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Das Fritz Brinckmann Buch 53
53. Kapitel 18.1.1978 Blick links aus dem Fenster des Lesesaales: grauer Beton, mit keiner seelischen Energie besetzt. Ein Gefühl wie das Ansehen amerikanischer Serienkrimis: Verlorenheit. Ich ging über zu Primärliteratur, las eine halbe Stunde Benn. Kurios: Benn interessiert mich brennend, immer wieder finde ich mich vor einem Bennbuch sitzend, aber doch überfliege ich alle Zeilen, bin mit den Gedanken woanders, weiß nicht einmal, ob ich nicht alles zum zweiten- oder xtenm
Joachim Lottmann
16. Apr. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 52
52. Kapitel 14.1.1978 Ich: Ja. Immer nett sein. Nett und freundlich. Ja. Annerose: Wo kommst du her? Ich: Ich war mit Nici und dem Dingsda weg, ich bin mit ihr und dem… na du weißt schon, dem Dings... im Auto rumgefahren, kreuz und quer. Die schöne Nici saß vorne. Annerose: Die dämliche Nici! Ich: Die geheimnisvolle Nici... Annerose: Die doofe Nici, die doofe häßliche Nici! Ich: Die schöne geheimnisvolle Nici... Annerose: Einen - Kuß. Einen - Kuß. Äää! Ich: Was macht Triefa
Joachim Lottmann
9. Apr. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 51
51. Kapitel 11.1.1978 Schrecklich! Diedrich und Nici zwangen mich, einen Rock-Hudson-Film anzusehen. Rock Hudson ist ihr gemeisamer Lieblingsschauspieler. Kurz die Handlung: Durch allerhand witzige Zufälle kommt es an den Tag: Rock Hudson kann Akkordeon spielen. Doris Day überredet und überrumpelt ihn, bei der Feier der Ehemaligen ihres Colleges aufzutreten. Hudson sagt zu, weil er gegen das schnelle aber keinesfalls geistreiche Mundwerk von Doris nicht ankommt. .Auf-hö-ren
Joachim Lottmann
2. Apr. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 50
50. Kapitel 1.1.78 Offener Brief an Annerose Liebe Annerose, wohltuend ist es, dich wieder rege beschäftigt zu sehen. Man sieht dich nur stundenweise, deine Zeit ist begrenzt und damit kostbar, du bist insgesamt aufgeweckt und schlagfertig. Wann immer ich dich nach dem Schulabgang kritisierte, war es wegen deiner Inaktivität (die mich selbst immer daran hinderte, etwas zu tun). Ich dachte immer: Der Geist bewegt die Welt, man muß sich für diese Welt interessieren und das he
Joachim Lottmann
26. März 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 49
49. Kapitel 4.1.1978 Annerose setzt sich durch: wir fahren zu Maddel Sinios. Für nur 150 Mark hat er ein ganzes Haus gemietet, am Waldrand. Soso. Wir fahren also durch Barmbek, Wandsbek, Bramfeld, Bad Bramstedt, Hoisbüttel, Krukendorf, Reddingstedt, kriechen deprimiert nach Norden, passen uns der hier üblichen Höchstgeschwindigkeit von 12 Stundenkilometern an. Hier verliert alles seine Farbpigmente, erschrocken sehe ich, wie auch Anneroses Haare ausbleichen und ihre Augen
Joachim Lottmann
19. März 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 48
48. Kapitel 4.1.1978 Das Telefon schrillt, ich sage: Lass es, es ist doch nur Frau Bücklers, gehe dann aber doch ran. „Ja, hier ist die Mutti. Ich wollte ja nur einmal fragen, zahlt die Mutter denn wieder?“ Ich werfe das Telefon zu Annerose hinüber, die gerade geschlafen hatte. Soll SIE doch mit IHRER Mutti machen, was sie will. Annerose legt wieder auf, ist aber wach geworden. „Lojo, ich hab gerade geträumt!“ „Na, sowas! Aber laß mich bitte in Ruhe, ich möchte gern das hie
Joachim Lottmann
12. März 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 47
47. Kapitel 1.1.1978 In der zugigen Wohnung, zur Zeit der Dämmerung, sitzt Olaf Moll auf meinem Bettrand, aschfahl im Gesicht. Mit vollen Kleidern liege ich unter dem schweren Wintermantel, gähne, strecke mich, stelle die verklebten Augen auf das trübe Licht ein, erkenne, daß Freundin Ira, die auf den Boden gerutscht ist, sich auf eine Studentenmatratze gesetzt hat. Es ist der Tag nach Silvester, die Fernsehsendungen laufen bereits, draußen knallen noch Feuerwerkskörper, es
Joachim Lottmann
5. März 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 46
46. Kapitel Eben war ich in 'Kirschen in Nachbars Garten'. Anschließend traf ich Frau Bücklers in der Wrangelstraße. Frau B.: Die Oma sagt, sie hat dir das Geld entzogen, weil du dich damals nicht bedankt hast. Lojo: Oh, ich habe mich bedankt, mündlich und schriftlich, ich habe schöne konventionelle Dankesworte gefunden, aber das war es nicht, was sie sich erhofft hatte... Frau B.: Ja. Man soll sich immer bedanken. Ein paar nette Worte. Eine kleine Karte. Man muß nur nett se
Joachim Lottmann
26. Feb. 2018
Das Fritz Brinkmann Buch 45
45. Kapitel 29.12.1977 Ich habe die kleine Eigenart, immer dann, wenn ich viel zu früh geweckt werde und es noch dunkel und sehr kalt ist und neben mir ein junges, warmes, schlafendes, nicht schnarchendes, sondern vielleicht träumendes Mädchen liegt, schmusen zu wollen. So auch heute. Eine gute halbe Stunde lang tat ich mich gütlich, dann machte ich mich frei, stand auf, rieb die Augen, rief: „Annerose, aufstehen! In zwei Minuten fahre ich! Geschminkt wird heute nicht!“ Tat
Joachim Lottmann
20. Feb. 2018
Das Fritz Brinkmann Buch 44
44. Kapitel 28.12.1977 Diedrich war endlich gegangen, es war 23 Uhr, ich setzte mich an den Schreibtisch. Gunhild stupste mich auf meine Couch, setzte sich auf meine Lenden und machte Scherze. Selbstgefällig machte ich die müden Witze mit. Natürlich fühlte ich mich gestört und glaubte, sie bald wieder loszusein, doch nach einigen Minuten, in denen sich ein Ende nicht ankündigte, hob sie den Rock und begann, da sie darunter nichts anhatte, meine Hose zu öffnen und auf mir zu
Joachim Lottmann
13. Feb. 2018
Das Fritz Brinkmann Buch 43
43. Kapitel 26.12.1977 Ich war mit Annerose allein und sie, warum soll ich es nicht sagen, plapperte mich voll, wie immer. Unkritisch und ehemannhaft hörte ich zu, brummte manchmal und griff dann zur Zeitung. Wie in den Filmen. Ehemänner reden nicht, brummen nur wohlwollend, während die Ehefrauen etwas Aufgewecktes und Kindliches an sich haben, schlagfertig und lebensklug-praktisch sind. Früher entwickelte ich die These der Sprachlosigkeit des Unterdrückten, d.h. in allen B
Joachim Lottmann
5. Feb. 2018
Das Fritz Brinkmann Buch 42
42. Kapitel 25.12.1977 Ich saß und sagte nichts dazu. Alle wollen, daß ich zuhöre, das ist nun mal meine Rolle: Dabei soll ich ein sehr lebhaftes Kind gewesen sein. Doch schon nach wenigen Jahren begann es, daß ich stumm wurde, jedenfalls am Mittagstisch, so wie jetzt. Genug! blaffte ich, und sagte, ganz Ehemann: Ich habe zu tun, entschuldige bitte. Ich ging zur Bibliothek. Eine Liste mit vierzehn Leuten, die ein Buch bekommen sollten, ich rückte die Lampe näher. Wundervoll
Joachim Lottmann
29. Jan. 2018
Das Fritz Brinkmann Buch 41
41. Kapitel 6.12.1977 Annerose hat einen neuen Liebhaber. Ich habe ein neues Buch: Frieda Grafes „Im Off“. Anneroses Liebhaber heißt Omigosh. Er sitzt in der Küche unserer ehelichen Wohnung. In meinem neuen Buch geht es um Filmsprache. Soll ich mich in der Küche dazusetzen, Wird es elendes Schmierentheater, dem ich mich entziehen sollte: „Kinder, das Herz, das Herz“, (Omi), oder sollte ich es mitmachen, um die Machbarkeit der Szene, das Funktionieren vermeintlicher Realitä
Joachim Lottmann
22. Jan. 2018
Das Fritz Brinkmann Buch 40
40. Kapitel Im November 1977 Tibetanisches Totenbuch: in den Jahren 1976 bis 1979 wurde jeweils am 1. sowie am 15. jeden Monats folgendes Gespräch geführt: Lojo: Hallo! Eva, Jan: Na? Lojo: Na? Ich war gerade in der Uni. Jan: Scheußlich, was? Lojo: Ja, ja. Ich kam mal wieder mit meinem Nadelstreifenanzug... Jan: Man fühlt sich so angenehm bürgerlich, im Anzug, unter all diesen Linken, diesen Schwachköpfen. Lojo: Ich weiß, du hast mal gesagt: ich bin ein Bourgeois, und ich b
Joachim Lottmann
15. Jan. 2018
Das Fritz Brinkmann Buch 39
39. Kapitel Einen Tag später war die problematische Simone durch Telse ersetzt, die ich als Befehlsempfänger gebrauchen konnte wie ich wollte. Außerdem fuhr sie, nicht Nici, und für ein gutes Programm war auch gesorgt. Man wollte Juana (die jüdische Intelligenz), Olaf Moll (Frankfurter Schule). diverse Wégés, Eva und Jan, den spektakulären Nietzsche-Film, den Straßenstrich, die dort liegenden Bars und die Peep-Show besuchen. Ich hatte Kopfschmerztabletten dabei, hatte vorher
Joachim Lottmann
8. Jan. 2018
Das Fritz Brinkmann Buch 38
38. Kapitel Ich gehe stur chronologisch vor und beginne mit der Nici-Szene: (Im Moment kämpfe ich gegen Carmina Burana, ein an chinesische Freiheitsopern erinnerndes Annerose-Bücklers-Frühwerk, eines der seit nunmehr fünf Jahren unveränderten Anneroseelemente wie Mott the Hoople, Stricken, Geschichten wie "lieber ein dicker lieber Papa als ein dünner böser", Gespräche über die freie Zweierbeziehung u.v.a. Außerdem kämpfe ich gegen die Folgeerscheinungen des Frühstücks, von d
Joachim Lottmann
1. Jan. 2018
Das Fritz Brinkmann Buch 37
37. Kapitel 18.11.1977 Nici blieb unbeweglich stehen, obwohl sie mich gesehen hatte. Als ich nähergekommen war und sie erkannt hatte, sagte sie: "Ich wußte, daß du kurzsichtig bist und wollte sehen, ob und wann du mich erkennst." Später verstand ich nicht, warum ich sie nicht umarmt hatte. Diedrich fiel mir ein. Was der wohl gesagt hätte, er war doch mit ihr verabredet, gerade als ich kam. Also ich ging auf sie zu, sah sie artig an, ging an ihr vorbei, stellte den Koffer hi
Joachim Lottmann
25. Dez. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 36
36. Kapitel 16. November 1977 Annerose wäscht ab. Sie hat das Radio dabei laufen. Ich sitze am Schreibtisch. Nichts fällt mir ein. Ich halte mich streng an die Chronologie, vielleicht geht es: "Nachdem ich den letzten Eintrag geschrieben hatte, las ich ihn Ulf Bertheau vor, mit dünner, oft durchfallender Stimme. Ulf hatte überraschend aufmerksam zugehört, ohne sich besonders konzentriert zu haben. Er hat eine Dachkammer, oben im Bertheau-Prunkhaus, man erwartet es nicht, na
Joachim Lottmann
18. Dez. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 35
35. Kapitel 13. November 1977 Dekadenztag, gestern. Ich fuhr 128 Kilometer im Stadtverkehr, es war Wochenende, Sonnabend. Den ganzen Tag über unbefriedigt, ließ ich mich auf jeden Vorschlag ein. Sobald ich in irgendeiner Küche oder einem Gemeinschaftszimmer saß, schien sich Unruhe unter den Leuten zu verbreiten, vielleicht strömte ich sie aus, und man setzte sich zu einem neuen Ziel in Bewegung, ich an der Spitze. Ich wollte mich auch nicht schonen, wollte mit dem Schwierig
Joachim Lottmann
12. Dez. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 33 und 34
33. Kapitel 6. November 1977 Angela, Corinna, Corinnafreund und ich im Nolde-Museum, in der Nolde-Caféteria. Niemand sagt etwas, doch nur mir ist es peinlich. „Habt ihr keine Kinder?“ frage ich, bekomme die übliche Antwort: keine Kinder in diese kaputte Gesellschaft. Die Terroristenhetze! "Wenn ich das Radio anstelle, und jedes zweite Wort geht über diese Terroristenhetze, diesen ganzen Rummel, diesen Blödsinn'. sagt der Corinnafreund. Er kommt in Fahrt. Ich denke: die Terr
Joachim Lottmann
4. Dez. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 32
32. Kapitel 5. November 1977 21 Jahre alt, weiße Lederschuhe, Khakihose, weißes Hemd - so drängte ich mich durch Hunderte häßlicher Jugendlicher, in der Bauerndisco „Trichter“. VOR der Disco ein Bild für Ästheten: eine hellweiße Neonröhre taucht die herumstehenden Jugendlichen, die Dreckpfützen, die Jugendlichen-Autos, die umstehenden Häuser, Scheunen und Schuppen in die Studio-Atmosphäre alter, mythisch-verbrämter Hollywood-Filme der 50er Jahre. ICH mochte diese Filme noch
Joachim Lottmann
27. Nov. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 31
31. Kapitel 4. November 1977 Eben im Café hatte ich eine Auseinandersetzung, die typisch für das Verhältnis Lojo/Hamburg war. Wann immer ich in das Uni-Viertel komme, treffe ich auf den einen oder anderen alter Bekannten oder gerade frisch Kennengelernten, auf einen neuen Seminarkollegen oder eine Blondine, der ich bei der Vorlesung die Hand aufs Knie gelegt habe. Als ich ins Café Neumann trat, tat ich es bereits mit der leichten Erwartung, irgend so ein neues Gesicht zu sehe
Joachim Lottmann
20. Nov. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 30
30. Kapitel 1. November 1977 Ich hatte Telse, Kerrin und Kelle im Seminar getroffen und war mit Telse zu ihrer Wohnung gefahren. "Eine leichte Sache", dachte ich. Ich würde mich schon in keine verkrampften Gespräche einlassen. Tatsächlich bewegte ich mich zunächst in der fremden Wohnung "wie zu Hause", telefonierte mit Diedrich, Nici und Sylvana, machte Abendbrot, rochierte zwischen den Zimmern. Dann aber saß ich doch Telse von Angesicht zu Angesicht gegenüber und meine hei
Joachim Lottmann
13. Nov. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 29
29. Kapitel 27. Oktober 1977 Gestrandet! Angela und ich an einem Tisch sitzend, jeder auf seinem Platz, weiße Wände, Uhrenticken, Gespräch. Die Tür hatte ich hinter mir geschlossen. Es war 23 Uhr 30, wir waren allein, im ganzen Haus rührte sich nichts mehr. Die Szene hätte auch im Auto, oder bei Tag, oder in einem Hotelzimmer? Nein, nicht Hotelzimmer... Wichtig war, daß wir allein waren und nichts weiter zu tun hatten als zu reden. Wie ehrlich ich doch bin! Wie unfähig zu red
Joachim Lottmann
6. Nov. 2017
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