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Stephan und Lojo in Amerika 3



11.6.78


Nein, das Gerede mit dem Typ strengte schon sehr an. Aber dann am nächsten Tag, passierte etwas Tolles: die beiden mieteten einen Ford Mustang für mich. Für 10 Dollar am Tag gehört er mir solange ich will. Seitdem fahre ich ununterbrochen durch L.A., heute 10 Stunden hintereinander, mit Hitparade, Servolenkung, Bremskraftverstärker und Air Conditioning. Ja, das Auto reisst alles raus, ohne dem wäre ich sicher schon wieder im Flugzeug. Grauenvoll sind meine Kontaktversuche, meine Geschichte, die ich allen aufs neue erzähle. Schrecklich! Dieses Bemühen um Gurken und andere kleine Nummern… mit jeder Putzfrau und jedem Tankwart diese Where-are-you-from-Gespräche. Und die Studenten! War in mehreren Studentenheimen und hab mich angebiedert, wurde auch sehr herzlich aufgenommen, und sprach dann über Dylan, Eagles, Steely Dan. Oder über das deutsche Bildungssystem. Schließlich war ich im berühmten „Rainbow“. Als wenn ich jemals irgendjemanden von Relevanz in einer Disco kennengelernt hätte. So auch hier. Schon bald war ich völlig vereinzelt und mußte mich an Drinks klammern. Ich trank nicht weniger als vier Whisky-Soda, womit ich die schlimmste Schüchternheit niederhalten konnte, ohne jedoch zum Stahlmann zu werden, der nötig gewesen wäre. Dennoch krallte ich mich mit seltener Verbissenheit an alle möglichen Gesprächspartner. Zu gewinnen gab es: eine dicke Puertoricanerin, einen verklemmten iranischen Studenten, einen vollkommen betrunkenen US-Ex-Hippie, eine ehemalige Deutsche, dick, arrogant, aus Wiesbaden, und so weiter, eine aus den Fugen geratene angebliche Holliwood-Insiderin, ein, zwei Schwule, die mich auf Mitte dreissig schätzen und nicht viel mit mir im Sinn hatten… überhaupt hat niemand mit irgendmand etwas im Sinn, wenn dieser kein Alibi hat. Um 2 schloß das Rainbow und alle 200 Leute gingen nach draussen zum Pick-up, d.h. sie standen alle herum und suchten sich ihre Bettpartner aus, genauso wie im Münchener Stop-In oder im Hamburger - ? nein, nicht in Hamburg, da kommt es erst noch, hoffentlich. Ist natürlich alles eklig, alles lächerlich, was da herumsteht, ich würde sagen: da gehöre ich nicht hin. Ich fuhr zum Beverly Hills Hotel, doppelt so teuer wie das Hilton, konnte es nicht bezahlen. Ob ich da richtig gewesen wäre? Ob ich mit mehr Geld besser dran wäre? Schwer zu sagen. Ich legte mich ins Auto und schlief so gut wie lange nicht mehr. Dann fuhr ich zum Strand, nahm einige Tramper mit und führte die üblichen Gespräche, die mich inzwischen so anwiderten, daß ich kühn und schockierend wurde, ich sagte (darauf gefaßt, gleich erschlagen zu werden) daß ich Amerika „awful“ fände, „an awful country, isn’t it?“ – was die Leutchen unendlich traurig machte. Der Typ neben mir bekam irgendsoetwas wie einen Zitteranfall, zitterte mit seiner Hand in seinem Gesicht herum, konnte sich keine Zigarette mehr anzünden. Er war wirklich nahe am Weinen, diese Memme, fragte mit bibbernder Stimme, aussteigen zu dürfen, fand den Türgriff nicht, vergaß sein Surfbrett und so weiter. Die anderen Idioten gingen ebenfalls raus, auch seltsam blass geworden. Fast hätte ich sie raustragen müssen. Ich ärgerte mich ein bißchen, weil der eine mich eigentlich zu einer Surf-Party eingeladen hatte. Ich beschloß, nachdem ich noch einige andere Fehlschläge, die ich nicht weiter erzählen will, hatte, doch noch mit Stephan Kontakt aufzunehmen. Sicher, in seinen Augen bin ich ein minderwertiges Leben, ein Schmutzfink und elender Pennbruder… aber was soll ich machen? Ganz L.A. (10 Mill. Einwohner) durchkämmen bis ich da bin, wo Stephan von Anfang an ist? Es bleicbt mir nichts anderes übrig, ich muß meinen Stolz für ein paar Tage vergessen. Scheusslich, aber besser als weitere Where-are-you-from-Gespräche. Lieber Untermensch als weiterhin nichts weiter als German Student. Ich muß versuchen, möglichst vielen Leuten VORGESTELLT zu werden. Verlebe ich den heutigen Abend lediglich mit Mr. Und Mrs. Getty, so habe ich wenig gewonnen, denn es ist fraglich, ob ich mit den beiden so gut auskomme, daß sie mich ein weiteres Mal einladen. Wissen wir doch, daß meine Konversation eine Katastrophe ist. Dagegen ist Stadtneurotiker Woody Allen ein Beispiel an Selbstsicherheit. Mensch, diese Welt ist phantastisch, aber sie mag mich nicht, und leider kommt es zu 95% auf genau das an. Ostfriesland wäre gewaltiger als ganz Californien, wenn ich dort anerkannt wäre. Und das erreiche ich nur, wenn ich schreibe, und schreiben tue ich nur, wenn ich dazu gezwungen werde und so weiter. Ich weiß nicht wie man mich zum Schreiben zwingen könnte, solange ich Geld habe, werde ich immer eher nach Amerika fahren. Machen wir also das Beste draus: Gettys sollen mir eine Tätigkeit vermitteln: als Übersetzer (am liebsten) als Nachhilfslehrer (auch), als Auslandskorrespondent, als Synchonisateur für deutsche Sprachplatten, als Schauspieler, Statist, Double, als Empfangsleiter für deutsche Gäste… Wenn es nichts wird, kann ich immer noch ein paar Tage autofahren, nach S.F. fliegen (oder fahren! 10 $) oder nach Chicago zu Nesbits fliegen, oder bei Lindas Bruder arbeiten. Für heute habe ich sogar eine Rolle für mich: schüchtern, ängstlich, zurückhaltend, aber sehr aufmerksam, Typ angekränkelter Künstler.



Martine Getty und Stephan T. Ohrt


12.6.78


Ich fuhr also tatsächlich zu Getty’s. Ausgerüstet mit einer neuen Rolle fühlte ich mich ganz wohl, als ich die Stufen zum Look Out Mountain hinaufstieg. Stephan lag dämmernd zwischen Zierpflanzen im Halbdunkel, begrüsste mich, bereitete mir einen herzergreifenden Empfang. Unfähig aufzustehen streckte er mir im Liegen beide Arme entgegen. Hinter ihm nahm ich andere Leute wahr: die Gettys. Ich druckste und schluckte, wie die Rolle es vorschrieb, dann legte Stephan los: er habe eine wundervolle Zeit verlebt, es komme ihm vor wie Ewigkeiten, er schwimme in Glück und Sentiment, könne sich nicht mehr an Hamburg erinnern. Meine Kehle schnürte sich zu. Er habe dutzende von Parties jede Nacht gehabt, fuhr er fort, habe Filmstars und Leute von Rang kennengelernt.

Mrs. Getty und ich fuhren nach Beverly Hills und ich lernte Mrs. Getty näher kennen. Sie sagte, seit zwei Jahren kein Wort Deutsch mehr gesprochen zu haben, unter den Plattitüden der Amerikaner zu leiden – wir beiden jungen Deutschen kämen ihr vor wie Erlöser vom anderen Stern. Wir fuhren zu den alten Gettys, passierten Gunmen und so weiter, währenddessen erzählte Martine bzw. Mrs. Getty Geschichten. Viele Stunden erzählten wir uns immer einander abwechselnd eine Geschichte nach der anderen und sassen dabei am Look Out Mountain, hoch über Los Angeles. Wir sahen Sternschnuppen und erzählten uns Geschichten. Dann fuhren wir zu allen möglichen Starlokalen, trafen Elliot Gould, Julie Christie, verpassten nur knapp Bob Dylan und Leonard Cohen. Als wir zurückkamen war Paul Getty noch immer wach. Er war eifersüchtig und doch freundlich, immer abwechselnd. Er lud mich ein, mit seiner Yacht die nächsten vier Tage im Pazifik zu kreuzen, was ich ablehnte. Martine gab mir frischgeschiebene Gedichte von ihr zu lesen. Eigenwilliges Zeug, nach dem sich die Amerikaner sicher reissen. Am späten Abend ging ich mit Stephan ins Bett, d.h. es war 5 Uhr morgens. Pfundschwere Flugtiere, Insekten kamen ins Zimmer und Stephan fürchtete sich so sehr, daß alle Ohren, Nasen und Zähne ausfielen. Wir schlugen die Tiere tot, rauchten zwei Päckchen französische Zigaretten und schliefen ein. Am nächsten Morgen war ich mit Paul auf der Yacht, sah die Crew, in der Mehrzahl junge Californierinnen im Beach-Boys-Look. Ich war hin und hergerissen: sollte ich mit Paul in die Caribik oder mit Martine zu Lee Stasberg? Ich tat letzteres, ging mit Martine vier Stunden spazieren, wobei wir literweise Kaffee tranken und bezeichnenderweise das Rauchen völlig vergaßen. Es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich jemanden Freundes gegenübersitzen konnte ohne eine Zigarette zu brauchen. Gegen Mittag fuhren wir zu Stephan und verbrachten die nächsten Stunden zu dritt. 36° im Schatten, aber frischer Meereswind, tiefblauer Himmel bei senkrechter Sonne, Geld, Musik und Swimming Pool. Shopping, Surfing, dann die Kinder, die entzückende Anna, dann die Hollywood-Studios und das Grab Marylin Monroes. Ab und zu beobachtete ich Stephan, der mir sehr gut gefiel in seinem neuen hellen Anzug, der dünnen schwarzen Krawatte, den unbestechlichen Augen. Beim Baden wirkte sein vollständig weißer Körper wie eine geschmackvolle Ergänzung zu Martines vollkommen schwarzem Körper. Martine, die 1968 den Filmpreis von Oberhausen gewann, 1969 die Dokumenta sprengte, 1967 die K2 gründete, 1966 die erste Demonstration in Deutschland inszenierte, in den siebziger Jahren durch Autounfälle, Scheidungen und persönliche Krisen dazu getrieben wurde, Deutschland zu verlassen und in Rom zu leben, wo sie Paul kennenlernte. Martine, die ich unmöglich beschreiben kann.

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