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Stephan und Lojo in Amerika 19 (letzte Folge)



11.7.78


Gestern passierte mir das, was mir noch nie passiert ist. Ich berichte der Reihe nach.

Barbara Jones, die N…*, war wie die anderen drei Schauspiellehrerinnen vor ihr. Genauso amerikanisch. Gleiche Satzmelodie, die gleiche fette, anprangernde Sprache. Vertreter und Heilsverkünder allesamt, auf Zeugen-Jehova-Niveau. Dann ging es wieder rund: man mußte heulen, kreischen, lachen, größte Angst und größte Freude zeigen. Große Schauspielkunst, sehr laut, oskarverdächtig. Jeder kleine Buchhalter einmal die Woche ein großer Schreihals, ein großer Schauspieler. Stephan rauchte angestrengt an seiner Zigarette. Ich machte „Lachen“ und „Angst“ mit, konnte dann nicht mehr. Einige Teilnehmer waren schon richtige Professionals, hatten Commercials gemacht, im TV. Wie das aussieht, hatten wir bereits bei Paramount erlebt. Die Leute lernen einen Satz auswendig, Kamera läuft, Ton läuft, Satz runter, und stop. Nächster Satz. Schnell muß es gehen. Alle Unterhaltungssendungen werden zu 100% vom „witzigen“ Skript getragen, vom Wort, nicht vom Bild, oder vom Ausdruck. Also diese Professionals schrien und blökten besonders kräftig, und faßten einen hinterher an, legten den Arm auf unsereins Schulter, was eine Geste großer Bescheidenheit sein sollte: „Der große Schauspieler ist gar nicht arrogant.“ Dann die nächste Übung: man kommt nach Hause und erwischt den am meisten geliebten Menschen mit einem Freund im Bett. Eine erste Aufgabe, eine existentielle Sache. Alle lösten die Szene gleichermaßen: sie kamen „ganz normal“ auf die Bühne, raschelten „normal“ mit Taschen und Tüten, bohrten sich „normal“ in der Nase, knüpften sich „normal“ den Hosenschlitz auf, streckten sich normal und riefen normal Scheiße (nur so), furzten normal und kratzen sich normal, bis sie es entdeckten, das Ungeheuerliche (den Ehebruch). Dann standen sie alle regungslos da (wortloses Entsetzen), eine Sekunde, eine Minute (wortloses Entsetzen) (große Schauspielkunst) (oskarverdächtig), und rannten dann schreiend weg. Respektvolles Nicken seitens der anderen Teilnehmer.

Stephan drückte sich (als einziger) vor der Übung, versteckte sich hinter den Kulissen. Ich machte eine Chaplin-Nummer draus, Martine krabbelte auf allen Vieren auf der Bühne, etwas undurchsichtig. Nächste Übung: als Person im Wartesaal, die alle gerade etwas Wichtiges erlebt haben. Ihre Gesichter sollen zehn Minuten lang zeigen, was und daß sie etwas Wichtiges erlebt haben. Gut. Man sieht zu. Danach Besprechung. Alle acht berichten übereinstimmend über eine Begebenheit mit ihrem Husband bzw. ihrer Wife. Schauspielkunst, das ist Leben, das sind die großen Grenzsituationen, wie Ehebruch und/oder sein Gegenteil (to fall in love), also Pärchenbildung und Pärchentrennung. Der Rest ist Werbung. Schlechte Werbung übrigens! Werbung heißt in Amerika nichts weiter als die Übermittlung von Preisen. Das Bild dient nur dazu, den zu verkaufenden Gegenstand schneller zu identifizieren. Das Bild dient nicht dazu, die Ware reizvoll erscheinen zu lassen. Ein Paradies für deutsche Links-Intellektuelle. Keine geheimen Verführer mehr, keine Manipulation, nur noch ehrliche Preisinformation. Trotzdem lässt einen diese Werbung nicht kalt, ganz im Gegenteil. Sie unterlegen diesen Spots Schnellredner-Stimmen, quäkig und fett, quietschend und singend, immer lustig, immer originell, meistens in persona, mit Mikro in der Hand, aufgerissenen Augen und grimassierenden Mündern. Hundertprozentige Nervensägen! Schon beim zweiten Mal sehen krampft sich einem Magen und Herz zusammen.

Jedenfalls hatte ich, als die Schauspielschule endlich zu Ende war, den Wunsch, einen guten Film zu sehen, einen europäischen. Es war 23 Uhr, eine gute Zeit für Spätvorstellungen, für ausgefallene Filme. Es wurde nichts daraus, weil es in der Filmstadt Hollywood keine Spätvorstellungen gibt. Ich ließ mich nach Hause fahren. Stephan stellte das TV an, überließ mich aber allein dem Gequäke, ging in die Küche, pfeifend und machte sich ein großes Sandwich. Nun ging alles sehr schnell. Er kam mit dem dicken Sandwich und mit lustigen Äuglein aus der Küche, setzte sich zu mir und biß in das Sandwich. Er schmatzte beim Kauen, die Pickel blühten, das Gesicht strahlte, und das alles mit zerrissener Unterhose und mit nackten Beinen auf einem Tischchen, das rosa, weiß und schwarz gekackelt war. Mir wurde schlecht. Ich sah ihn an wie einen wahnsinnig Gewordenen. Ich bat ihn, nicht zu schmatzen. Tomatengrütze floß ihm aus dem Mund, tropfte auf die zerrissene Unterhose. Er versuchte, nicht zu schmatzen, aber es war zu spät.

Ich sagte: „Wie kannst du dich hier bloß wohl fühlen, Stephan, bist du denn völlig ahnungslos? Wie kann dir in diesem perversen Land dieses perverse Sandwich schmecken?“

Stephan hatte mich akustisch nicht verstanden und rückte näher. Was hätte ich gesagt, wer sei pervers?

Ich bekam eine Wut auf sein blödes, nicht durchblutetes Ohr, beinahe machte ich eine gehässige Bemerkung darüber. Als er noch näher rückte und das rosa-schwarze Tischchen mit heranholte, stand ich auf und sagte ihm, ihn nicht mehr sehen zu können. Ich ging ins andere Zimmer. Mir war sehr schlecht. Ich habe mich in meinem Leben noch nie übergeben müßen. Gestern war es dann doch soweit. Weit nach Mitternacht, als alles dunkel war, ging ich ins Bad und kotzte. Ich stellte mir vor, Amerika auszukotzen und es machte Spaß. Ein extremer Moment.

Den darauffolgenden Tag, also heute, blieb ich in meinem Zimmer. Herrliches Koma, sagen wir lieber: Halbschlaf. Erstmals seit Wochen wieder ein Gefühl der Gesundheit. Martine pochte an die Tür und wollte 100 Dollar haben, ich habe nur Nein, Nein gerufen. Briefe von Diedrich (2) wurden unter der Tür durchgeschoben, ich habe sie erst jetzt gelesen. Er hat seine Sprache perfektioniert und gibt sich gläsern-stählern-hart. Eine Intellektuellensprache, wunderbar zu lesen und in sich durchkonstruiert wie ein Gedicht, trotzdem im Inhalt schwach. Dieser Brief beweist, daß Diedrich weiter an sich gearbeitet hat, daß er noch mehr und noch Schwierigeres gelesen hat, daß er inzwischen mehr als reif ist für eine Doktorarbeit, und ich nicht. Das ist es, was Diedrich ausdrücken will. Der „eigentliche“ Inhalt ist dagegen in wenigen Sätzen auszudrücken. Er geht fälschlicherweise davon aus, mein letztes Tagebuch solle Literatur sein. Er beweist, daß es das nicht ist, weil ein normaler Leser nicht weiß, was stimmt und was nicht. Er selbst, als Eingeweihter, liest die Geschichten sehr gerne, aber nur als Comics, als Donald Duck-und-Goofy-Geschichten.

Im Moment sieht „Goofy“ Stephan die West-Side-Story im Fernsehen. Für mich immer schon ein Haßobjekt, ein Höhepunkt an Kitsch und falschem Tralala. Stephan aber ist ganz begeistert. Ist mir schleierhaft!

Weiter: Diedrich ärgert sich, daß sogar im fremden, neuen Kontinent ausschließlich Comic-Geschichten entstehen, also das, was ich auch in Hamburg schreibe. Wozu nach USA fahren und 6.000 Mark ausgeben, wenn literarisch alles beim Alten bleibt, fragt Diedrich. Erklären kann er sich das nur durch Monomanie, Psychosomatik, Egozentrik. Der neue Kontinent wird ein, zwei, drei Symbolen untergeordnet. Er wird mit diesen 3 Symbolen erschlagen und für immer abgetan. Es wird nicht beobachtet. Ich reduziere, nicht nur den amerikanischen Kontinent, sondern auch meine besten Freunde, also Stephan und ihn, Diedrich. Das will er sich nicht mehr gefallen lassen. Trotzdem kommt er mich besuchen, „wie in München 77. Das wird lustig.“

Dieser Schluß soll bedeuten: es ist lustig mit mir, mehr nicht. Man könnte sagen, er reduziert mich auf den Charakterzug „lustig“. Ist natürlich eine sehr gemeine Spitze, aber ist sie berechtigt, war München 77 lustig? Natürlich nicht. Das also jedenfalls geht daneben. Ansonsten hat er Recht: zu wenig Amerika für 6.000 Mark. Vielleicht ändert sich das aber noch, ein bisschen. Im zweiten Brief (gerade ging ich zu Stephan, um ihn etwas zu fragen, er sitzt, haargenau wie gestern, mit zerrissener Unterhose und schweren nackten Beinen auf rosa-schwarz-gekachelten Tischchen, vorm TV, ein dickes ungesundes, synthetisches, amerikanisches Sandwich fressend), im zweiten Brief fordert Diedrich Stephan auf, demnächst beim Tagebuch mitzuschreiben. Stephan soll die Schilderung der amerikanischen Umwelt übernehmen. Wir sollten zusammenarbeiten und aus meiner Phantasie und Stephans Detailwahrnehmung eine neue Literatur schaffen. Soweit die Briefe.

Mein Kommentar: Gute Idee, aber Stephan macht das nicht. Hat er nicht nötig. Er ist der glücklichste Mensch, den ich kenne. Inzwischen hat es einen Telefonanruf Diedrichs gegeben. Er sagt, eventuell eine Wohnung in Hamburg zu nehmen und dann nicht zu kommen. Ob er das tun solle? Neue Wohnung und Doktorarbeit statt Amerika? Ich werde im schreiben müssen, dazubleiben. Diedrich, Eimsbüttel, und drög-wissenschaftliche Arbeit, das passt zusammen. Was soll er hier, was soll ich hier? Von uns dreien habe ich noch am ehesten die Veranlagung mich irgendwo reinzudrängeln, und das werde ich endlich versuchen.


(*22) PoC


Editorische Notiz


Hier endet das Tagebuch, wie es Jule Schaumlöffel im Jahr 2020 auf ihrem Dachboden wiederfand. Doch die Aufzeichnungen gingen weiter, wie auch die Reise der zwei Freunde - bis Südamerika sogar, sagt man. Nicht ohne Ironie schließt der überlieferte Text mit dem Hamburger Großfreund Diedrich Diederichsen. Die hohe, doch enge deutsche Intellektualität siegt über das Weltläufige.


(i.A. Oedipa Fraser)


Foto: Gisela Martine Getty