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Stephan und Lojo in Amerika 12


3.7.78


Martine und ich gingen spazieren. Ein Porsche 911S, silbergrau, rauchende Reifen, hielt direkt vor uns, es war Paul. Come in! rief er. Wir quängelten uns in Wageninnere und Paul raste mit 160 Meilen, also 220 Stundenkilometern, den Berg hinunter. No, No, No!! brüllte Martine und riß Paul am Hemd herum, völlig ausser sich. Ich beruhigte sie: Paul wird schon wissen, was er tut, Martine, alles halb so wild! Sie drehte ihr Gesicht kurz zu mir, ihre Augen weit aufgerissen: Er hat zu mir eben gesagt, wir sollten sterben. Let’s die, Martine, hat er gesagt, der Wahnsinnige! Der Wagen flog mehrere Sekunden durch die Luft, bekam wieder Bodenkontakt, raste weiter. Are you afraid?! fragte Paul. I’m never afraid! rief ich. Paul bremste, der Wagen drehte sich viermal um die eigene Achse. Wir stiegen aus. Alles gutgegangen. Alles halb so wild, das wußte ich doch. Ein kleiner Dramatiker, unser Paul. Ich machte die Tür zum Wohnzimmer auf und hatte ein scheussliches Bild vor mir: Michael saß mit seinem vollen Körpergewicht auf Stephans Brust und drückte ihm ein Kissen auf das Gesicht. Stephans Beine zappelten, seine dünnen Ärmchen waren schon abgeknickt. Ich knallte die Tür zu, Peng!, und das genügte, um Michael in die Flucht zu schlagen. Er lief zu seinem Auto, eine deutschen BMW, und fuhr weg. Stephan legte die Zähne frei, wirkte ganz munter. „Wir haben nur gespielt“, meinte er. Wir wurden nicht recht froh über diese Erklärung. Ich schlug vor, wieder zu dritt Auto zu fahren und Geschichten zu erzählen. Martine und Stephan stimmten sofort zu, man wollte die Wohnung gerne verlassen, Martine ging zum Auto, Stephan holte drei Schminkkoffer und seine schwarze Ives Saint Laurent-Hose und ging hinterher. Ich stand allein mit Paul in der Küche. Sein Gesicht war schmaler geworden, die Augen klarer, er sah besser aus als in den Tagen davor. Wir rauchten eine Zigarette und sprachen von blonden, roten und schwarzen Mädchen, die wir schon gehabt hätten. „Gib mir einen Dollar“ bat ich Paul. Er fummelte vier Scheine aus der Hosentasche. Ach Getty, dachte ich, und nahm ihn am Handgelenk. Er sah mich sehr nett an und lud mich zu irgendetwas ein. Ich hatte keine Zeit mehr und ging zum Auto. Don’t bluff me, sagte Paul noch, in alter Unverbindlichkeit.

Im Auto erzählte Martine: „Ich hatte nie eine Freundin in Kassel, meine Zwillingsschwester auch nicht. Wir hatten eben uns, die anderen waren doofer als wir. Von Anfang an. Ich weiß noch ein Erlebnis gleich nach der Einschulung, das typisch ist: die ganze Klasse lachte, weil draussen vor dem Klassenfenster, ein alter Trekker ein komisches Geräusch gemacht hatte. Alle brüllten vor Lachen, Jutta und ich sahen uns befreundet an. Der Lehrer sah das und machte eine Bemerkung über uns, keine freundliche. Darauf drehen sich alle Schüler und Schülerinnen um und sehen uns an. Es ist übrigens gar nicht wahr, daß die Lehrer uns mochten. Das Gegenteil war der Fall. Als wir von der Klasse im Kornfeld verprügelt wurden, ließ es der diensttuende Lehrer zu, griff erst ein, als wir genug blaue Flecken hatten. Er hatte uns beide, jede in einer Hand, am Genick gepackt und hielt uns in die Höhe. Ich brachte es fertig, mit letzter Wut ihm zuzurufen: die dicksten Bauern ernten die größten Kartoffeln, ich meine: die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln. Er ließ uns los und ich sagte: auf ihre Schule gehen wir nicht mehr lange!“ Wir wanderten dann von Schule zu Schule. Am schlimmsten war es in einem Arbeiterviertel, da wurde es wirklich gefährlich für uns. Die Lehrer hassten uns, Arbeiterschaft und Kleinbürgertum fanden sich mal wieder zusammen in ihrem Haß gegen jede Andersartigkeit. Und doch waren wir stark. In der Straße beschützte uns Frank, ein fünf Jahre älterer Junge, der auf Befehl zuschlug und der uns aus dem Bandenwesen raushielt. Die Straße war nämlich streng in Banden aufgeteilt, in Hierarchien also. Wolfi, den Führer der Wolfi-Bande, fand ich sehr anziehend. Wenn ich an ihn dachte, bekam ich Fieber. Jeden zweiten Abend lag ich mit Fieber im Bett und glühte vor mich hin. Wolfe hatte auf einem Trümmerfeld eine Hütte gebaut und dort besuchte ich ihn. Ich ging hinein und erkannte ihn an seinen feuerroten Haaren. Doch neben ihm war ein Mädchen, die blonde Ulla. Ich hatte zu der Zeit eine Luftpistole und auch jetzt hatte ich sie bei mir. Ohne zu zögern hielt ich sie auf die blöde Ulla und drückte ab. Wolfi regte sich furchtbar auf und rannte mit der blöden Ulla nach draussen. Meine Wut war aber keineswegs gestillt. Ich warf ein Streichholz in die Hütte, sie brannte mitsamt dem Trümmerfeld ab, knisternd und prasselnd wie im Kino. Als ich genug zugeschaut hatte, ging ich zu einem Feuermelder, schlug die Scheibe ein, was ich schon immer einmal hatte tun wollen, und alarmierte die Feuerwehr. Am nächsten Tag war ein Bild von mir in der Zeitung und ein Artikel: „Neunjährige Heldin holte die Feuerwehr.“ Bis heute weiß keiner, daß ich selbst das Feld abgebrannt hatte, ihr seid die ersten, die das erfahren.“

Foto: Gisela Getty

Ich räusperte mich. „Blieb das so, daß du Fieber bekamst, wenn du dich verliebtest?“ wollte ich wissen. Martine nickte. „Ja, in einer Welt wie der unsrigen war das ganz selbstverständlich, ich meine, unsere Welt war ja ein kleiner hermetischer Kosmos, nur Jutta und ich, Pferdebilder und Zeichnen, viel lesen natürlich. Die Aussenwelt hatte keine Bedeutung. In die Schule gingen wir raus und rein, es war nichts. Vater saß in seiner Bibliothek und las Goethe. Mutter kochte und schrieb Briefe, an die vielen Verwandten in aller Welt. Wie der Reiter über den Bodensee gingen wir Kinder durch unsere faschistoide deutsche Heimat, ahnten wohl die Mißgunst und Hartherzigkeit, wähnten uns aber in Sicherheit. Mit Vater konnte man über alles reden, er würde uns aus jeder mißlichen Lage befreien. Als wir vierzehn waren, sagte Mutter:“ Ihr wißt ja, ich müßte euch aufklären, ihr habt bestimmt davon gehört, aber ich kann es nicht.“ Sei wurde rot, wir auch. Wir hatten zwar davon gehört, mehr aber auch nicht. Wir wollten nichts darüber wissen. Sexualität war das einzige Tabu in unserer Familie, darüber wurde niemals gesprochen. Wir Kinder wußten, wie unangenehm und schwer es für Mutter war, auch nur ein Wort darüber zu verlieren und daß sie das Wort „aufklären“ ausgesprochen hatte, war schon viel zuviel gewesen. „Nein, nein, nicht aufklären, ist alles in Ordnung, Mami“ sagten wir schnell, ebenso rot geworden wie sie. Sie dankte es uns ein Leben lang. Wir blieben also unaufgeklärt, und waren es noch, als wir die drei Künstler kennenlernten. Die drei Künstler selbst rührten uns nicht an, zunächst, aber etwas viel schlimmeres passierte. In der Schule, in der ja immer böse Gerüchte über uns in Umlauf gesetzt wurden, hatte sich jemand folgendes ausgedacht: die Zwillinge, sagte dieser auf der Schultoilette, „machten“ es schon richtig! In der Männerwelt hatte sich diese Information schnell etabliert, verselbstständigt, vermehrt, potenziert. Es war garnichts mehr dabei, es mit den Zwillingen schon richtig gemacht zu haben. Es schien naheliegend zu sein, daß diese Sondermenschen auch sexuell anders funktionierten. Jeder Junge dachte sich etwas anderes aus, jedem wurde geglaubt. Das war die Situation, als wir zu einer Kunstschulparty eingeladen wurden. Ich weiß nicht, ob es heute noch diese Art von Parties gibt, wahrscheinlich gibt es sie zu allen Zeiten, jedenfalls lagen Matratzen auf dem Boden, die Musik war laut und verzerrt, das Licht wurde abgedreht nachdem jeder einen Partner gefunden hatte. Später erfuhr ich, daß die ganze Party von einem Jungen, einem Rockgitarristen, nur gemacht worden war, um mich zu kriegen. Der Rockgitarrist saß also neben mir, als das Licht aus ging und sich bereits alles küssten. Ich dachte damals noch, ein Kuß wäre das Ende der Jungfernschaft und würde die Schwangerschaft einleiten. Ich wollte gerne als Jungfrau in die Ehe gehen, weil ich das in unseren Büchern gelesen hatte. Der Rockgitarrist drechselte seine Gitarristenarme um mich. Er war nicht dick oder kräftig, aber ich wog damals 45 Kilo, war sehr dünn und kindlich. Ich hatte schwarze Haare, sehr weisse, saubere Haut, Augen, die in der Parydunkelheit immer grösser wurden, und ich hatte einen Minirock an. Ich trug Lederschuhe, die ich selbst gemacht hatte, die fast das ganze Bei bekleideten. Schönes weiches Leder, keine Absätze. Der Rockgitarrist hatte keine saubere Haut, im Gegenteil. Das Gesicht war voller roter Beulen, Pickel, die nicht aufgingen, sondern monatelang unter der Haut leuchteten und nie ganz weggingen. Er hielt mit der rechten Hand meinen Hinterkopf, sodaß ich nicht zurückweichen konnte, hielt sich, da er selbst nicht der Sicherste war, mit der linken Hand an der Matratze fest, und schob seinen rotgepunktetes Gesicht immer weiter in mein Blickfeld. Ich sah, wie er mit der Zunge seine Lippen befeuchtete, die vor Aufregung ganz trocken geworden waren. Dann war es soweit. Er landete die nassgemachten Lippen mitten auf meinen Mund, der fest geschlossen war. Nun war es sowieso egal, dachte ich, und erlaubte mir, mitzumachen. Ich liess mich küssen und presste nichts mehr zusammen. Minutenlang blieb nun der fremde Mund in meinem Gesicht, die Zunge kam dazu, ich mußte an einen freudig-erregten Hund denken. Ein falsches Bild, denn der Rockgitarrist war weder freudig noch freudig-erregt, er war angestrengt-erregt, und vor lauter Anstrengung bekam er plötzlich ein Stück Holz zwischen den Beinen. Er fragte mich, ob es nicht schön wäre, jetzt im Bett zu liegen. Sein Gesicht kam aber wieder näher, sein Griff wurde fester, die stützende linke Hand wurde in Richtung Popo verlegt, nicht weit entfernt von der rechten Hand, die am Rücken operierte, an meinem Rücken. Er hörte nicht mehr auf, der Schweinegitarrist. Es wäre noch ewig so weitergegangen, sein Spuckevorrat war sowieso unerschöpflich, und daher stand ich auf und ging nach Hause. Ich erwartete von da an monatelang eine Schwangerschaft, es kam aber nichts. Der Rockgitarrist lief mir noch lange hinterher, wurde immer netter und hilfloser, liess Jutta und mich in seiner Band singen. Aber er spielte keine Rolle mehr in meinem Leben. Ich war nämlich in Erwin verliebt, einen der drei Künstler. Ich werde euch die Geschichte morgen erzählen.“ Stephan protestierte: „Warum denn morgen? Warum nicht jetzt?“ Martine sah mich hilfesuchend an. Ich sollte sagen: „Stephan, du hast davon keine Ahnung!“ Ich wollte aber selber wissen, was faul war. Ich tat, als hörte ich nicht. Präzise wie ein Anrufbeantworter wiederholte er die Frage: „Warum denn morgen erzählen? Warum nicht jetzt?“ So fuhr Martine fort: „Mutter mußte jeden Abend Fieber messen, es war immer knapp über 40 Grad.“ Martine stockte, sprach nicht weiter. Ich wartete auf Stephan. Endlich sagte er: „Na und?“ Martine fuhr fort: „Es dauerte lange, Monate, oder zumindest einige Wochen. Jedenfalls weiß ich noch, daß Mutter oft Fieber maß. Ja, Mutter hat mehrmals Fieber gemessen… es muß eine große Liebe gewesen sein, mit diesem… äh, Erwin. Jedenfalls lernte ich nach einigen Tagen einen Kerl kennen, Peter, einen Säufer, der mich dann entjungferte.“ „Wirklich?“ fragten wir wie aus einem Munde. „Was war das für einer, hatte der keine Pickel?“ „Ein Maler, ein Tier, ein Engel –„ Martine liess das Steuerrad los, ich fuhr dazwischen: „Bitte keine Klischees!“ Sie schnüffelte mit der Nase, konzentrierte sich auf den Verkehr und auf die historische Wahrheit. „Also, dieser Peter hatte lange, blonde Haare, malte eigentlich nie, trank nur unentwegt, war eben ein Trinker. Er hatte rote und blaue Ritterhemden an. Mutter schrie laut um Hilfe als sie ihn sah. Später hat er brav am Mittagstisch gesessen und hat sein Süppchen bei uns gehabt, jeden Tag, Mutter sagte immer: „Peter, was auch geschieht, für dich steht immer ein Süppchen am Mittagstisch.“ Ich tauschte mit Stephan einen langen Blick. „Aus, Martine, gestorben. Glaubt dir keiner. Dasselbe nochmal. Was war wirklich mit dem Kerl?“



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