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Stephan und Lojo in Amerika 13


4.7.78


Martine brach das Gespräch ab. Betreten fuhren wir nach Hause. Es war Montag Abend geworden, jener heiß herbeigesehnte Abend, an dem Billy Liptons Hollywoodparty stattfinden sollte. „Heute wird es sich zeigen!“ sagte ich zu Stephan. „Nein heute noch nicht unbedingt, es ist doch erst der Vorlauf zur wirklichen Nr. 1 Party am kommenden Samstag.“ Immerhin war es lustig, zu einer Party zu gehen, zu der man drei- oder viermal ausgeladen worden war. Wir waren schon fast unterwegs, als der Gastgeber anrief und zum fünftenmal Martine davor warnte, die Deutschen mitzubringen. Martine könnte Schwierigkeiten bekommen, orakelte er, Bobby Lipton. Wenig später standen wir mitten im Partyraum, von allen angeguckt. Stephan hatte einen perfekten schwarzen Anzug an, vollkommene Eleganz, ich trug dunkelgrau, kaum weniger chic. Stephan hatte nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf mich alle Sorgfalt gewendet, sodaß jetzt alles saß, jedes Staubkörnchen entfernt war, die Gesichter unauffällig gepudert… Gesicht und Körper waren so bearbeitet, daß sie garnicht mehr anders konnten, als steif und beherrscht zu wirken. Die amerikanischen Mitgäste wirkten dagegen billig und traurig. Dickleibige Produzenten im Hawaii-Hemd und jung-bleiben-wollende Filmleute jeder Richtung in saloppen Cordhosen und studentoiden Blue-Jeans. Rolling Stones Musik. Stephan: „Seit 15 Jahren prägen sie jedes Partygefühl.“ Bobby Lipton nimmt Martine beiseite: „Deine German friends… es wird ja viel über sie gesprochen und ich kenne sie nicht, aber sie sind wirklich strange, sehr strange.“ Bob Rafelson kommt, auch er auf jugendlich getrimmt, die Zeige und Mittelfinger beider Hände zu Victory- oder auch Peace-Zeichen gespreizt. Martine wird sofort nervös und tänzelt ihm entgegen, legt ihre Arme ganz nach Hollywood-Art um seinen Bauch und strahlt unecht. Stephan klatscht langsam und diskret in die Hände, zweimal, schüttelt den Kopf dabei. Martine sieht Stephans Gesicht, muß an ihren alten Vater denken. Von da an lässt sie die Hollywoodgesten und steht nur noch mit uns zusammen. Die Männer sind wütend, die Frauen neugierig und scharf. Ein ekelhafter Schwuler nähert sich Stephan und will ihn auffressen. Ein glatzköpfiger Produzent mit Cordhemd und Schmährbauch lehnt an der Wand, tippt mit dem Turnschuhen den Takt der Rolling Stones, lächelt unentwegt. Die Brille ist beschlagen, seine Augen sind nur zu vermuten. Seine Figur ist flaschenförmig. Er bleibt blass, ich schreibe nur über ihn, weil die anderen Gäste noch blasser waren. Es gab insgesamt nur zwei neue Gesichter, die mir gefielen, Desa und Lauri Bird. Desa fiel bald aus, weil sie sich auf der Toilette irgendetwas in die Vene spritzte, blieb noch Lauri Bird übrig. Was war an ihr bloß besonderes? Fragte ich erst mich, dann Martine und Stephan. Martine fuhr unwillig mit der Hand durch die Luft. „An der ist überhaupt nichts dran!“ Stephan sagte tonlos: „Sie hat das hübscheste Gesicht, daß ich je gesehen habe.“ Er stellte das Glas Rotwein beiseite. Er wollte nicht mehr trinken, um sich nicht vor Lauri Bird zu blamieren. Vier Flaschen Rotwein hatte er bereits in der ersten halben Stunde getrunken, der Flachmann, der heimlich im Jackett gesteckt hatte, war auch schon weg.

Die Frauen strichen um uns herum, auch Lauri Bird, Martine sagte: „Diese Frauen hier sind ganz scharf auf euch.“ Ich fragte harmlos: „Meinst du? Zum Beispiel die da… oder meinetwegen die hinter dir, diese, äh… Lauri Bird?“ Martine hörte es nicht. „Hol uns ein bischen Kokain, bitte“ sagte ich zu Martine, die losging und uns allein ließ. Lauri Bird hatte sich gerade von vier Männern gelöst und war auf den Balkon gegangen. Stephan knackte mit den Fingern. Wir gingen ein, zwei Schritte in Richtung Balkon, als uns ein kuhäugiges, Uschi Glas-ähnliches Mädchen mit kurzen Haaren und Atombusen, aufhielt. „Where do you come form, you guys?“ Sie hatte ihren Unterarm auf Stephans Brust geklappt. Ich starrte auf den Atombusen, den ich als Störung von irgendetwas empfand. Ich fragte ungeduldig, ob sie uns etwas über Lauri Bird erzählen könnte. „Oh, there is a story about her,“ begann sie. Seit vier Jahren würde sie, die Uschi Glas, Lauri Bird verehren, sie hätte alle ihre Filme gesehen, und nun plötzlich, heute abend, stünde sie unvermutet leibhaftig vor ihr. „Sie ist also Schauspielerin, was noch?“ „Sie ist die Freundin von Art Garfunkel, aber vielleicht ist sie es nicht mehr.“ Stephan hatte seine Hand zwischen den beiden Brustkugeln, ganz gedankenverloren und ernsthaft, ich zog sie wieder raus und drängte uns beide zum Balkon. Etwas blödes passierte. Kaum standen wir vor Lauri, bekam Stephan einen Schluckaufanfall und mir flog etwas ins Auge, ein kleines Tier wohl. Stephans Schluckauf war natürlich besonders peinlich, andererseits machte er immer noch ein besseres Bild als ich, da ich gekrümmt vor Laur stand, als würde ich ihren Bauchnabel studieren. Stephan brachte tatsächlich kein Wort heraus, nicht einmal „hello“. Ich sagte auch nicht hello, sondern fragte, von unten herauf, ob sie Martine gesehen hätte. Lauri sagte nein, beugte sich etwas zu mir und fragte, ob ich Martine’s Freund sei. Stephan zog mich weg. Er hatte keinen Sinn. Wieder ausser Lauris Sichtweite bat er mich, ihm eine runterzuhauen, damit der Schluckauf wegging. Ich brachte es nicht über mich. Stephan war in solchen Schwierigkeiten, daß er rausgehen und sich ins Gras legen mußte. Mein tränendes Auge war rot vom Reiben geworden. Martine hatte natürlich doch gesehen, wie wir mit Lauri gesprochen hatten und war den Rest des Abends sauer. Auf der Toilette liess David Blue einen Joint herumgehen und stachelte seine Freunde auf, den Deutschen eins überzubraten. Ich nahm die Kravatte ab, damit sie es nicht allzu leicht hatten. Zuerst suchten sie Stephan, diesen Oberschwulen , diesen Anti-Mann, fanden ihn aber nicht, weil er im Garten lag. Als ich David Blue mit seiner Bürgerwehr herumstreichen sah, dachte ich: Jetzt hilft nur noch ein knackiges Männergespräch. Ich steuerte also von schrägrechts auf ihn zu, legte unvermittelt meinen extra schwer gemachten Arm auf seine Schulter und schleimte ihm ins Ohr:“ Hey, Cowboy, I want to fuck Lauri Bird, you know what I mean?“ Nach ein, zwei Schrecksekunden hatte er das richtige Programm erwischt. Sein Ausdruck war von Schreck, Abwehr, Unverständnis, Freude, Erleichterung bis schließlich wohlwissender Männlichkeit gewandert – Die Mundwinkel wieder heruntergezogen, die Faust in meinen Rippen, zwinkerte er mir zu. Alles in Ordnung, du alter Fucker, sollte das heissen. Ich war in Sicherheit. Später sah ich David Blue zu Lauri gehen und sich eine Ohrfeige einfangen. Ich sah also, daß David tatsächlich, über die Männlichkeitsgeste hinaus, mit mir zu tun haben wollte. Stephan kam aus dem Garten, eine Plastiktüte voller Flaschen in der Hand. Die Bürgerwehr zog an ihm vorbei, mit David Blue in der Mitte, der in der Garderobe verprügelt wurde, als Überläufer und Nazi-Freund. Es war aber nicht so schlimm. Zwei, drei Schläge, dann hatte er sie beruhigt. Vielleicht gab es auch überhaupt keine Schläge, die Front war gebrochen, jedenfalls für diesen Abend, jedenfalls schien es so: Ich ging zu Bob Rafelson und sagte: „Sie sehen mir nie ins Gesicht, Sie gucken immerzu weg. Seien Sie doch mal netter zu mir!“ Ja, ja sagte er entschlossen, man würde miteinander reden, später vielleicht, nicht jetzt. Die Party wurde schrecklich langweilig. Lauri Bird ging, andere auch. Wir waren immer noch da, leider. In den Gängen wurde über „Amerika und die Deutschen“ diskutiert, immer dasselbe. Martine war wie gesagt sauer, Stephan legte sich auf eine Couch, ich ging in den Garten und blickte den Californischen Juli-Himmel an. „Wie uninteressant alles ist!“ wunderte ich mich. Endlich fuhren wir, alle frustriert. Es war schon fünf Uhr morgens, als wir zu Hause ankamen. Anstatt ins Bett zu gehen, saßen wir ratlos alle drei auf dem Wohnzimmerteppich. Es mußte einfach noch irgendetwas angenehmes kommen, bevor man einschlafen konnte.

Da uns nichts anderes einfiel, begann Martine mit schläfriger Stimme zu erzählen: „Ja, Kassel, äh. Mein Freund Peter, der mich entjungferte. Der die roten und blauen Ritterhemden anhatte. Was für eine Liebe, Kinder. Ich sage euch, ich habe gelebt. Ich bereue nichts. Es war wunderbar. Er war der abenteuerlichste Junge, den man in Kassel kriegen konnte. Mutter mußte zweimal täglich Fieber messen. So sehr liebten wir uns.“ Ich wollte es genauer wissen: „Wie war er denn, der Peter?“ Martine blickte an die Decke: „Ach, wir haben uns eben sehr geliebt. Ich habe damals a schon Kunst studiert, als Sonderstudentin, mit 17 Jahren. „Was hast du mit Peter gemacht? Wie sah euer Tag aus?“ Stephan spielte mit seinen Fingern. Er versenkte sich in ein Brusthaar, in das erste Haar, das ihm auf der Brust gewachsen war. Martine fuhr fort: „Gleichzeitig war ich in Rhett Butler und Lawrence von Arabien verliebt. Das heißt nein, ich war vorher, als kleines Mädchen noch, in Rett Butler und Lawrence von Arabien verliebt, später dann in Peter. Ich habe gerne gezeichnet damals, und Drucke gemacht.“ Ich wiederholte: „Wie war denn Peter? Welche Eigenschaften hatte er? „Martine dachte nach: „Peter… eigentlich hieß er garnicht Peter, ich habe ihn so genannt. Über ein Jahr war ich mit ihm zusammen, es war furchtbar. Eine gewaltige Liebe. Stürme in mir. Die Haare sind mir ausgefallen.“ „Wirklich?“ „Ja. Und der Mund war entzündet. Meistens war ich krank. Eine entsetzliche Zeit. Diese trübe Stufe in der er wohnte, naßkalt, unfreundlich, geschmacklos. Da wollte ich nie hin, da war ich auch ganz selten.“ „Wo wart ihr denn dann?“ „Ach, wir… ich bin dann allein nach Berlin gefahren.“ „Das muß dann schon 1967 gewesen sein.“ „Ja. Berlin war damals etwas anderes als heutzutage.“ „Und als du zurück kamst, hat sich Peter gefreut?“ „Ja, und wie! Jutta hatte damals auch einen Freund, einen richtigen Ekeltyp. 32 Jahre alt, Lehrer, verheiratet, ein Kind, gute Manieren. Er ließ sich auf der Stelle wegen Jutta scheiden und liess ihr jeden Tag einen großen Strauss roter Rosen schicken. Nein, zwei Sträusse! Einen für sie, einen für Mutti. Er kam dann auch jeden Sonntag zum Essen, machte den Eltern seine Aufwartung, konversierte mit ihnen. Jutta haßte ihn. Mutti war so verliebt, daß sie alles daransetzte, Jutta zu einer Heirat zu bewegen. Reiner, so hieß das Ekel verehrte Jutta über alles. Er küsste ihre Zehenspitzen, sah in ihr ein engelsgleiches Geschöpf. Er wollte ihr die Welt zu Füßen legen und begann auch schon zu bauen. Draussen, vor den Toren Kassels, ein richtiges kleines Familienhaus.“ „Das darf nicht wahr sein!“ „Doch. Da war nichts zu machen. Vater mochte ihn zwar nicht, ich hörte ihn einmal leise Mutti fragen, ob das Ekel schon wieder zum Essen komme, aber Mutti setzte sich durch. Es war einfach der ideale Schwiegersohn. Außerdem rührte er Jutta nicht an, wollte, daß sie als Jungfrau in die Ehe ginge. Er küßte nur ihre Zehenspitzen wie gesagt, was übrigens genügte um Jutta nachts in mein Bett zu treiben, wo sie die gebildete Gänsehaut unter langen Zuckungen wieder verlor. Reiner schickte auch Pralinés und gab ihr Reader’s Digest zu lesen. Stephan empörte sich: „Jetzt reicht es aber! Ich will wissen, wie es ausging, und dann vergessen wir diesen dummen Heini!“ Martine konzentrierte sich: „Eines Tages fuhren sie ins Grüne, es war das erstemal, daß Mutti nicht mitgekommen war. Sie machten Picknick im Wald, saßen auf pieksendem, nadeligem Unterholz, Jutta wollte bald wieder weg, nicht nur weil sie ihn haßte, sondern weil sie das viele Ungeziefer störte, die Ameisen im Butterbrot, die Mücken, Bremsen, Zecken und das Bodengetier, das in die Hosenbeine kroch. Reiner sprach von der Natur, daß es etwas Schönes sei, sich in der Natur zu ergehen. Der Mensch dünke sich so klug und wissend, doch in der Natur, so redete Reiner, merke er wieder, wie klein und bescheiden der Mensch sei. Später, als Jutta heimlich von 1 bis 1000 zählte, um die Zeit totzuschlagen, sprach Reiner von der Sinnlichkeit. Er verehre sie und sie sein ein engelsgleiches Geschöpf für ich, aber er sei auch ein Mann und er fühle Triebe in sich, die zur Entladung drängten. Jutta kochte vor Wut. Sie schrie: „Jetzt aber nach Hause, Himmelkreuzitürken!“, nahm einen Stein, der vor ihr lag, und warf ihn mit aller Kraft auf den vor Verlangen bibbernden Lehrer. Es entstand ein Kampf, übrigens nur, weil der Lehrer Juttas Ausbruch als sexuelle Aggression mißverstand. Was dann kam, könnt ihr euch denken.“ Ich hätte gerne noch mehr erfahren, aber mit Rücksicht auf Stephan, der offensichtlich unter der Erzählung litt, dessen Mund ein feiner Federstrich geworden war, fragte ich nur: „Und das war das Ende der Beziehung?“ Martine nickte: „Jutta lag über eine Woche im Krankenhaus, man mußte ihr hunderte von Tannennadeln aus dem Körper schneiden, kleine Steine, totgedrückte Ohrwürmer… der Unterleib war kaputtgestoßen, für Monate verunstaltet, blutüberströmt und innen alles in Unordnung gebracht, sodaß die Regel zwei Jahre lang ausetzte. Mutter meinte zwar, so etwas komme in den besten Familien vor, beim ersten Mal tue es eben weh, es sei noch kein Meister vom Himmel gefallen und so weiter, war Vater doch seltsam berührt. Er ließ sich zwar nichts anmerken, nahm aber den zukünftigen Schwiegersohn am darauffolgenden Sonntag mit zur Jagd, wo er ihn erschoß. Aus Versehen, hieß es, aber ich bin sicher, daß diese Erklärung nicht die volle Wahrheit wiedergibt. Jedenfalls schummelt Vater noch heute, wenn man ihn auf diesen Unglücksfall anspricht.“ Martine hielt inne, ein längeres Schweigen entstand. Dann sah sie uns an und sagte: „Ich könnte noch mehr erzählen, zum Beispiel, wie gut es Jutta ging, als sie von Reiners Ende erfuhr. Aber ich finde, wir sollten jetzt schlafen gehen.“ Wir stimmten ihr zu und krabbelten ins große Getty-Bett, alle drei, und zogen die Decke bis ans Kinn.