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Stephan und Lojo in Amerika 11



30.6.78

Der Kampf um den Rücksitz brannte erneut in ungewohnter Schärfe. Stephan umklammerte die Seitentür, während ich meine rechte Faust ein ums andere Mal in sein Gesicht pflanzte. Schließlich gab er nach und ich saß wieder vorne. Martine erzählte: „Ich bin in Kassel aufgewachsen und habe eine Zwillingsschwester, Jutta. In Kassel wurden damals die Straßen aufgerissen und mit heissem Teer übergossen, die Stadt war im Krieg dermaßen kaputtgeschossen worden, dass noch in den fünfziger Jahren Trümmer herumlagen und die Straßen geteert werden mussten. In der Schule wurden wir verprügelt, Jutta und ich, weil wir als eineiige Zwillinge immerzu die Aufmerksamkeit auf uns zogen. Ohne es zu wollen hatten wir, als Doppelausgabe, einen Sonderstatus. Die Mitschüler trieben uns auf ein Kornfeld und schlugen auf uns ein. Die Lehrer mochten uns, mein erster Mann war ein Lehrer. Milieu und Kindheit war bundesrepublikanisch, der Vater sagte: „Für diesen Staat arbeite ich nich“ und verbrachte die meiste Zeit in seiner Bibliothek, Adenauer wurde sehr alt und trat ab. Ehrhard* wurde Bundeskanzler, Jutta und ich liebten Pferde, hatten alle diese Pferdebücher in unserem Mädchenzimmern, der Vater sammelte Militärorden, die Mutter war Mutter, sehr lieb natürlich. Man kennt das Bild. Jutta und ich waren Kinder dieser seltsamen, politlosen Großvaterzeit, diese Bürgerlichkeit à la 1850. Jutta und ich blieben in den Kinderschuhen stecken. Jahrzehntelang saßen wir an unseren lieben Mädchenzimmerschreibtischen und zeichneten. Während andere Kinder auf der Straße waren. Wir wurden 16 und sahen noch immer aus wie Spielzeug. Schrecklich dünn und keine Brust, weisse Haut, Pony und Pferdeschwanz, später Miniröckchen oder schwarz-weisse Courège-Kostüme und flache Schuhe. Sogar die Beatles passten gut in unsere Welt, wir mochten die lustigen Pilzköpfe und wollten in den Sommerferien nach England fahren, um in der „verrückten“ Carnaby-Street Beatles-Anzüge zu kaufen. Alles harmlos. Etwas ganz anderes mußte kommen, um uns aufzuwecken. In dem (gerade erfundenen) Kassettenrecorder, den ein junger Kasseler Bürger unter den Arm geklemmt hatte, hörten Jutta und ich das Lied „Like a Rolling Stone“ von Bob Dylan. Wir waren so angetan, daß wir wochenlang nach diesem Lied suchten. Es war schwer, denn wir kannten weder Dylan noch sonst irgendetwas von der damaligen Musikbewegung.“


Foto: Gisela Getty

Anmerkung der Herausgeber:innen:


Martines Erzählung bricht hier ab, da in dem von Jule Schaumlöffel überlieferten Manuskript ein Blatt fehlt. Dies enthielt die Überleitung von der Kassel-Schilderung zurück in die Erzählzeit des Tagebuchschreibers sowie einen Dialog zwischen Martine und Lojo über das Thema Liebe. Dies ist aus dem einzigen der Nachwelt überlieferten Textfragment auf der Folgeseite zu schließen:


[…noch an unsere große Liebe glaubte. Ich sagte: „Wie bitte?“ und: „Welche Liebe denn?“]


Daraufhin setzt der setzt der unkorrumpierte Text wieder ein:


Es stellte sich heraus, daß Martine nur mich liebte und Stephan überhaupt nicht. Ich erfuhr das zu einem Zeitpunkt, als Stephan nur mit schweren Schlägen ins Gesicht vom Beifahrersitz abgehalten werden konnte und er mich längst unverhohlen triumphierend mit kleinen bösen Augen ansah. Wir gingen alle drei in das Insidertopessrestaurant „Tamas“. Stephan hatte sich fein gemacht, gepudert, geschminkt, gemalt, gebürstet, die Manschettenknöpfe geputzt, den Mund mit drei verschiedenen Sprays einparfümiert, u.s.w. Er drehte sich gerade zum x-ten Male im Spiegel, als ich es ihm sagte: „Stephan, du hast mich doch gerne? Aber ja, Lojo, das weißt du doch. Ich habe dich furchtbar gerne!“ „Du glaubst doch nicht, dass ich dich anlüge?“ „Wieso? Was ist denn?“ Martine liebt mich sehr und ich garnicht. Er rannte zu Martine, die es ihm bestätigte. Wir setzen uns und begannen zu essen. Stephan rührte kaum etwas an. Eine wohltuende Stille. Ich streckte mich. Wunderbar, endlich Ruhe, Frieden, Sicherheit! Ich kaute und schwieg. Kein Leistungszwang mehr. Kein amüsantes Geplauder aus seiner Ecke mehr, zu dem man gefällig lächeln musste. Ich genoss die Minuten, denn ich wußte, daß Stephan nur genug trinken mußte, um erneut gesprächig zu werden. So war es dann auch. Am Ende des Abends saß er wieder vorne.

Wir hatten eigentlich etwas mehr Solidarität dringend nötig gehabt, denn von Tag zu Tag bekamen wir mehr Feinde In Hollywood. Es war unsere Fehler gewesen, die entscheidende erste Konfrontation mit Bob Rafelson, den bisherigen Besitzer Martines und lokalen Opinion-leader, zu verzögern. Als es endlich soweit war, hatten wir bereits eine Front gegen uns. Wie war das gekommen? Folgendermaßen: Bob hatte seine rechte Hand, einen gewissen „Jake“, vorausgeschickt. Ich hatte mir einen tollen Mann vorgestellt, Ende Vierzig wohl, weiße Schläfen, interessante Falten, grauer Anzug, sehr sensibel vielleicht, oder durchschlagend-brutal wie Jack Palace. Ich hatte mir ne Menge Fragen zurechtgelegt, das kannst du mir glauben, liebe Leser:in*. Stattdessen steht aber ein Äffchen vor mir, mit Easy-Rider-Sonnenbrille und happy-go- lucky-Gesicht, Typ Kaffeestubenfreak aus Hamburg. Er sagt auch prompt, anstatt mir die Hand zu geben: Keep it cool, man. Bei mir löst sich sofort die aufgestaute Spannung, ich lache ihn an, hahaha, gehe zum Kofferraum und hohle Pauls Magnum heraus, um sie ihm zu zeigen: „What ya say t’ma little girlfriend, haha?“ Die Reaktion ist ganz anders als erwartet. Ein Tumult entsteht, weil mich der Freak, Martine und Stephan gleichzeitig anspringen. Schneller als das menschliche Auge wahrzunehmen vermag, ist die Pistole wieder im Kofferraum gelandet. Stephan, Jake und Martine halten sich schwer atmend an den Händen, sie scheinen einen Schock zu haben. „Wenn das jemand gesehen hätte, wären wir alle drei am nächsten Stop-Schild aufgehängt worden“ sagte Martine. In Jakes Augen ist grenzenlose Verachtung. Er behandelt mich für den Rest des Treffens wie einen dummen Jungen. Er guckt schon bald auf die Uhr und lässt ein Taxi kommen. Nach nur einer Stunde hat er die maßgeblichen Leute in Hollywood informiert. „Martine Getty mit Verrückten zusammen“ lautet die Schlagzeile. Ein böser Schnitzer, der Folgen haben sollte. Als nächstes verscherzten wir uns die Sympathien mit „Susu“, jener begabten Warhol-Schauspielerin, die uns das mexicanische Häuschen gab. Wie bereits berichtet hatte ich zu heftig widersprochen, als sie in Hitler und Eva Braun DAS BÖSE in dieser Welt erblickte. Susu sagte alle weiteren Treffen mit uns ab und rief sogar Martine an, um sie zu warnen: „Your friends are NAZIS, I want you let you know that.“. Auch mit Timothy Leary verdarben wir uns alles, nicht nur weil ich drei Stunden mit seiner Freundin geflirtet hatte. NACH diesen drei Stunden nämlich, als Leary schon aussah wie der späte Richard Burton, sprach ich ihn unerwartet, aus dem Stand heraus an, und verwickelte ihn in Widersprüche. So unglaublich es klingt, er stammelte heil- und hilflos von Space und Energy, während Stephan und ich laut lachen. Martine war sehr verliebt und in bester Stimmung, sie lachte mit, verzichtete auf die Diplomatie, küßte mich heftig. Timothy ging aufgebracht weg, ohne sich zu verabschieden. Als nächstes verärgerten wir Beach Dickersen*, den dicken schwulen Immobilienkönig. Er hatte uns an seinen tollen Swimmingpool gesetzt und sich die Finger geleckt, was für hübsche Jungs, richtige Deutsche, selten etwas zu leckeres im Haus gehabt. Er gab uns ein eigenes Haus gleich neben dem seinen, oben in den Hollywood Mountains, doch wir zogen nie ein. Haben bis heute nicht Dankeschön gesagt. Wie wir schließlich Bob behandelten ist bekannt, ebenso Warren Beautty. Bobs neue Freundin Darleene ließen wir sich leersappeln. Michael Getty aß ich den gerade gemachten Toast vor der Nase weg. Und so weiter. Karl Parson prellten wir um 150 Dollar. Daß ich Paul völlig betrog, ist auch klar. Aber es vergingen vier Wochen, wir machten weiter, nichts passierte. Nur Bob lief ab und zu an und drohte. Ich sagte zu Martine: „Laß ihn drohen. Die Wahrheit ist, daß er dich mehr will als jemals zuvor.“ Eines Tages kamen wir ins Schwab‘s und es saßen zufällig vier oder fünf Bob-Freunde in der Ecke. „Out with the faget nazi punks!!“ dröhnten sie. Zu deutsch: weg mit den homosexuellen Punk-Faschisten. Martine sprach lange mit ihnen, erreichte aber wenig. Man mußte sich vorsehen. Gefährlich also, daß gerade jetzt unsere Solidarität nachließ. Vielleicht ließ die Solidarität auch gerade deswegen nach, weil etwas in der Luft lag.



(*13) Eine bewusste Fehlschreibung mit antiautoritärer Intention.

(*14) Die Anrede „lieber Leser“ in der Lesefassung bitten wir zu entschuldigen.

(*15) s. *13. Es handelt sich wohl um den Schauspieler Beach Dickerson.

Foto: Gisela Martine Getty