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Stephan und Lojo in Amerika 5



15.6.78


Wir standen auf und – kurz und gut, der Smog („Worst smog in five years“) brach aus. Babys wurden aus offenen Fenstern geworfen, im Krankenhaus wurden die Schwestern ohnmächtig, auf Long Beach griffen Surfbrettfahrer ans eigene Herz und brachen auf dem Surfbrett zusammen, ich selbst kroch zum Auto und schluckte auf einen Schlag alle Tabletten, die ich hatte, was aber nichts half. Von einer Minute zur anderen war der Smog gekommen, ließ die Köpfe der 10 Millionen Einwohner von L.A. zum Platzen anschwellen. Stephan, Martine und ich wälzten uns laut wehklagend am Boden. Man weiß, daß solche Situationen irgendwann umschlagen, und so auch hier. Nach einer Stunde gingen wir, plötzlich albern geworden, mit unseren angeschwollenen Köpfen den Sunset Strip entlang, besuchten 5 Diskotheken und kamen erst am nächsten Morgen ins Bett, alle drei in eins. Martine neben mir zu haben machte mich glücklich. Es war sehr aufregend, wie ich sie berühren durfte, aber nur aus Platzgründen. Ich schlief in diesen Stunden wenig, erholte mich trotzdem mehr als sonst. Tags darauf Gings nach Disneyland. Martines Körper war ja berührt, aber unbelästigt aus dem gemeinsamen Bett gekommen, ich hatte ein Wunder an Selbstdisziplin vollbracht, sodass ich nicht mit Schimpf und Schande aus dem Haus gejagt wurde, sondern wir alle drei in harmloser guter Laune nach Disneyland fahren konnten. Hier, zwischen Tomorrow-Town und Adventurecity, ich mit Micky-Maus-Ohren, Stephan mit Goofy-Kopf, war es auch, daß ich meinem Freund gestand, keinen einzigen Cent mehr zu haben, und erst recht kein Rückflugticket. Im Laufe der nächsten Stunden wurde ich so verliebt in Martine, daß ich Stephans Stand wohl erreichte, Stephan, der ja auch 2 Tage Vorsprung gehabt hatte. Die Liebeswellen schwollen ständig an und ab, jede Welle übertraf knapp die vorige. Ab und zu sah ich Stephan an, der bleich und blass, mit neuen Hautentzündungen, in keinem glücklichen Zustand war, sodaß ich jetzt schon sah, was mir in weiteren zwei Tagen wohl bevorstehen würde. So stolperten und taumelten wir beide neben Martine, aus Liebesglück - und Liebesleid. Doch Stephan ist nicht der Mann für so etwas. Schon am Abend ging es ihm besser, wir lagen zu dritt im Bett und redeten über Gott und die Welt. Gerade als es am schönsten war, stand ein rothaariger, sommersprossiger Ire mit einer furchtbaren Kanone, einer Magnum 45 mm, in der Tür: Paul Getty. Er hatte „Freunde“ mitgebracht, und Stephan und ich konnten gar nichts anderes machen als uns zurückzuziehen. Wir gingen einkaufen, eine unvergeßliche halbe Stunde, Stephan war ernst und freundlich, das heißt, der Tonfall war angenehmer, keine Witze mehr, Stephan war erwachsen geworden. Der Tag ging zu Ende, dieser 14. Juni, wir waren mitten in Los Angeles, Californien. Am nächsten Morgen waren wir mit Paul im Paul Getty Museum. Der natürliche Interessengegensatz zwischen ihm und uns beiden Deutschen war nicht zu überbrücken. Es kam zu unschönen Szenen. Seit einer Woche ist Paul von seiner Ehefrau geradezu getrennt durch uns deutsche Gäste. Natürlich ist er eifersüchtig, denn tatsächlich muß es um einiges gehen, wenn jemand nonstop eine Woche… Er ist doch kein Idiot und wußte, was los sein mußte und los war. So fuhren wir schnell zurück, alle vier, Stephan, Martine, Paul und ich. Die Stimmung ist natürlich desparat.

17.6.78


Das ganze Brinckmannbuch* im Kleinformat. Die Kinder kommen ständig ins Zimmer und machen es mir unmöglich. Jetzt sitze ich neben Ariadne Getty. Bis eben hat die fünfjährige zwei Stunden Vampir mit mir gespielt. Die Lage: Martine und ich sind seit dem 14. zusammen. Stephan ist gebrochen und will zurückfliegen. Ich hoffe, er tut es nicht, sondern zieht mit mir in ein kleines Haus in Holliwood. Er würde dann versuchen, Movies zu machen und ich würde schreiben. Daß ich mehr schreibe (noch mehr) als in Hamburg soll dann durch die Stadt (Hollywood) kommen. Dabei wird mir Hollywood von Tag zu Tag selbstverständlicher. Auch bin ich schon ganz flapsig und unzufrieden vor lauter Zufriedenheit. Alles nehme ich in die Hand, alles bestimme ich, die ganze Welt wird von mir organisiert, nicht umgekehrt. Im alten Gegensatz Ich/Welt hat das Ich ein Bisher seltenes Übergewicht. Ich müßte eigentlich platzen vor Befriedigung und Bestätigung. Jetzt zum Beispiel liege ich mit leichtem Sonnenbrand vom nachmittäglichen Baden im Swimmingpool des Getty Familiensitzes und so weiter, Rolling Stones, die Let it Bleed Platte, Ariadne liegt neben mir, genauso auf Bauch und Kinn, und liest Hollywooder Klatschzeitungen, es war der heisseste Tag bisher, aber angenehm, man hat ja Air Condition, Swimming Pool und einen gut gewachsenen, kräftigen Körper. Stephan ist in ein Hotel gebracht worden, das weltberühmte und wirklich reizende Tropicana, wo er über sich nachdenken wird, erstmals in seinem Leben. Er wird mir dankbar sein, unendlich dankbar, wenn er die jetzige Krise bewältigt hat. Paul wird vielleicht garnicht unbedingt durchdrehen, schließlich… bin ich nicht nett zu ihm? Am Ende rette ich ihn noch vor den Drogen. Geld ist da, mehr denn je, Auto, Beziehungen. Toni Basil kann ich inzwischen selbst anrufen, um zu erfahren, welche Schauspielschule ich besuchen sollte. Aber schon bei Timothy Leary wird es schwierig. Was soll ich mit dem? Alles, was nicht meiner beruflichen Qualifizierung oder meinen Gefühlen dient, macht mich nur unzufrieden. Heißt: Martine ist toll, nicht L.A., Bühne und Literatur sind wichtig, nicht L.A. und Stargeflüster-Atmosphäre. Übrigens ist das mit dem Schreiben vielleicht so eine Sache: Kann ich noch schreiben, wenn ich so zufrieden bin? Ja, wird wohl. Es ist so: ich habe nichts Konkretes erreicht und auch kaum angestrebt. Alles spielte sich auf der – bekanntlich sehr labilen – Gefühlsebene ab. Am Beispiel Stephan sieht man ÜBERDEUTLICH: wie gewonnen, so zerronnen. Mein Gott, nicht einmal ein Haus konnte ich mieten. Nicht einmal den Sternartikel habe ich geschrieben. Die Schauspielschule hatte zu, um andere bemühte ich mich nicht. Den UCLA-Bogen ließ ich (zum Glück) vergammeln. Die nächsten Schritte müßten sein: Martine zur Fortsetzung ihrer eigenen Karriere bewegen. Zum deutschen Konsulat gehen und Visum ändern lassen. Mrs. Getty als Bürgen. Doch das sind ja schon wieder, wie in Germany, Formalien. Was jetzt kommen soll, ist ein Job. Bisher wurden wir hingehalten. Ich müßte nochmal persönlich hingehen, würde wieder abgewiesen… am Ende würde ich sagen können: Wunder gebt es nur im Himmel. Es ist wohl so: Martine hat alle Mühe, selbst noch ein bisschen vom längst demolierten Namen Getty zu profitieren und muß aufpassen, selbst nicht nur hingehalten zu werden. Die geheimen Erwartungen werden nicht erfüllt. Das Glück findet ohne Grundlage statt. Ich kann nur machen, was ich sonst auch mache: mich rar machen und schreiben. Und: ich kann auf eine Schauspielschule gehen. Shit! Wie in Deutschland. Der Reiz Amerika ist verbraucht, andere Reize müssen aufgetan werden, wenn ich beruflich nicht weiterkomme.



(*7) Das „Fritz Brinckmann Buch“, ein weiteres Frühwerk Joachim Lottmanns, erschien in 80 Folgen vom 21.2.2017 bis 6.11.2018 auf der Seite der Gesellschaft der Literaturfreunde und ist dort verfügbar.

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