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Stephan und Lojo in Amerika 8


21.6.78

Jetzt hab ich den Faden verloren. Worum ging es? Martine? Schauspielschule? Veröffentlichungen? Ich ertappe mich dabei, wie ich die Tage bis zum Rückflug zähle.



23/24

Die Wahrheit ist, dass es die nächsten Tage so dahinplätscherte, große Empfänge, Parties, kleine und große Dramen, schöne Szenen und wenig Schlaf – ich war sehr glücklich. Da war die verliebte Martine, die mir nicht nur Hollywood zu Füßen legte, sondern auch noch Schmelzkäsebrote und Obstsalate, der rührende Stephan, der auf Rücksitzen und anderen billigen Plätzen schmorte, immer für mich da, und mir das Gefühl gab, wohlbehütet zu sein, bei allem, was nur kommen konnte. Dann war da Paul, der, nicht ganz zu Unrecht, Vertrauen zu mir gefaßt hatte und mir die Erbschaftsverträge, die die Auszahlung der 5,4 Milliarden regeln, zur Durchsicht gab. Ja, mit Paul hatte ich jetzt viel zu tun, er nahm mich mit zum Getty-Sommersitz, direkt am Pazific, mit Privatstrand und Helicoptern, die den Privatstrand bewachen. Dennoch fragte ich mich langsam, was das alles sollte, was einfach daran lag, daß meine Liebe zu Martine einen Tiefstand erreicht hatte, der soweit ging, dass sie in meinen Träumen als Würgerin auftrat, die mich am freien Atmen hinderte. Ich schrieb daher eines Tages einen Brief an Annerose*, in dem ich meine Nöte mit Martine niederschrieb. Dieser Brief, gegen den an sich nichts zu sagen ist und in dem ich zunächst Annerose mit den goldigsten Liebkosungen und Komplimenten bedeckte, die mir seit Jahren eingefallen sind, tja, wurde von Martine gefunden und gelesen. Ich war zu der Zeit gerade mit Paul unterwegs, wir kämmten Pornoshops durch, und ich ahnte nichts… Jedenfalls sagte ich folgendes zu Martine: Laß uns wieder ehrlich sein, wie am ersten Tag, damals, als am Himmel die Propellerflugzeuge brummten.“ Okey, sagte Martine, und ging mit mir auf die Party Bob Rafelsons, des zur Zeit besten Hollywoodregisseurs. Martine sah mich anders aus als sonst, nur das glückliche Lachen war nicht mehr da. Ich zog Stephan beiseite und fragte ihn, wie sie eigentlich reagiert hatte. Ach, ganz normal, sagte Stephan. „So, so…“ sagte ich ungläubig. Die Party liess sich gut an, Stephan taumelte mir betrunken in die Arme noch ehe der Ein entkorkt war, ich weiß nicht, wie er das geschafft hatte. „Stephan“, fragte ich nochmal diesen meinen deutschen Freund, der wie eine große Ameise zwischen meinen Armen hing, „was hat Martine gesagt, als sie den Brief las?“ „Och, sie hat getobt, gewimmert, wollte gleich mit dir Schluß machen, las jeden Satz einzeln vor, ich habe sie beruhigt und irgendwann war es vorbei, wir lachten dann sehr viel, bis es hell wurde.“ „So, so“ sagte ich wieder. Ich ging in das Zimmer, in dem Martine saß. Rafelson hatte seine dicken weißbehaarten Finger auf ihre Hüften getan. Er nahm sie weg als er mich sah und vollführte eine raumgreifende Bewegung mit diesen Händen, sodaß sie krachend auf meine Schultern fielen, es war herzlich gemeint, er nannte mich „you guy“ und bot mir Kokain an. Warren Beatty kam, blieb vor Martine stehen und sagte, sinngemäß: „Oh fuck the damn hell, it’s Martine! Let’s spend the night together, fuckin‘ round the clock.“ Martine sagte nicht ja und nicht nein. In dem Moment steht ein kleines Männchen, ein berühmter Psychiater angeblich, im Raum, nähert sich schrittchenweise Martine und bittet sie, ihn , den kleinen Psychiater, auszupeitschen. Stephan kommt hereingetorkelt, drei Gläser Cognak in den Händen, mich vage erkennend, in die Knie sackend, und greift haltsuchend nach meinen Beinen, was die umstehenden Partygäste mißdeuten. Ich sage: „Stephan, die halten uns für schwul, laß das bitte, benimm dich, die gucken schon.“ Tatsächlich guckten die Leute aufmerksam zu, obwohl der kleine berühmte Psychiater viel schlimmere Dinge trieb, er hatte gerade eine lange schwarze Lederpeitsche ausgepackt.


(*10) Die damalige, in Deutschland zurückgelassene Ehefrau des Autors.



Foto: Gisela Getty