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Stephan und Lojo in Amerika 2




9.6.78


Das tat ich dann. Lief durch kleine Geschäfte, hatte aber Angst, übers Ohr gehauen zu werden. Stephan hatte als letztes gesagt: „Man muß geradeaus gehen, darf nicht unschlüssig wirken, sonst fallen die Neger* über einen her.“ Also verbot ich mir das Schlendern, blieb aber doch immer wieder hängen: es gab zuviel Neues zu sehen. Leider geriet ich in eine üble Gegend (Bus Terminal) und wurde tatsächlich von Negern u. dergl. angesprochen. Sie lungerten überall herum, hatten nichts zu tun. Die Weißen dagegen wirkten freudlos, unbefriedigt. Meine Stimmung wurde gereizt. Der Reiz der mehrtausendmeterhohen Wolkenkratzer war schnell verbraucht, ich begann schon wieder, monomanisch in meiner innersten Psyche rumstochern. Alle 50 Meter trank ich einen Kaffee, nur, um die nächsten 50 Meter zu schaffen. Meine Kräfte waren wohl allesamt im Flugzeug geblieben. Ich sprach eine Frau an, ob sie wüßte, wo die Universität sei. Die Frau sprang verschreckt weg. Mehrere Kaffeeverkäufer fragte ich, wo man Autotransporte machen könnte. Sie verstanden nicht und gingen in Deckung. Mein Englisch war auch mies. Lustig aber wahr: unser Hotel, das Figueroa ist bis oben mit Neckermann-Gästen belegt. Abends ging ich nochmal weg, doch kehrte ich um, als ich vor Kälte niesen mußte. Ich wollte einen Bus nach Beverly Hills nehmen, fand ihn aber nicht. Zwei Deutsche von der Neckermann-Reisegruppe hatten mir eine Diskothek empfohlen, doch ich liess es. Gegen 23 Uhr saß ich heulend in einer Imbißstube.

Ich war den ganzen Tag über unfähig gewesen, jemanden anzusprechen, und wenn ich es doch tat, bereute ich es gleich wieder. Irgendwann rief ich Stephan an, bekam aber nur Paul Getty III an den Apparat. Wirklich wahr. Irgendwann ging ich ins Hilton und bestellte Whiskysoda. Erst Bourbon, dann Scotch. Dreimal hintereinander. Dann taumelte ich Schritt für Schritt in den nebenstehenden Diningroom und ließ das beste aller Menus kommen, trank dann noch einen Scotch. Es war sehr niedlich, ich konnte erstmals über meine Lage nachdenken und sogar Entscheidungen fällen. Übrigens saß neben mir wieder so eine tumbe Person, alleinstehende Endvierzigerin aus Wanne-Eickel.

Ich beschloß, mich von Stephan zu trennen und ganz von vorn zu beginnen. Erstmal eine Woche im Hotelzimmer bleiben und tieftauchen, alle Depressionen ausschwitzen, und dann peu à peu hier leben. Der ganze Ballast muß weg, Stephan, Europa, Lojo. Ich muß dann planmäßig vorgehen, in L.A. bleiben, den Autodienst absagen, einen Job suchen über die Universität und überhaupt hier Wurzeln schlagen inmitten der Universität. Es hat doch keinen Sinn, weiter Tourist zu spielen, mit Hotels und verschiedenen Städten, Disneyland, Monument Valley und New York. Es ist jetzt 9 Uhr, die Sonne hat sich endlich durch die dicken Dunstschleier gearbeitet, um 12 wird sie exakt in der Mitte der ganzen Himmelskugel stehen (L.A. liegt am nördlichen Wendekreis, den die Sonne Mitte Juni erreicht).



Eine Station der Reise:

Lojo & Stephan mit Warhol-Regisseur Paul Morrissey



10.6.78


Zuviel Alkohol, und überhaupt löst sich alles auf. Kaum hatte ich etwas von Tieftauchen geschrieben, saß ich als trübe Tasse im Hotelzimmer du rührte mich nicht mehr. Ich rauchte Zigaretten und schlief ein, am strahlenden Vormittag. Als ich aufwachte, war die Luft so dünn geworden! Ich nahm einen Bus zur U.C.L.A.-Universität. Neben mir im Bus aß eine alte Jungfer, zerrissene Nerven, völlig kaputt, eine Bukowski-Gestalt. Sie kreischte die deutschen Zahlen Eins, zwei, drei, vier, fünf und war auch sonst aufdringlich. Eine Stunde lang fuhr der Bus durch L.A. und ich klebte zerschüttelt in den Sitzen. Kontaktaufnahme zu anderen Busgästen klappte nicht, all die braunen Neger und Puertoricaner wollten ihre Ruhe haben. Langsam gingen wir die amerikanischen Autos auf die Nerven, weil ich immer hingucken mußte. Mein Kopf dröhnte und ich fror. In der Zeitung stand: Worst Smog in 5 Years. Die Sonne kam nicht durch die Wolkendecke von der Küste blies Wind. Die Universität war bombig groß, ein Phantasieprodukt, eine Palmenstadt wie die Tempelanlagen von Angkor, schwer zu beschreiben, eine tolle Mischung aus Palmen, Bergen, Monumenten jeder Art, Reichstagsaufmärschen und so weiter. Die Studenten dagegen waren nicht anders als unsere Gurken* in Hamburg. Sie waren alle seltsam verblüht, ungeschminkt, körperfeindlich, krüppelhaft, studentoid. Ein furchtbarer Schlag eigentlich, wenn man es genau bedenkt. Ich hatte mich als graduate Student beworben und war glatt angenommen worden und das nichtstudentische Mädchen, das meinen Antrag bearbeitete fiel mir sofort als angenehm anders auf. Hier sollte ich studieren, Jahre verbringen? Um mich zu beschäftigen, verfolgte ich weiter meine Anmeldung, ließ mich von einer Stelle zur anderen schicken, wußte allmählich alles über Uni, Jobs, Wohnungen und Californien. Stephan ließ ich sitzen, rief ihn nicht mehr an. Ich entfernte meinen Koffer aus dem Hotel, sodaß nunmehr jede Spur verwischt ist. Ich rief einige Wohnungen an und lernte dabei eine Japanerin kennen, die mich mit in ihre Wohnung mitten in Holliwood nahm. Viele Dinge kamen zusammen. Erstens sah sie überaus zierlich und gut aus, zweitens verstanden wir uns auf Anhieb, drittens war sie eine echte Holliwood-Movie-Insiderin, sodaß ich prompt dachte: ich habs geschafft. Dann war da dieser Freund mit dem ich mich nicht auf Anhieb verstand, mit dem ich mich dann den ganzen Abend nicht gerade herumquälen, der mir aber zumindest ein ständiges schlechtes Gewissen bereiten sollte. Wenn er doch bloß auf der Stelle von Negern überfallen und erstochen würde! Mein Gott, was für eine Situation, jetzt wohne ich hier und muß Harmlosigkeit demonstrieren, obwohl ich die Frau haben will, muß also eine falsche Rolle spielen wie bei Stephan. Nichts gewonnen also. Ein weiterer schwerer Entschluß steht mir bevor: ich muß mich auch hier aus dem Staub machen. Aber wohin dann? Das Menschenmaterial hier hat nämlich nichts mit Coca-Cola-Reklame zu tun. Bis jetzt sah ich lauter dröge Köpfe. Vor allem in der Odyssey-Diskothek gestern nacht. Die ganze Unternehmung sieht nicht gut aus, ich werde heute versuchen, wieder mit Stephan Kontakt aufzunehmen.



(*3) Das Wort Neger für die schwarze Bevölkerung Amerikas war in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts natürlich ebenso verpönt wie heute. Es war aber wohl noch möglich, es in einer gewissen selbstironischen Brechung zu verwenden. Man wird das auch damals schon als ärgerlich empfunden haben, aber natürlich als Provokation und nicht als Ausdruck einer rassistischen Gesinnung.

(J. Lottmann)


(*4) Die Gesellschaft unterstützt nicht diese pejorative Bezeichnung meist weiblicher Personen.

(i.A. O. Fraser)