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Das Fritz Brinkmann Buch 24 und 25
24. Kapitel 20.10.1977 Brief an Angela Marcus, Gärtnerstraße 52. Liebe Angela, „eindringliches Geflüster“ nannte ich es, als ich die erste Nacht im Seekamp schlief, morgens um 6 der Wecker klingelte und nicht der verschlafene, sacht grunzende Marc wach wurde, sondern du. Über eine Stunde ging das, und mir wurde klar, trotz Drogenkopf, daß da ein quicklebendiges Mädchen am Werk war, gesund, liebevoll und lebensfroh, ein Wesen, das das Leben schätzt und die Destruktion bekämpft
Joachim Lottmann
8. Okt. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 23
23. Kapitel 19. Oktober 1977 Inzwischen ist der dritte Uni-Tag und der achte Simonetag und alles nervt mich: Mit Simone habe ich eine richtige Zweierbeziehung, die fünfzig Prozent des Tages kostet. Der Rest ist Uni, jedoch wird es weniger... heute war ich kaum noch da, gestern vielleicht drei Stunden, vorgestern sieben. Neue Leute lerne ich nicht mehr kennen, weil... auch noch Diedrich und Annerose da sind. Annerose raubt mir wertvolle Stunden, Diedrich verhindert neue Unik
Joachim Lottmann
2. Okt. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 22
22. Kapitel 16. Oktober 1977 Weiter die Geschichte von meiner Transplantation in eine fremde Welt (wird mich das fremde Gewebe abstoßen?). Also: Maria und ich saßen in der Küche, ich hatte gerade die letzten Seiten geschrieben. Ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte. Viel Geduld hatte ich nicht, schon bald griff ich zu den Seiten und zeigte sie ihr (während ich dies schreibe, sitze ich im ersten Stock des Seekamp, unten spielt Ton Steine Scherben, das Telefon klingelt,
Joachim Lottmann
25. Sept. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 21
21. Kapitel 14. Oktober 1977 Eben tauschte ich die Carola-Bücklers-Küche gegen den Fußboden von Angeles Zimmer: mal sehen, ob es tatsächlich "vibrations" gibt. In der Küche jedenfalls wurde ich matt und schwach. "Wenn man Hilfe braucht, allein bleiben!", dieser Ingrid-Oesten-Rat wurde gestern Nacht noch widerlegt. Dreißig Minuten lang setzte ich mich in die Ecke und schrieb wahllos Zeilen auf unsauberes Seekamppapier, und schon wurde ich ein bißchen lebendiger. Im Hintergrund
Joachim Lottmann
18. Sept. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 20
20. Kapitel 12. Oktober 1977 Einen ganzen Tag lang fuhr ich U-Bahn, änderte ein ums andere mal mein Ziel, schon die Ahnung eines blonden Mädchenhinterkopfes ließ mich die Bahn wechseln. Wie ein Betrunkener, Frischverliebter oder Selbstmörder nahm ich Kontakt zu fremden Menschen auf. Mit drei Jugendlichen fuhr ich eine Stunde lang bis nach Barmbek, ein Mädchen wollte ich gerade zum Tee einladen, als ich von einem Kontrolleur erwischt wurde und aussteigen mußte. Das Mädchen,
Joachim Lottmann
11. Sept. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 19
19. Kapitel 6. Oktober 1977 Das Treffen mit Prof. Dr. Hillmann macht mir Sorge. Annerose und die Französin sind wieder da, ich fahre sie durch den Rush-hour-Verkehr, zu Thorsten, fahre selbst nach Hause, mache mir eine weitere Kanne Kaffee und schreibe ein Konzept für das Gespräch mit dem Professor. Dann fahre ich hin, erfahre jedoch, daß ich noch einer Dreiviertelstunde warten müsse. Unschlüssig und vom vielen Kaffee zermürbt, streife ich durch die Universität. Endlich ist
Joachim Lottmann
4. Sept. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 17 und 18
17. Kapitel 5.9.1977 Annerose las soeben die letzten fünfzig Seiten. Ihr Kommentar war das bekannte katholische Lächeln. Sagen tat sie nur eins: "Und was wird nun endlich aus unserem Thema? Wann ziehst du aus?" Ich war sprachlos und 'stumm vor Wut'. Wie peinlich für, wie lächerlich ich mich gemacht hatte... egal, wie gut oder klug ich geschrieben hatte, es war und blieb lächerliches Tagebuchschreiben, also hochgradig pubertär. Zur Rede stellen konnte ich sie auch nicht, son
Joachim Lottmann
28. Aug. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 16
16.Kapitel 2. September 1977 Annerose war gestern abend nicht verabredet. Sie blieb allein und sah fern. Vorher hatte sie gefragt, was ich vorhätte, und ich log: Rendez-vous mit Nele. Prompt verstanden wir uns, sie wurde aufgekratzt, kitzelte mich, quälte mich, vergewaltigte mich, hielt mich auf, wollte wissen, ob ich sie noch gern hätte Endlich konnte ich gehen. Tja, wie war das möglich, wie hatte es angefangen? Vielleicht damit, daß ich eine Nacht mit Annerose hinter mir
Joachim Lottmann
21. Aug. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 15
15. Kapitel 30. August 1977 Es war also so, daß ich mich nicht rauswerfen lassen wollte. Hier, an diesem Punkt wollte ich die Auflösungsentwicklung stoppen. Genauer gesagt wollte ich diese Entwicklung schon immer stoppen, nur dachte ich bis jetzt, durch Nachgeben mehr zu erreichen. Es hatte damals damit angefangen, daß ich nicht auf John 'eifersüchtig' war, daß ich ihn freundlich behandelte und ins Kino ging,"damit ihr beide euch mal etwas aussprechen könnt.“ Als ich vom Ki
Joachim Lottmann
7. Mai 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 14
14. Kapitel 29.8.1977 Es raschelte, ich hörte Annerose kommen. Davon wachte ich auf. Sie legte sich sofort zu mir und wir schliefen einige Minuten bis der Wecker klingelte. So begann der Tag. Ich erzählte Annerose lebhaft, was ich alles gemacht hatte, sie erzählte das Ihrige. Immer wieder kuschelte sie sich an mich, denn sie hatte eine schlechte Nacht gehabt mit Thorsten. Ich sei der weichste und der liebste, hörte ich sie immer wieder sagen. Ich besuchte sie während der A
Joachim Lottmann
1. Mai 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 12 und 13
12. Kapitel Ute im Bett. Eine knappe Entscheidung. Fritz und ich mußten knobeln. Dann legte sie sich doch zu Fritz, und ich mußte schnell protestieren. Fritz war skrupellos genug, ihr zu erzählen, daß wir um sie gepokert hatten und daß ich gewonnen hatte. Daraufhin legte sie sich, eigentlich wider Erwarten, zu mir. Doch wie sollte es jetzt weitergehen? Fritz macht das Licht aus, ich liege wie tot im Bett. Aber das soll nicht so bleiben! Diesmal werde ich nicht so lächerlich
Joachim Lottmann
20. Apr. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 10 und 11
10. Kapitel 20.5.1977 Gestern waren Fritz und Blondie hier. Lojo: Irgendwie freue ich mich, daß ihr beide, du, Fritz, und Blondie mal zusammen hier seid. Blondie: Ja, gell, denn eigentlich mochten wir uns nicht besonders, stimmt's, Fritz? Lojo: Dabei habe ich das nie verstanden. Fünfzig Prozent der Gespräche, die ich hier in Schwabing zu führen habe,drehen sich darum, Fritz zu verteidigen, die anderen fünfzig Prozent darum, Blondie zu verteidigen. Und die Attacken, die dümm
Joachim Lottmann
14. Apr. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 9
9. Kapitel 9.5.1977 Gestern … eine sonderbare Handlungsfolge von Sinnlosigkeiten. Ich gehe, Hand im Jackett und stolz, ins Haus, finde eine "Nationalzeitung", fahre hoch, fahre wieder runter, gehe zur Telefonzelle, rufe Annerose an, die aber meldet sich nicht, fahre wieder hoch, lese "Nationalzeitung“ rauche Pfeife, Beine auf dem Tisch, beschließe Annerose, wie auch immer zu kontakten, fahre runter, rufe Stephan Ohrt an, als Mi
Joachim Lottmann
7. Apr. 2017
Das Fritz Brinckmann Buch 8
8. Kapitel 6.5.1977 Ich sterbe vor Hunger! Ich warte auf Julika, die mir etwas zu essen bringen will. Wie geht es mir, was mache ich? Gestern. Ein normal-guter Tag. Ich döse im Bett , bin schon wach. Gleich wird mich Brinckmann, der jetzt mein bester Freund ist, abholen, um nach Starnberg zu fahren, an den Starnberger See, wo der König von Bayern ertrunken ist. Dort geht seine Freundin zur Schule, in ein exklusives Internat. Es ist wahnsinnig, in welcher Notlage diese Int
Joachim Lottmann
30. März 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 7
7. Kapitel 28.3.1977 Shakespeare und die anderen großen Meister definieren den Liebenden immer als denjenigen, der ungeheure Freuden und ungeheure Qualen gleichzeitig durchlebt. Ich stutzte - waren die Leute früher denn auch solche Neurotiker? Leider wird nie gesagt, wie diese Qualen aussehen. Beschrieben wird stattdessen nur der eine Aspekt - die Freude, und zwar so, daß ich sagen muß: ich passe. Vom Elysium ist die Rede, der vollständigen Wonne, dem Verschmelzen, von Raus
Joachim Lottmann
25. März 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 5 und 6
5. Kapitel 24.12.1976 Um die Revolution aus der Sackgasse zu führen, muß eine Übergangs- und Verschnaufpause-Freundin her. Sie ist da. Sabine. Sie erfüllt beide Voraussetzungen: [if !supportLists]1. [endif]Sie ist ein "guter Mensch". [if !supportLists]2. [endif]Sie ist hübsch, weil jung. Zu 1.: Sie ist psychisch total intakt. Glänzend-gesundes Elternhaus ohne Streit, liebevoller Vater, verständnisvolle Mutter. Sie drückt sich ohne Scheu aus, überlegt beim Sprech
Joachim Lottmann
14. März 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 3 und 4
3. Kapitel 9.12.1976 O Gott! Diesmal verschenkte ich einen wertvollen Tag an einen gewissen Fritz Brinckmann! Ich mag es mir selbst nicht glauben. Doch das alles später. Um es kurz zu fassen - geweckt wurde ich durch Klingeln an der Tür, also gab es kein traumerfülltes, gedankenschweres Erwachen, sondern gleich wieder Alltag. Hemdenwaschen, Baden und dergleichen. Essen. Alles Blödsinn. Endlich, um 15 Uhr, saß ich zufällig und etwas unschlüssig auf dem Boden. Ich merkte die Ch
Joachim Lottmann
9. März 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 2
2. Kapitel Da mir im Moment rein gar nichts einfällt, will ich mal die letzten Stunden mit meiner Frau Annerose erzählen. 24. November 1976, 8 Uhr, München Hauptbahnhof. Ich freue mich. Seit einigen Tagen, nachdem ich viel Schlechtes über Annerose geschrieben und gedacht hatte, freute ich mich wieder auf sie. Auch hatte ich mich endlich damit in Einklang gebracht, die Uni aufzugeben. Es würde einen Münchner Winter mit Annerose geben - viel Trubel, Liebe, Leidenschaft. Viele L
Joachim Lottmann
28. Feb. 2017
Das Fritz Brinkmann Buch 1
1. Kapitel Um neun Uhr krähte der Wecker. Er wurde lauter, bekam etwas Krächzend-Kreischendes, doch ich war bleiern müde, wirklich nicht ganz da. Nach zehn bis zwanzig Minuten wälzte ich mich zum Tisch, wo die Pillendose stand, und schluckte eine Aufputschtablette. Gleich ging es besser. Ich konnte bis zur Küche gehen und Kaffee kochen. Während ich ihn schlürfte, sah ich, daß draußen Morgenrot war, und konnte - anders als gestern, als ich wie abgestumpft war - kurz denken: w
Joachim Lottmann
21. Feb. 2017


Der Große Einsame und DIE WELT - III/1
14.6.1980 Der schwule Sallowski hatte inzwischen gekündigt, ebenso Chefredakteur Tiedje, Dr. Guracchz, Detlev Ahlers und andere. Geblieben war eigentlich nur ich. Und Bärbel Wieschermann, die nach einer vierteljährlichen Schamfrist wieder aus Bonn zurückgeholt worden war. So ist das im Journalismus: jeder springt von Zeitung zu Zeitung. Leid tat es mir um Ahlers, mit dem ich mich angefreundet hatte. Nachts waren wir durch den Alsterpark gegangen, zu dritt, Stephan T. Ohrt w
Joachim Lottmann
12. Feb. 2017


Der Große Einsame und DIE WELT - II/2
... Seitdem ich aber im SPIEGEL einen Artikel über den tablettensüchtigen Hitler gelesen hatte, der wie ein Junkie an der Nadel hing (jeden Morgen ließ er sich von Dr.Morell Speedagon spritzen) und deswegen den Krieg verloren hatte, setzte ich das Zeug immer seltener ein. Folge: ich dämmerte immer öfter vor dem Fernsehapparat dahin, das Leben ging langsam zu Ende.... Überall sparte ich Kräfte ein. Zu einer katastrophalen Situation kam es auf dem sexualökonomischen Sektor. Ei
Joachim Lottmann
5. Feb. 2017


Der Große Einsame und DIE WELT - II/1
... Ich tat so, als wäre Zu-Bett-Geh-Zeit. Die Zähne putzte ich mit Ajona und mit der Kunststoff-Zahnbürste. Dann legte ich mich in das vier Quadratmeter große Ehebett, das Schäfer mir vor Jahren angedreht hatte. In das Tage- und Notizbuch schrieb ich: Der Große Einsame wurde gefeuert.... Der Chefredakteur rief mich zu Hause an und stellte mich wieder ein. Es war höchste Zeit, die Pressekonferenz mit Jerry Lewis hatte fast schon begonnen. Ich schrumpelte mit meinem alten We
Joachim Lottmann
29. Jan. 2017


Der Große Einsame und DIE WELT - I/3
... Ein einziges langes Gespräch mit Barbara Möller, einer Feministin, hätte genügt und ich hätte mich auf der Herrentoilette übergeben müssen und wäre auf immer abgehauen. Das wußte ich und hielt mich daran: mit der „Spreu“ mied ich jeden Kontakt. Genüßlich registrierte ich, wie sie mich zu hassen begannen – gut so, die Gefahr einer unseligen Annäherung, eines kräftezehrenden Mißverständnisses war gebannt. ... Wenn die dumme Frau Warnecke loskeifte und offensichtlich Stun
Joachim Lottmann
22. Jan. 2017


Der Große Einsame und DIE WELT - I/2
...Über die Trostlosigkeit der WELT-Existenzen war ich mir schnell im klaren. Kompromisse brauchte ich nicht mehr einzugehen. Nach zwei Tagen hatte ich zwischen Spreu und Weizen getrennt und hielt mich fortan konsequent an den Weizen, wissend, daß es für mich der bessere Weg war, egal was kam. Zeitweise (eigentlich meistens) erwartete ich stündlich meine Kündigung... Wäre sie gekommen, hätte ich dennoch von der ganzen WELT-Sache zehnmal mehr gehabt als Ahlers, der seinem G
Joachim Lottmann
15. Jan. 2017
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