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Stephan und Lojo in Amerika 7


20.6.78


Der liebe Gott half mir: Pistolenpaul setzte sich zu uns, ich redete ihn an, beging dabei aber einen Faux-pas, der mich scheinbar blamierte, in Wirklichkeit aber meine Gefühlskrise beendete. Ohne Böses dabei zu denken hatte ich gesagt: „Wott did yuu duu??“ Paul stand erbittert auf, streckte das gerade angeknabberte Hühnerbein seiner Frau in den offenen Mund, eilte ins andere Zimmer. Martine fauchte mich an: „Du Trottel!“. Stephan legte die Zähne Frei und lachte lautlos. Martine sagte: „Bier hast du auch zu wenig gekauft. Diese lächerliche kleinen Dosen, davon sollen wir wohl satt werden, was!“ Ich rechnete mit Stephan, er sollte mich verteidigen, doch er rührte sich nicht. Ich mußte es selber sagen: „Stephan hat das Bier gekauft.“ Ein Schrei, eine Schallwelle, der Empörung, das Hühnerbein (sein viertes) fiel ihm in die Suppe: „Was?? Ich?? DU hast doch das Bier gekauft, Lojo!“ Ich sah hilflos zu Martine, wollte etwas Erklärendes sagen, doch sie winkte ab: „Na, was denkst du dir jetzt wieder feines aus, Kleiner, lass es lieber.“ Ich löffelte emsig die Wassersuppe, nahm das nächste Hühnerbein. Man konnte mit Stephan eben nicht zusammenarbeiten. „Du Schwein“ zischte ich zu ihm und versuchte, ihn durch einen fürchterlichen Blick zu töten. Er legte die Serviette beiseite, holte Luft und verstand die Welt nicht mehr. Martine, die mich beobachtet hatte, meinte nur: „Du kleiner Angeber.“ Stephan hatte genug Luft geholt und verlangte jetzt ohne alle Umschweife umfassende Erklärung: „Warum soll ich sagen, ich hätte zu wenig Bier geholt, wenn DU zu wenig Bier geholt hast?!“ Martine sah mich geringschätzend an, griff zu einem Buch und las darin, während sie aß. Ich warf meinen Stuhl um, stürzte zur Tür, ins andere Zimmer, riß die Magnum nach oben und hielt sie gegen die Decke. Bumm! Bumm! es hörte sich gigantisch an. Ich brüllte: „Stephan, du mieser Hund! Der Punkt ist gekommen! Das ist zuviel des Guten!“


Anschliessend fuhren wir zu Viva. Noch immer, ein wenig in dieser Krise, hielt ich mich im Hintergrund, bediente mich einer alten, seit 1976 nicht mehr eingesetzten Rolle, spielte l.l., lieber Lojo.

Am nächsten Tag wachte ich natürlich mit sehr starken Kopfschmerzen auf. Martine war genauso nett zu mir wie am Strand 24 Stunden vorher, was mich nicht nur verwunderte, sondern meine Krise, die sich gerade wieder verstärkte, in weniger als drei Stunden restlos abbaute. Gegen Mittag war alles vorbei, der Gesichtskreis weitete sich wieder zu phantastischen 180 Grad, Berührungs- und Sinnesorgane arbeiteten wieder fehlerfrei, nach insgesamt nur 19 Stunden konnte ich, als wäre nichts gewesen, da weitermachen, wo ich aufgehört hatte. Und es stellten sich dann Erfolge ein, mit denen niemand rechnen konnte. Wim Wenders nahm mich unter Vertrag, Timothy Leary bekam mir gegenüber Minderwertigkeitskomplexe, Paul Morrisey vermietete und sein Appartement, andere Holliwoodgrößen drängten sich an uns, also an Martine, Stephan und mich, boten uns Villen, Verträge, Drinks und Sex an. Gegen Mitternacht kamen wir nach Hause, und während Martine und Stephan bald schlafen gingen, sollte für mich der Tag erst richtig losgehen: Paul hatte mir aufgelauert und drückte mir stumm den Lauf der Magnum in den Rücken. Er fragt, ob ich Martine lieben würde. Ich antwortete, (noch immer an die Geschichte mit dem Engländer glaubend): „Sie kann garnicht lieben.“ Paul zuckte am Abzugshebel: ob ich damit sagen wolle, sie liebe ihn nicht? Ich quälte mir den Satz she really loves you ab und ärgerte mich. Ich deutete auf den schlafenden Stephan, sagte aufgekratzt: he fell in love with your wife, did you know this? Es interessierte ihn nicht. Er wollte wissen, ob ich mit Martine geschlafen hätte. I didn’t, lachte ich, no no, really. Ob ich es noch tun würde? Ich dachte fieberhaft nach. Paul starrte mich mit dicken, verweinten Augen an. I am impotent, Paul, log ich. Aber ich hätte doch Affairen mit Frauen gehabt? I have difficulties mit Women… I cannot even kiss her. Das war eine gewagte Behauptung. Ich hatte es gesagt, weil ich mir dachte: ich küsse zwar, kann es aber eigentlich nicht richtig, wenn man bedenkt, daß ein Kuss in Film und Literatur als große mythische Sache, als Verschmelzung von ich und Du, als ausschließlich körperliche Hingabe verstanden wird. Ich denke oft beim Küssen und kann es damit eigentlich nicht richtig. Trotzdem kamen wir so nicht weiter. Ich sagte: „listen, ich liebe meine Frau, vielleicht lasse ich sie nachkommen, ich will nicht, daß du dich scheiden lässt, ich werde in wenigen Tagen oder sogar Stunden in ein eigenes Haus ziehen und dann erstmal schreiben.“ Das Wort Schreiben machte keinen Eindruck auf ihn, so beugte ich mich nach vorne, packte seine Schulter und hämmerte ihm ein: „Und ich schreibe wirklich, jeden Tag, du kapierst das anscheinend nicht. Ein für allemal: das Schreiben bedeutet mir viel und ob es verkauft wird ist mir dabei nahezu egal. Ist das klar? Verstehst du, was ich sagen will? Ich werde in mein Haus ziehen und das Schreibdefizit der letzten Wochen, das mich sehr belastet, abbauen. Klar? Viel mehr Martine für dich dann, Paul, stell dir vor. Wir sahen uns lange in die Augen, vielleicht fünf Minuten. Plötzlich drückte er sein Gesicht an meins und sagte: „Don’t do it. If you do it, I kill you, both.“ Ich wurde ungeheuer wütend, funkelte ihn an, zwang seinen Blick zu Boden. „Was wäre denn, wenn ich es nicht täte? Was käme dann? Was würdest du dann tun? Darf ich das wissen?“ „I want to come together with Martine, that is what I want to do“. Und wie wollte er das erreichen? Glaubte er, das sei allein seine Sache? Er bejahte unsicher. Er glaubte da sei seine Ehe? Sein business? Er bejahte, wußte nicht so recht, worauf ich hinauswollte. Ich sagte, daß er völlig unfähig sei, seine Ehe zu reparieren und daß er für diesen untauglichen Versuch mein Okey nicht bekommen würde. „I Kill you, if you do it“ wiederholte Paul und ich sagte: ich tue es, unter diesen Umständen. Wir guckten uns nochmal fünf Minuten an, erzählten voneinander, strichen uns durchs Haar. Deine ganzen Freunde verstehen dich nicht, du bist doch Lichtjahre von ihnen entfernt. Hör endlich auf, Amerikaner sein zu wollen.“ Paul nickte. Gut möglich, daß wir uns verstehen wie sonst niemand, aber was nützt das schon,“ sagte Paul „alles, was mich an diese Welt bindet, ist Martine, und deshalb mußt du weg, muß ich schiessen.“ „Natürlich bindet dich nichts an die Welt, wenn dich keiner versteht.“ Es hatte keinen Sinn, weiterzureden. Paul ging ins andere Zimmer, sah mich aber ganz fröhlich an, als er „tschüß“ sagte.

Am nächsten Morgen war Paul laut und aktiv. Er ärgerte Martine, lachte laut ins Telefon, blinzelte mir zu, ging aufgeregt hin und her. Ich dagegen fühlte mich, als hätte mir jemand den Magen ausgepumpt. Sollte ich wirklich um 14 Uhr mit Paul, wie verabredet, weggehen, mit ihm weiter reden beziehungsweise mit ihm zusammensein, sollte ich mir wirklich dieses riesige Problem aufladen, Verantwortung übernehmen, Martine seltener sehen, auf die New Mexico Fahrt verzichten, die Nächte ohne sie verbringen, die Vision der idealen… aufgeben? Wußte ich nicht genau, daß ich diese Verzichte nicht doch vergessen würde, Pauls Vertrauen auf das Widerlichste verraten würde? Paul würde sich mir anvertrauen, ich würde etwas distanzierter zu Martine sein, ein paar Tage vielleicht, und dann doch mit ihr ins Bett gehen, Paul würde die Waffe gegen sich selbst richten und ich hätte von da an einen heimlichen Mord auf meinen Schultern. Ich trug schwer an diesen Gedanken, es kam soweit, daß ich in den Schlaf flüchtete, am helllichten Tag, ohne Decke, das Gesicht auf harte Teppichfransen gedrückt. Ich träumte von Martine, wachte auf, indem sie mir lange durchs Haar fuhr. Hinter ihr stand Paul, Martine hatte es nicht bemerkt. Um ihn zu beruhigen, spielte ich „gebrochener Mann“, ließ Hemd und Schultern hängen, seufzte wie Stephan, ging schweigend aus dem Ausschnitt, wie der alte Fritz in „Mädchen in Uniform.“ Paul selbst verschob die Verabredung auf die kommenden Tage. Ich fuhr mit Martine und Stephan weg, ging mexicanisch essen, als wir wiederkamen, war Paul fast so schlimm dran wie in den Tagen vorher. Als er Martine sah, schlug er sie zwar im Affekt, aber mit aller Kraft zu Boden. Aber wie das so ist mit dieser bemerkenswerten Person, sie rappelte sich hoch und beförderte Paul mit einem Karate-Griff auf das unförmige Ehebett und von da aus dem Fenster. Er fiel direkt Stephan vor die Füße, der gerade Brombeeren sammelte. „Hallo Paul, wo kommst du denn her, bist du hingefallen, tut dir was weh?“ Paul röchelte, zog sich mit den Händen, die sechsfach gebrochenen Beine hinter sich herziehend, die Treppenstufen hoch bis ins Wohnzimmer, von da bis zur Sitzecke, wo die Magnum versteckt war. Doch sie war nicht mehr da, ich hatte sie an mich genommen und weggeschafft.


Fotos: Gisela Getty

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