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Die Frauen, die Kunst und der Staat 21
Ich mußte schlagartig an ROBIN NORWOOD denken, die das alles hatte kommen sehen. Das Entscheidende war, daß ich nicht als Frau auf die...
Joachim Lottmann
6. Dez. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 20
Wir gingen wieder nach draußen. Dahn war beunruhigend still geworden, sodaß ich ihn glaubte aufmuntern zu müssen: "Walter, in zehn Jahren wird man deine Neger*knochenbilder als geniale Voraus-Schau dieser zukünftigen Themenstellung begreifen! Man wird denken, du hättest dich schon jetzt um diesen Nord-Süd-Jahrtausendkonflikt gekümmert und dich künstlerisch daran abgearbeitet! Deine Kral-Bilder werden Millionen wert sein!" "Wirklich?" "Ja! ‚Zwei Neger* bauen Hütte**‘ wird bei
Joachim Lottmann
2. Dez. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 19
Es gab überhaupt keinen Moment, wo ich wahrnahm: 'oh, dieser Mensch dort könnte mit dem Künstler Warhol identisch sein', dieser Moment, den man hat, wenn man Fernsehstars im wirklichen Leben trifft. Ich wußte von vornherein, aha, der ist auch da, ist ja schön. Ich ging auf ihn gemächlich zu, nickte, er nickte überaus freundlich zurück, sodaß ich ihm die Hand gab. Er hatte keine Berührungsscheu, was man schon daran sah, daß er den homosexuellen Jungen dauernd an den Hintern fa
Joachim Lottmann
18. Nov. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 18
Er schaute mich erstaunt und pikiert an. Das war nicht sein Tonfall. Er kam noch aus der alten Hippie-Schule, liebte aufrichtig seine Freundin und verehrte die Frauen im Ganzen und die Menschen im Besonderen. Ich war schon wieder dabei, den Mann sozusagen innerlich zu denunzieren. Ich war ein schlechter Mensch. Ich dachte schlecht vom Nächsten. „Na, Walterchen, ist gestern mal wieder 'n bißchen spät geworden, was?“ Ich sagte das so mitfühlend wie ich konnte. ''Oh nein, ich tr
Joachim Lottmann
4. Nov. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 17
Ich ging die Lindenstraße hoch, die Hände in den tiefen Taschen des mausgrauen Filzmantels vergraben. Ich versuchte, mich an früher zu erinnern, zum Beispiel an die Anfänge meiner Freundschaft mit Diederichsen. Mir fiel aber nichts ein. Ich besaß keine Wurzeln. Es gab mich gar nicht. Ich mußte mich richtig zwingen, wobei ich Kopfschmerzen bekam, die gewöhnlichen Sätze zu denken: Wir haben Fußball gespielt. Wir waren Kinder. Die Eltern von Diederichsen hatten einen Garten mit
Joachim Lottmann
25. Okt. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 16
Was sollte ich tun? Irgendwas an seinen Ausführungen hatte etwas Bestechendes. Er hatte mich am Genick. Er bellte immer lauter. Ich versank in Gedanken. Hatte ich nicht tatsächlich einmal Artikel in deutschen Zeitschriften geschrieben, noch dazu sogenannten „Zeitgeist“-Zeitschriften, und waren in diesen Artikeln nicht auch Menschen vorgekommen, Menschen, die ich gut gekannt hatte und die mir anschließend spinnefeind waren? "Tja, ich gebe zu, ich habe einmal für dieses Zeitgei
Joachim Lottmann
17. Okt. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 15
Noch ganz geschwächt, traf ich am hellen Nachmittag Kunstkritiker Diederichsen, als ich die Schwungtüre des Broadway Cafés benutzen wollte. Er kam mir entgegengerauscht, sah mich aber um Sekunden später als ich ihn. So hielt ich inne und ließ ihn die Schwungtüre als erster passieren. Da ich so lange das Bett gehütet hatte, freute ich mich über jeden Bekannten, den ich in ein Gespräch ziehen konnte. In den Sekunden, in denen er, ganz mit sich selbst beschäftigt, mich noch nich
Joachim Lottmann
4. Okt. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 14
Alles hatte ich falsch gemacht. Freunde besaß ich nicht. Draußen kotzten wildfremde Menschen. Der Mann, der sich 'Alfred' nennen ließ, war in Wirklichkeit... „Hey, wann wird denn das Klo mal frei? Hier muß jemand reihern!" Ich drehte mich um, umarmte den Mann - es war der Freund von Tanja Drinhausen. Ich schluchzte: "Wo sind meine Freunde? Wo ist mein Bruder? Sie haben mich verlassen! Weil ich sie alle denunziert habe!" „Na na! Was ist denn hier los...?" "Ich war immer so sel
Joachim Lottmann
23. Sept. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 13
"Also zwanzig Videofilme gleichzeitig," rekapitulierte ich, "und was soll auf diesen Filmen draufsein?" "Wichtig ist, daß ich die Förderung bekomme. Das deutsch-französische Kulturförderwerk bezuschußt das alles, zahlt den technischen Teil und ein persönliches Stipendium in Paris." "Keine Bange. Ich bin mir sehr sicher, daß du damit durchkommst. Das ist bestimmt die Art von Wortschrott, auf den solche Bürokratenhanseln reinfallen... Sie war schon beim nächsten, also beim über
Joachim Lottmann
16. Sept. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 12
Offenbar konnten sich Cosima und Krebber nicht darauf einigen, wie sie gegen die Party, also die unerhörte Mißbrauchung ihres Namens vorgehen sollten. Sie glaubten noch an das bürgerliche Individuum. Um diesem Glauben entgegenzuarbeiten ließ ich nun Sekt ausschenken. Wir hatten dreißig Flaschen beste Hausmarke auf Lager, und der Bar-Cocktail-Mixer hatte uns gesagt, dieser Sekt erhöhe noch einmal die Wirkung der 'Suppe'. Wen die 'Suppe', noch nicht gekillt hatte, der bekam du
Joachim Lottmann
6. Sept. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 11
Ich wandte mich ab. Buchholz, der in einer Tageszeitung gerade innerhalb eines Galerie-Tests zum 'Nettesten Galeristen Kölns' erkoren worden war, kümmerte sich mit einer Engelsgeduld um den aufgeputschten Mann. In dem Galerie-Test hatte sich ein Reporter als armer Student verkleidet, hatte sich alte Jeans angezogen und war von Galerie zu Galerie gelaufen, naive Fragen stellend. Außer bei Buchholz war er überall unsanft vor die Tür gesetzt worden. Ich wandte mich gerade rechtz
Joachim Lottmann
19. Aug. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 10
Dummerweise probierte ich den 'Stoff' als erster. Der 'Stoff' wurde aus einem 50-Liter-Benzinkanister per Benzinpumpe gepumpt. Beides, Kanister und Pumpe, hatte der Mixer-TYP - er hieß Alfred mitgebracht, sowie Spirituosen für fünfhundert Mark. Auf den Benzinkanister malte er einen schwarzen Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen. Nachdem ich ein paar Schluck probiert hatte, war der Abend nicht mehr derselbe. Von da an war alles anders. Gleichzeitig drängten von Außen unerwart
Joachim Lottmann
5. Aug. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 9
Insgesamt hatte ich nahezu ein ganzes Jahr lang gearbeitet. Mehr als jeder in Köln lebende oder auch tote Künstler. Nun mußte ich in Köln meinen Weg machen, egal in welchem Bereich, denn in Köln war jeder Bereich Kunst und kein Bereich Arbeit. Köln war die modernste Stadt Europas, genau aus diesem Grunde. Hier tobte bereits die allumfassende Freizeitgesellschaft der kommenden Jahrhundertwende, hier war Joseph Beuys Satz 'Jeder Mensch ist ein Künstler' schon im Vorwege Wirklic
Joachim Lottmann
29. Juli 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 8
Gewiß hatte auch mich das 'Klein-Köln' schon einmal gerührt, wenn auch nur für Minuten. Vielleicht waren es nur Sekunden. Und unbestreitbar hatte selbst Daniel Buchholz sich einmal, mindestens einmal dort sehenlassen. Irgendeine Art hohen Gefühlswert mußte dieses Lokal, das es in jeder Stadt der Welt mit mehr als einem Künstlergab, wohl haben. Wo immer sich zwei oder mehr Künstler abens trafen, zwischen Hongkong und Zürich, gab es zum Kehraus Hans-Albers-Geschnulze in rötlich
Joachim Lottmann
22. Juli 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 7
Im 'Dos Meckis' verkehrte Daniel Buchholz, ein junger Spund, der wie im Märchen die interessanteste Galerie der Stadt von seiner Mutter geerbt hatte. Als ich ihn sah, drückte ich ihm das neueste Plakat in die Hand, jenes, auf dem wir uns von Drogen distanzierten. "Wieso denn das? Dann ist doch alles nicht mehr aufregend!" Er trug lange blonde Haare, wie sie heranwachsende Jugendliche in französischen Bürgerfamilien seit hundert Jahren zu tragen pflegten. 'Lange Haare' stand d
Joachim Lottmann
3. Juli 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 6
Wir liefen durch die Straßen. Das reine Glück. Die vielen Geschäfte, all die netten Menschen. Kölner seit zweitausend Jahren. Hennes & Mauritz. Die gute Musik zog einen hinein, in den Hennes & Mauritz Shop. Ich wurde gleich noch besser gelaunt. "Ästhetik für Alle! Darum geht es hier, das ist das Prinzip dabei. Ist das nicht wundervoll und demokratisch? Das ist: FORTSCHRITT!" Alles sah schick aus, nichts kostete mehr als neununddreißig oder neunundfünfzig Mark. Eine echte Erru
Joachim Lottmann
10. Juni 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 5
Die Akademie war ohne Beuys auch nichts anderes mehr als eine studentoide Studenten- universität, wie sie in jeder blöden mitteleuropäischen Kleinstadt zu finden war, etwa Heilbronn, Hildesheim, Hannover, Heidelberg. Das hatte mit dem sogenannten Klüngel zu tun, dem Kölner, der sich hinter den Kulissen im Bundesverband Deutscher Galerien durchsetzen konnte. Ein paar Jahre noch klotzte Düsseldorf mit lustigen, aufwendigen Mammutsondermessen dagegen an, etwa mit der internation
Joachim Lottmann
2. Juni 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 4
... Die 92 Partys mußten bewältigt werden. Neue Discotheken schienen extra für die Messe aufgemacht worden zu sein. Und überall die enervierende Acid House Musik, die einem schnell auf den Wecker ging. Ein harmloser Aquarellist lief mit 350 Trips am Kölner Glitzer-Flughafen in die Zollfahndung: "Das sind genau fünf Jahre", meinte der Barmixer wütend. Offenbar war er ein Freund des harmlosen Aquarellisten. Fünf Jahre Knast, Klingelpütz, auf jeden Fall: er wollte mit Drogenpart
Joachim Lottmann
14. Apr. 2019


„Man will immer, daß es auf die Welt kommt…“
Joachim Lottmann im Interview mit Thomas Draschan über die späte Veröffentlichung von ‚Die Frauen, die Kunst und der Staat‘ (Teil 2): Thomas Draschan: Wie ging es nach dem Skandal für Sie weiter? Der nächstfolgende Roman war ja „Mai, Juni, Juli“. Joachim Lottmann: Der war vorher. Draschan: Okee… Wie haben Sie sich dann aufrappeln können, das nächste Buch zu schreiben? Lottmann: Ich möchte, mit Verlaub, noch ein bißchen bei „Die Frauen, die Kunst und so weiter“ bleiben. Es
Thomas Draschan
24. März 2019


Die Frauen, die Kunst und der Staat 1
Sicherlich überquerten schon viele Frauen mit gelben Polluvern die Straße vor dem Hotel, in dem ich im Winter 88/89 wohnte, ein knappes Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende. Autos, die fuhren, Radfahrer dazwischen, Menschen, Fußgänger in Eile, eine Synagoge, Zebrastreifen, Asphalt, vierstöckige Wohnhäuser aus den 50er, vielleicht 30er Jahren: alles war wie immer. Der einzige Fensterausblick in der ganzen Stadt, wo alles wie immer war, wie VOR meiner Zeit. Und damit sei dies abg
Joachim Lottmann
14. März 2019


Die Frauen, die Kunst und der Staat 2
... Und doch: Die Welt der Bilder begann mich nach und nach zu faszinieren. Kein Tag, an dem ich nicht ein paar Stunden durch die Kojen stromerte. 165 Galerien aus 53 Ländern, das machte 112 Partys nach Ladenschluß und 98 schöne deutsche Frauen in 79 hellgrauen Kostümen mit summa sumarum 196 über- und untergeschlagenen aufreizend schlanken Beinen. Die Party, die ich veranstaltete, mußte natürlich GANZ ANDERS werden als die 112 Galeristenpartys. Schöne Frauen... Acid... Extasy
Joachim Lottmann
14. März 2019


Die Frauen, die Kunst und der Staat 3
...An sich hatte ich nichts gegen Künstler. Einige meiner besten Freunde waren Künstler gewesen. Aber nun mußte ich diesen Roman schreiben, um mein Zimmer abzugelten, ausgerechnet im Künstlerhotel, und das ließ diese Abart von Homosapiens wieder in mein Blickfeld rücken, diesmal schärfer und greller und gruseliger denn je. Schon einmal, 1982, hatte ich einen Sommer mit Künstlern verbracht und war dabei böse traumatisiert worden. Bildmenschen waren sie, allesamt. Das Wort galt
Joachim Lottmann
14. März 2019


„Kippenberger wurde durchaus geliebt“
Der Autor Joachim Lottmann im Interview mit dem Wiener Extremkünstler Thomas Draschan über den Roman „Die Frauen, die Kunst und der Staat“ von 1988, der nun erstmals veröffentlicht wird (Teil 1): Thomas Draschan: Man spricht jetzt davon, das Buch sei vor genau dreißig Jahren geschrieben worden. In welchem Zeitraum ist das Buch genau entstanden? Joachim Lottmann: Mehrere Elemente kamen zusammen. Anfang Oktober 1988 lernte ich Caroline von Nathusius kennen. Fast zeitgleich
Thomas Draschan
8. März 2019
Das Fritz Brinckmann Buch 79
79. Kapitel 18.5.1978 Ein Weiterlaufenlassen wie bisher wäre falsch. man sollte mehr konkrete Interessens- gemeinsamkeiten haben, damit es nicht weiterhin zu überschwappenden Theoriedebatten kommt, die mich überfordern, mich häufig zum 'Verlierer' stempeln und mir langsam alle Lust rauben. Daher die Idee, eine Arbeitswohnung zu beziehen, Diedrich, Stephan und ich. Freizeit und Theorie draußen in der Welt, beim Kapitalismus und bei den Knackis sowie dem Restprozent, Arbeit u
Joachim Lottmann
28. Okt. 2018
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