht dachte er wirklich, es sei ein Problem für Kim, eine schwere Zeit. Schließlich hatte sie ihm erzählt, ich machte sie unglücklich und ich ginge immer mit anderen Mädchen aus. Was nicht stimmte, auch wenn sie es sich allen Ernstes einbildete. Der Vater mochte es jedenfalls so verstanden haben, daß sie sich von mir schweren Herzens losreißen mußte. Da konnte er nicht abseits stehen.

Ob Flum väterlicher war als ich? Immerhin war er älter und verdiente sechstausend Mark im Monat. Aber das bedeutete nichts. Schließlich hatte Kim ohne Mühe auch Leute kriegen können, die zehntausend Mark im Monat verdienten. Nein, Flum war kein Thema. Die Wahrheit war, daß Kim endlich alleine sein wollte. Gefühlsfrei. Nur mit Engelchen im Herzen.

Ruhelos ging ich im Zimmer auf und ab. Es gab viel Lauffläche in der hundert Quadratmeter großen Wohnung, in der ich einst gemeinsam mit Kia gewohnt hatte. Für mich allein war sie zu groß und zu teuer, aber ich hatte an ihr uneinsichtig festgehalten. Ein Junggesellenappartement mit vierzig Quadratmetern und Duschkabine wäre das Eingeständnis der Lebensniederlage gewesen.

Bei meinen Freunden wußte niemand von der Trennungsschlacht. Nun, da Flum es wußte, ging die Meldung sicher bald lustlos von Telefon zu Telefon. Lustlos, weil niemand sie glauben würde. Ich ja auch nicht, ich fühlte mich kräftiger denn je. Der Kampf begann erst. Es war noch überhaupt nichts entschieden. Je größer die Krise noch würde, desto größer würde am Ende mein Sieg sein. Ich würde den Gewinn meines Lebens machen.

Ich hatte mir für einige tausend Mark Naziliteratur gekauft und begann darin zu schmökern. Es langweilte mich aber; nur die Buchrücken gefielen mir. Ein Buch mit Breshnew-Aufsätzen gefiel mir besser. Es beruhigte mich. Ich klappte es wieder zu und trug es ans Bett, für später, ich grübelte weiter.

Im Grunde hatte ich es gut. Andere Mädchen sagten „Aus, Mann“ und wurden nie mehr gesehen. Oder, noch häufiger, der „Neue“ stand plötzlich in der Tür und machte alles klar. Kim dagegen ermöglichte mir einen monatelangen Widerstand, eine Guerillaexistenz, in der ich langsam wachsen und überleben konnte. Die Geschichte lehrte, daß die Guerilla immer der Macht überlegen war. Ach, es würde eine entsetzliche Rache geben, eine Tet-Offensive, ein unglaubliches Gemetzel, eines Tages, wenn der Untergrund losschlug. Nur, wie sollte die Rache aussehen? Ein andres Mädchen? Unsinn. Das wäre ihr nur entgegengekommen. Außerdem hatte mich Kims Schönheit verdorben. Wie hätte ich ein Gesicht ertragen sollen, das nicht nur um eine Nuance, sondern unvermeidlicherweise um Welten schlechter proportioniert war als Kims Gesicht? Das wäre nicht gutgegangen.


Foto: Lottmann Images

Ich konnte nur abwarten. Die Zeit war auf meiner Seite. Ich durfte keine Angst haben. Wie sagte Pfarrer Brinckmann immer: „ Wenn du glaubst/ es geht nicht mehr/ kommt von irgendwo/ ein Lichtlein her.“ Sollte ich mich an meine Freunde wenden? Auch das war ungünstig, da Kim mir immer vorgeworfen hatte, ich sei mit meinen Freunden vertrauter als mit ihr. Sie hätte sich sofort bestätigt gefühlt. Fortan wäre ich ihr für alle Zeiten ein Fremder gewesen. Nein, es war besser, stille zu halten, wie bei den Schmetterlingsküßchen im Auto die Nacht davor. Das Beste wäre gewesen, wieder zu arbeiten. Aber wer nahm mich noch, außer Flum. Mit zu großem Getöse hatte ich erst Monate vorher der Journaille den Rucken gekehrt. Das war übrigens auch der Tag, an dem sich Kim von mir abzuwenden begonnen hatte. Der Status des Arbeitslosen paßte zu einem großväterlichen, nicht zu einem väterlichen Freund. Man mußte das verstehen. Überall in der Bundesrepublik gingen deswegen die Ehen kaputt. Übrigens war diese Sichtweise männlich und monomanisch: ich tat so, als habe ihre Befreiung etwas mit mir zu tun, mit meiner Arbeitslosigkeit. In Wirklichkeit ging es allein um Kims Leben: sie wollte nach oben.

Verstand ich die Mädchen? Nein. Kim sagte es ja selbst ohne Ende und haßerfült: „Du hast keine Ahnung von mir!“ Wirklich nicht? Gab es nichts, woran ich mich halten konnte, keine objektiven Tatsache, Verlautbarungen? Ich kramte ein paar ihrer Briefe zusammen. Vielleicht ließ sich aus ihnen das erste Stückchen einer Ahnung filtern? Vorher begab ich mich in die Küche und knackte Nüsse. Dann las ich, wobei ich mir wie ein frischer, noch unsicherer Assistenzarzt vorkam, der einem rötelndem Kind in den weit aufgerissenen Mund guckt. Sorgenvoll sah ich auf die säuberlich getippten Blätter.

„Langsam dämmert es mir, ich bin ganz anders als du,“ stand da, „ich bin vielleicht nicht so bauernschlau, dafür redlich, ich schreibe viel schlechter, aber ganz nett, ich halte kaum die Hälfte der Menschheit für Abschaum, meine Konversation ist anspruchslos, dafür aber sehr eigen...“ Ohne zu überlegen griff ich zu einer anderen Stelle.

"...Unsere herrschende Ideologie 'Du bist wie Ich' beruht auf einer Fehleinschätzung, die sich nur deshalb so lange hat halten können, weil ich mit dieser Vorstellung nur allzu gern kokettierte. Das hieße ja, ich, die langjährige Versagerin, wäre ein genauso gleichwertiges Schreibtalent wie du, zum Reporter geboren, mehr noch: fähig, ein brillianter Medienanalytiker, Überflieger, Charmeur und dergleichen mehr zu sein...“

Sie hatte also wirklich eine gute Meinung von mir gehabt. Damals schien sie mich mehr geachtet zu haben als ihren Architekten-Vater, den sie ebenfalls als Charmeur bezeichnete. „...du stilisierst mein Elend. Dir ist meine Trübsal ein sinnliches Vergnügen. Das ist sehr unangenehm. Im Grunde bin ich nämlich ein sehr lustiger Mensch. Daß ich es zuließ, daß du dich zum Sachwalter und Promoter meiner Depressionen machtest...“

Unangenehm berührt übersprang ich ein paar Zeilen.

„… aber die Depressionen gehören nicht zu meiner Grundausstattung wie die Holztäfelung zu einem 1.-Klasse-Schlafwagen. Hier ist kein handwerklich geschickter Bundesbahntischler am Werk gewesen, sondern es gab täglich neue Irritationen, die die Depressionen auslösten, neue Langeweile, neuen Neid, verfehlte gesellschaftliche Ereignisse, mangelnde Freundschaft neben/außer dir, Verschleiß an der Kinokasse, und vieles mehr. Meine Erfolge, wie du es nennst, betrugen ein Hundertstel gemessen an deinen Erfolgen..."

Na, da stellte sie ihr Licht aber unter den Scheffel. Wie konnte man nur so wenig von seinen eigenen Leistungen halten? Sie hatte in dem Jahr mehr geschrieben als Rudolf Augstein persönlich. Trotzdem wurde klar, was der Movens ihrer Handlungsweisen wurde: das Bedürfnis, Erfolg zu haben. Ehrgeiz also. Der Drang, sich selbst zu beweisen. Sie wollte endlich etwas leisten, das sich sehen lassen konnte. Eine ganz natürliche Sache, im Grunde. Was hatte ich dagegen? Ich war wirklich ein ignoranter Typ.

Das arme Mädel, weiß Gott. Warum gönnte ich ihr nicht, daß sie sich nicht mehr länger im - für sie scheinbar ungünstigen - Vergleich zu mir sehen mußte? Warum schmunzelte ich nicht, unsichtbar bleibend, über die drei Kokain-Nasen am Tag, den individuellen kleinen Drogenexzess, die solipsistischon Konsumorgien, die Spaziergänge, die nur ihr gehörten, die Phantasien, die nur ihr ureigenster Vater bezahlen konnte?

Mir fiel darauf keine Antwort ein. Gönnte ich ihr denn ihre stumpfsinnige Arbeit als Kassiererin? Gönnte ich ihr den Umstand, daß sie niemanden auf der Welt hatte als mich und ihren Vater? Daß sie mit den Menschen nichts anfangen konnte? Ja, allerdings, so sah es aus. Ich gönnte es ihr. Ich war gemein. Unschlüssig starrte ich ins Leere. Die Lage wurde nicht einfacher.

Aber war es nicht auf jeden Fall eine böse, unmenschliche Tat, mit ihr Schluß zu machen, eine Menschenrechtsverletzung? Ich zweifelte selbst daran. Wer weiß, wohin mich meine Gedanken noch geführt hätten, wenn nicht in diesem Moment das Telefon geklingelt hätte: Kim persönlich ließ von sich hören, in einem Ton, der alle Zweifel als Softi-Gespinste entlarvte: "Ich rufe nur an, um Bescheid zu sagen, daß ich nicht bei dem blöden Wirtschaftslehrekurs bin, falls du mich abholen wolltest. Tschüß.“

Sie legte auf.

Der Wirtschaftslehrekurs war jeden Montag Abend gewesen, bis zwanzig Uhr. Ich hatte sie immer er abgeholt und nach Hause gefahren. Offenbar sollte auch damit endlich Schluß sein. Ich nahm mir vor, nicht mehr weiter zu grübeln, weil es meine Kampfkraft beeinträchtigen konnte. Da ich auf niemanden Lust hatte, fuhr ich einfach ein paar sinnlose Runden mit dem Wehrmachtskäfer. Am Hauptbahnhof besorgte ich drei Zeitungen. Dann machte ich vor Kims Wohung Station, nahm das Fernglas und schlich auf den Hinterhof. Sie hatte Licht an und saß schreibend am Schreibtisch.

Die frische Luft tat gut. Ein Spaziergang konnte nicht schaden. Am besten natürlich mit Kim. Oder sollte ich mit ihr eine Flasche Sekt trinken? Gewiß doch!

Ich fuhr zum Automatenladen und kaufte zwei Flaschen Pikkolosekt. Leider öffnete meine blonde Freundin nicht die Tür, als ich, in jeder Hand ein Fläschlein, klingelte. Verflucht auch, was hatte sie? Mir blieb nichts anderes übrig als nach Hause zu fahren und von da aus anzurufen.

„Nein, ich will mit dir keinen Sekt trinken, tschüß“ war die erschütternde Antwort. Ich mußte das Zeug alleine trinken.

„Schockschwerenot.“ brummelnd schob ich die Flaschen in den Kühlschrank. Lieber wollte ich gut essen. Ich hatte schon die Tür in der Hand, als mich ein Anfall von Eifersucht überkam. Klarer Fall: Flum steckte hinter allem. Er hatte sich mit ihr für diesen Abend verabredet. Während ich gleich trübe in irgendeinem Restaurant an einem Einzeltisch Platz nehmen wollte, hatten sie, Kim und Flum, vor, sich einen glorreichen Abend zu zweit zu machen. Sie verstanden sich ja angeblich so gut, laut Flum, dem Spinner.

"Noch zwei kurze Fragen, Kim – ", begann ich das Gespräch, froh, daß sie noch abnahm.

"Ja, bitte?"

"Hast du Flum heute gesehen?.

"Nein, leider nicht.“

"Siehst du ihn heute noch?“

"Nein. Ich habe zu tun...“

"Wenigstens morgen?"

"Nur kurz...“

"Danke, schlaf gut!“

Da sie nie log, konnte ich beruhigt sein. Meine Nerven glätteten sich dermaßen, daß ich fast vor Vernünftigkeit und guten Vorsätzen verrückt wurde. Ich aß fein zu abend, räumte die Wohnung auf, lief joggend um die Alster, schrieb einen Brief an die Großmutter und erstellte einen Finanzplan für das restliche Jahr. Dann verschlang ich atemlos alle drei Zeitungen, fiel wie auf Kommando in die Kissen und schlief auf der Stelle in soliden, anständigen Zügen ein. Ich wachte auch nicht zwischendurch auf, sondern erst, als stramme zwölf Stunden verstrichen waren

Dann begann der neue Tag. Er hatte es in sich.