top of page

Haiku

Auf der Terrasse eines geschlossenen Cafés Trotz allem bestell' ich einen neuen Tag, einen verlängerten

Silvester 1987 - Ein Dialog

(Es ist Sonntag Nachmittag, sogar früher Nachmittag, der dreizehnte Feiertag in Folge. Der Himmel ist düster, fast schwarz: Seit dreizehn Tagen feiern Yuppies Weihnachten, Sylvester, Neujahr, verlängertes Wochenende, Urlaubsbrücke und so weiter. Es nimmt kein Ende, jedenfalls kein gutes. Die Leute sind fix und fertig. Die Überdosis Konsum und Freizeit hat auch die Besten unseres Landes zermürbt. Ich gehe spazieren und treffe mitten auf dem Eppendorfer Baum in Hamburg meinen a

Die Frauen, die Kunst und der Staat 20

Wir gingen wieder nach draußen. Dahn war beunruhigend still geworden, sodaß ich ihn glaubte aufmuntern zu müssen: "Walter, in zehn Jahren wird man deine Neger*knochenbilder als geniale Voraus-Schau dieser zukünftigen Themenstellung begreifen! Man wird denken, du hättest dich schon jetzt um diesen Nord-Süd-Jahrtausendkonflikt gekümmert und dich künstlerisch daran abgearbeitet! Deine Kral-Bilder werden Millionen wert sein!" "Wirklich?" "Ja! ‚Zwei Neger* bauen Hütte**‘ wird bei

Die Frauen, die Kunst und der Staat 19

Es gab überhaupt keinen Moment, wo ich wahrnahm: 'oh, dieser Mensch dort könnte mit dem Künstler Warhol identisch sein', dieser Moment, den man hat, wenn man Fernsehstars im wirklichen Leben trifft. Ich wußte von vornherein, aha, der ist auch da, ist ja schön. Ich ging auf ihn gemächlich zu, nickte, er nickte überaus freundlich zurück, sodaß ich ihm die Hand gab. Er hatte keine Berührungsscheu, was man schon daran sah, daß er den homosexuellen Jungen dauernd an den Hintern fa

Die Frauen, die Kunst und der Staat 18

Er schaute mich erstaunt und pikiert an. Das war nicht sein Tonfall. Er kam noch aus der alten Hippie-Schule, liebte aufrichtig seine Freundin und verehrte die Frauen im Ganzen und die Menschen im Besonderen. Ich war schon wieder dabei, den Mann sozusagen innerlich zu denunzieren. Ich war ein schlechter Mensch. Ich dachte schlecht vom Nächsten. „Na, Walterchen, ist gestern mal wieder 'n bißchen spät geworden, was?“ Ich sagte das so mitfühlend wie ich konnte. ''Oh nein, ich tr

Die Frauen, die Kunst und der Staat 17

Ich ging die Lindenstraße hoch, die Hände in den tiefen Taschen des mausgrauen Filzmantels vergraben. Ich versuchte, mich an früher zu erinnern, zum Beispiel an die Anfänge meiner Freundschaft mit Diederichsen. Mir fiel aber nichts ein. Ich besaß keine Wurzeln. Es gab mich gar nicht. Ich mußte mich richtig zwingen, wobei ich Kopfschmerzen bekam, die gewöhnlichen Sätze zu denken: Wir haben Fußball gespielt. Wir waren Kinder. Die Eltern von Diederichsen hatten einen Garten mit

Die Frauen, die Kunst und der Staat 16

Was sollte ich tun? Irgendwas an seinen Ausführungen hatte etwas Bestechendes. Er hatte mich am Genick. Er bellte immer lauter. Ich versank in Gedanken. Hatte ich nicht tatsächlich einmal Artikel in deutschen Zeitschriften geschrieben, noch dazu sogenannten „Zeitgeist“-Zeitschriften, und waren in diesen Artikeln nicht auch Menschen vorgekommen, Menschen, die ich gut gekannt hatte und die mir anschließend spinnefeind waren? "Tja, ich gebe zu, ich habe einmal für dieses Zeitgei

Die Frauen, die Kunst und der Staat 15

Noch ganz geschwächt, traf ich am hellen Nachmittag Kunstkritiker Diederichsen, als ich die Schwungtüre des Broadway Cafés benutzen wollte. Er kam mir entgegengerauscht, sah mich aber um Sekunden später als ich ihn. So hielt ich inne und ließ ihn die Schwungtüre als erster passieren. Da ich so lange das Bett gehütet hatte, freute ich mich über jeden Bekannten, den ich in ein Gespräch ziehen konnte. In den Sekunden, in denen er, ganz mit sich selbst beschäftigt, mich noch nich

Die Frauen, die Kunst und der Staat 14

Alles hatte ich falsch gemacht. Freunde besaß ich nicht. Draußen kotzten wildfremde Menschen. Der Mann, der sich 'Alfred' nennen ließ, war in Wirklichkeit... „Hey, wann wird denn das Klo mal frei? Hier muß jemand reihern!" Ich drehte mich um, umarmte den Mann - es war der Freund von Tanja Drinhausen. Ich schluchzte: "Wo sind meine Freunde? Wo ist mein Bruder? Sie haben mich verlassen! Weil ich sie alle denunziert habe!" „Na na! Was ist denn hier los...?" "Ich war immer so sel

Die Frauen, die Kunst und der Staat 13

"Also zwanzig Videofilme gleichzeitig," rekapitulierte ich, "und was soll auf diesen Filmen draufsein?" "Wichtig ist, daß ich die Förderung bekomme. Das deutsch-französische Kulturförderwerk bezuschußt das alles, zahlt den technischen Teil und ein persönliches Stipendium in Paris." "Keine Bange. Ich bin mir sehr sicher, daß du damit durchkommst. Das ist bestimmt die Art von Wortschrott, auf den solche Bürokratenhanseln reinfallen... Sie war schon beim nächsten, also beim über

Die Frauen, die Kunst und der Staat 12

Offenbar konnten sich Cosima und Krebber nicht darauf einigen, wie sie gegen die Party, also die unerhörte Mißbrauchung ihres Namens vorgehen sollten. Sie glaubten noch an das bürgerliche Individuum. Um diesem Glauben entgegenzuarbeiten ließ ich nun Sekt ausschenken. Wir hatten dreißig Flaschen beste Hausmarke auf Lager, und der Bar-Cocktail-Mixer hatte uns gesagt, dieser Sekt erhöhe noch einmal die Wirkung der 'Suppe'. Wen die 'Suppe', noch nicht gekillt hatte, der bekam du

© 2016-24 bei den Autoren und Künstlern der Gesellschaft

bottom of page