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Stephan und Lojo in Amerika 14


6.7.78


Martine alias Gisela Getty machte einen Obstsalat. Es war der nächste Morgen. Stephan lag auf dem Sofa. Die Kinder wurden in die Schule gebracht. Paul schlief in den Nachmittag hinein. Martine telefonierte. Paul Morrisey ließ ausrichten, daß wir noch immer nicht in seine Wohnung einziehen könnten. Abends besuchten wir zum dritten Mal die Schauspielschule. Die Kinder wurden wieder von der Schule abgeholt. Paul wachte auf und unterhielt sich mit uns. Die Kinder weinten oder belästigten mich durch endlose Fragen. Die Suppe auf dem Mittagstisch wurde kalt. Die 45’er Magnum rostete im Garten. Stephan schnitt sich die Fingernägel. Stephan vollführte übertriebene Kaubewegungen und wirkte lustig. Ausser Kornbrot gab es nichts mehr im Kühlschrank . Martine rauchte unbeholfen. Paul schlug die Sperrholzwand ein und entschuldigte sich sofort. Ich starrte in die Luft. Die Schallplatte der Rolling Stones hatte in der Sonne gelegen und war unbrauchbar geworden. Phoebe kam zum Babysitting, sprach aber kein Wort. Martine las schlechte Gedichte von Brinckmann und Wondraschek vor. Martine und ich gingen ins Kino: Grease, mit John Travolta. In Schwab’s saßen nur dicke Männer, Hollywoodfossile, Karikaturen, über die man nicht lachen kann. Die Polizei sperrte den Laurel Canyon. Die Graphologen sagten ein Erdbeben in Californien voraus. Paul sagte, er wolle jetzt um Martine kämpfen. Stephan sagte, er wolle nicht das fünfte Rad am Wagen sein. Wenn ich in den Cafés saß und schrieb, setzten sich lauter Leute neben mich. Martine lud die neue Babysitterin wieder aus, als ihr einfiel, daß sie sehr gut aussieht. Nachts träumte ich davon, mit einer Negerin* zu schlafen. Wim Wenders kam nicht. Nici aus Hamburg rief an und sagte, mein Reisebericht sei langweilig. Stephan aus Hollywood rief Diedrich* in Hamburg an und bekam einen dummen bayerischen Justizminister an den Apparat. Martine reichte das Wondraschekbändchen zu mir und ich las laut: „Die Meinzelmännchen schlagen Purzelbäume im Tiwie/ die Budweiserdose explodiert in der Lautsprecherbox/ fettwanstige Bullen walzen ihre Hintern auf lederbezogene Autositze/ Traumfetzen wehen über den Asphalt/ Der Aufsichtsratsvorsitzende beschliesst die Geburtenkontrolle zu drosseln/ und so weiter.“ Martine und Stephan ekelten sich beim Zuhören. Paul beschwerte sich, daß wir keine englischen Gedichte vorlasen. Die Kinder krähten. Der Fernsehapparat war immer noch kaputt, das Bild flimmerte unerträglich. In der Zeitung las ich, daß Deutschland den Weltmeistertitel nicht verteidigen konnte. Martine machte mich darauf aufmerksam, daß ich seit vierzehn Tagen dieselbe Unterhose anhätte. Die Schauspielschule ödet uns an: die Lehrerin, eine alte Stummfilmdiva, schwafelte nichtssagendes Zeug. Wir hatten kein Geld, das Auto zu bezahlen und gaben es auf. Der Automann drohte, die Polizei zu holen, wenn wir nicht binnen vier Tagen 200 Dollar auftrieben. Die Busen und Mösen auf der letzten Party wurden abstrakt. Sie kamen uns alle gleich vor. Viva, Andy Warhol’s Moviestar, rief an uns sagte, sie ginge auf keine Party mehr, zu der die German Boys kämen. Die Zeitungen in Amerika berichten überhaupt nichts Interessantes. Martines Schwester Jutta rief an und sagte, daß sie mich richtig nett fände. Ich sagte zu Stephan: „die Bee Gees sind tatsächlich Klassen besser als die amerikanischen Originale.“ Ich erzählte Martine meine Lebensgeschichte. Die Kinder krähten dabei. Am nächsten Morgen wurden sie wieder zur Schule gebracht. Paul schlief noch. Am Abend wurden sie wieder von der Schule abgeholt. Die Bedienung im Schwab’s reservierte, uns einen Tisch, obwohl wir seit Tagen kein Geld fürs Tip mehr haben. Ich sah unser amerikanisches Fotoalbum an und fand es sehr gut.






Wir fuhren an den Strand und froren, weil wir vor lauter Verkehr erst am späten Nachmittag ankamen. Die Kinder nahmen wir mit. Sie krähten auf den Rücksitzen. Sehr früh wurde es dunkel. Eine unerwartetete Meereswelle überschwemmte Martine und mich. Martine sagte: „So eine Welle kommt und geht und nachher weiß man nicht mal mehr, daß sie da war.“ Ich sagte: „Das glaube ich nicht.“ Vom kalten Küstenwind wurde mein Rücken steif. Lauri Bird sahen wir nicht wieder. Annerose strahlte grünäugig und sommersprossig vor meinem geistigen Auge. Nici machte mir endlich wieder Lust, gemein zu sein. Am vierten Juli schossen die Amerikaner Feuerwerkskörper in die Luft, es war ihr Unabhängigkeitstag. Überall in Los Angeles standen Palmen. Die abgehalfterten Produzenten hatten Strohhüte auf. Stephan war verärgert, weil ich ihn hinter seinem Rücken in einem Brief „schlapp“ genannt hatte. Paul fuhr Porsche. Die Milch im Kaffee hatte Brocken. Schwab’s schloß immer schon um neunzehn Uhr. Stephan war aufgeregt, als er mit Nici aus Hamburg sprach. Jutta aus München nannte ihn süß. Manchmal fuhr ich allein Auto. Martine sagte: „Californien ist ein Autofahrerparadies.“ Wir alle begannen eine Fastenkur. Stephan machte heimlich einen Witz über Reiner Langhans. Ich erzählte Martine alles über Diedrich. Und über Olaf Moll. Wir begannen die Fastenkur, weil wir kein Geld mehr hatten. Paul Morrisey hielt uns weiter hin. Paul Getty schrie die Kinder an. Stephan schließ vor Angst. Die Babysitterin kam erneut, damit wir ausgehen konnten. Das Fernsehen flimmerte. Die Kinder wurden zur Schule gebracht und abends wieder abgeholt. Schließlich wurde mir alles egal, Kinder, Paul, Stephan, und ich vergnügte mich mit Martine den ganzen Tag in der Stadt. Jetzt sitze ich in einem Café und zwinkere ihr zu. Morgen ziehen wir in die neue Wohnung, übermorgen werden Omis 2.000 Mark ankommen. Wir hoffen natürlich, daß dann alles einen neuen Schwung bekommt. Ich werde angeblich erst richtig mit dem Schreiben anfangen, Stephan wird zeichnen und kochen. Martine wird uns besuchen. Das wird wohl eine Illusion sein. Seit wann sind Wohnungen wichtig, es sei denn, interessante LEUTE anzuziehen. Und seit wann sind wir noch oder wieder an interessanten neuen LEUTEN interessiert. Ich habe Lust, mit einem amerikanischen Mutationsmädchen zu schlafen. Muß doch irre sein, so ein Plastikmensch im Bett! Diedrich, fällt mir ein, ist doch ein ärmerer Schlucker als ich gedacht hatte. Stephan und – vor allem oder nur – meinen Erfolg kann er nicht verkraften. Da wird er lieber Provinzdozent mit Schnauzbart und Gürtelhose. Er ist fertig. Sogar Susanne fuhr zurück nach Spanien. Seine Zukunft hängt von mir ab. Nici bekommt Zustände! Wenn auch Diedrich nach Hollywood fliegt, hat sie alles verloren. Kleinliche Person, Recht so! Wer mich nicht liebt, büßt hart. Ja, ja! Wer hat denn alles eingerichtet wie der liebe Gott, diese Bee Gees Musik in meinem Rücken, die Produzenten um mich herum, die mich für sonstwas halten, der angestrahlte Abendhimmel, die im Schrittempo vorbeigleitenden achtspurigen Chromcadillacs und Chromchevrolets, die Strahler, Bilder, Blusen, Hüften Sonnenbrillen, Pools, Palmen? Die Dollargesichter? Die Movies? Die Discomusik? Wer hat nur das alles eingerichtet? Ich selbst natürlich! Ich lebe hoch! Martine, die lüsterne Milliardärsgattin, Stephan, der Verbündete für Dick und Dünn, Annerose, die präzise Partnerin am anderen Ende der Welt, Diedrich, der heruntergekommene Freund, dem wieder hochgeholfen wird, Nici, die große Gegenspielerin, die weibliche Hauptrolle, Paul, der kleine Gauner, der alles kompliziert macht. Ich kann mich nicht beklagen, tu ich auch nicht. Martine sagte heute zu mir: „Du bist ein Mensch, der viel leidet, nicht wahr?“ So? Ich will nicht widersprechen, aber eigentlich leide ich nicht. Seltsam. Ohne große Leiden kein großer Künstler. Entweder ich leide doch, oder ich bin nichts weiter als ein harmloser Spaßvogel. Macht mir richtig Angst. Ach, wie gern hätte ich Nici hier, zum ärgern. Es gibt so wundervolle Autos hier, wir würden immerzu anhalten und gucken. „Stephan ist ein ganz wundervoller Mensch, eine Preziosität , sagte Martine heute. Stimmt natürlich. Trotzdem bin ich zur Zeit lieber mit Martine zusammen. Sie rührt mich ständig. Man müßte sie immer haben. Ach, in Hamburg würde ich mich längst wieder wohlfühlen. Mit Annerose wohnen, mit Diedrich ins Kino, zu Nici hinterhältig sein. Die nächsten Wochen Amerika, werden viel Heimweh schaffen, das ist toll. Ja, ja, wie schön alles ist. Ende Juli kommt Diedrich, bleibt bis zum 22. August.



(*16) Das gottseidank historisierte N-Wort bleibt mit gedanklicher Durchstreichung stehen.

(**17) Eine*r der Jugend-Großfreund*innen des Autors