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Das Fritz Brinckmann Buch 76 (a)
76. (a) Kapitel 14.4.1978 Bin immer noch bei der Post, aber das Konzept vom schnellen Nebenverdienst ist wohl hin. Muß Montag um sofortigen Urlaub bitten. Ist die einzige Chance, nicht gekündigt zu werden. Übernächsten Montag kann ich es mit einer neuen Tour noch einmal versuchen, werde dann wohl auch bis Mai durchhalten und 3.000,-- Mark kassieren, was ein Argument sein sollte. Die Post hat mir Geld und eine neue Ordnung gebracht (Schulden bezahlt, rückgemeldet und versich
Joachim Lottmann
2. Okt. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 76
76. Kapitel 27.3.1978 Osterspaziergang mit Bruder Eckart E.: Was mich immer wieder bedrückt, ist die Diskrepanz zwischen Buchwelt und Weltwelt. Ich: Du meinst, wenn du ein Buch gelesen hast und - E.: Genau. wenn man dann merkt, daß das alles nur Kompensation - Ich: Diskrepanz! Man muß es dazu nicht kommen lassen, muß die Welt mit den Augen des Buches sehen. E.: Das geht bei Sachen, Straßen, Städten, nicht bei Menschen. Und wenn doch, so setzt es Kühle voraus. Ich: Ja. E.:
Joachim Lottmann
25. Sept. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 75
75. Kapitel Bericht aus der Arbeitswelt 13.3.1978 „Heinzi“ ist niemand anderes als Heinz Rühmann, dieselbe Statur, dieselbe Mentalität, dieselbe Asexualität, das Bärtchen, das Fahrrad, die Uniform. Heute in der U-Bahn: Ein flachsblondes Mädchen, große Nase, fliehendes Kinn, unterhält sich mit einem Anachronismus von Mann, Hornbrille, Aktentasche, Nazi-Schnitt, Stock, es fehlt noch: ADOX-Fotoapparat und Shorts. Sie redet, er stützt sich im Sitzen auf den Stock. hört aufmerk
Joachim Lottmann
21. Sept. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 74
74. Kapitel Bericht aus der Arbeitswelt 15.3.1978 Heute war ich ausgeschlafen und pünktlich, heute langweilte mich der Ablauf. Schon wieder dieselbe Strecke. Es gab heute etwa fünfzig Prozent mehr zu tun als sonst, die Kollegen waren nervös und brüllten. Beim geliebten Sortieren dagegen eine bemerkenswerte Szene: verliebte Schweine! sie glaubten sich wohl unbeobachtet und turtelten herum, ohne daß sie selbst es wußten. Sie waren beide verschämt und unsicher, suchten krampf
Joachim Lottmann
11. Sept. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 73
73. Kapitel 6.3.1978 Heute fing ich einen „Job“ an - den ersten meines Lebens. Die Überraschung konnte nicht größer sein: es war alles sehr LSD-artig, filmhaft, sehr sinnlich, erotisch. Die gelben U-Bahnen mit den Menschenmassen, die Abteile überfüllt mit Schülern und Schülerinnen, die voll jugendlichen Übermuts einem neuen Tag in ihrem jungen Leben bla bla… Es dämmert, ich erreiche die Vorstädte, Deutschland liegt wie von Handke beschrieben in ungeahnter Modernität und Saube
Joachim Lottmann
5. Sept. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 72
72. Kapitel 28.2.1978 Das Wetter war schön, Kiebitze piepsten frech von den Telegrafenstangen der Überlandleitungen, Lerchen flogen hoch droben in den Lüften, der Frühling war ausgebrochen, noch im Februar, und ich hatte von der schneewittchenhaft-schönen Kolltochter geträumt. Stephan T. Ohrt und ich wollten Fotografien machen, ich räkelte mich aus dem Bett, blickte erwartungsfroh auf die Kamera, die auf dem Nachttisch stand, und öffnete die großen, zum Garten führenden Flü
Joachim Lottmann
27. Aug. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 71
71. Kapitel Auf dem Balkon stehen und schwarze Zigaretten rauchen. Im 9. Stock wohnen und niemanden grüßen müssen. Alle Welt ist so langweilig, so durchschnittlich, so dröge - da muß ich einen Diedrich einfach bewundern, wenn er frisch und einfallsreich bleibt. Er akzeptiert die Durchschnittlichkeit, bearbeitet sie, montiert sie zu neuen Kombinationen. Ich dagegen: zu wenig Gegenwelt gebildet. Die einzige Chance zur Besserung ist die Diedrich-Umkehr-Montage. Aus dem Drögen e
Joachim Lottmann
20. Aug. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 70
70. Kapitel 22.2.1978 Es ist zuende mit Elenor! Glaube ich. Nach wie vor standen sich unsere Körper koloßartig gegenüber, und es war an mir, mit den „Zärtlichkeiten“ zu beginnen. Konzentrieren konnte ich mich nie, immer dachte ich an tausend Dinge, ich bekam keine Beziehung zu ihr. Gestern trafen wir uns bei Jan und Eva, zum Fotovergrößern. Elenor hatte Petra mitgebracht, ein alleinstehendes, nicht dummes Mädchen, das ein bißchen wie Diedrich aussieht. Ich vergaß wieder, El
Joachim Lottmann
15. Aug. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 69
69. Kapitel 21.2.1978 Diedrichs Theorieküche hat einen neuen Zentralbegriff hervorgebracht: "Gegenwelt". Grund genug, ihn zum Gespräch zu laden. Ich: Was meint das, „Gegenwelt“? D.: Praktisch: sich nicht von momentanen Zuständen drankriegen zu lassen, auch im Stress und im Dreck die 'Gegenwelt' im Kopf haben ... zu wissen, daß es das gibt, diese Gegenwelt. Dazu muß man natürlich viele Erfahrungen gemacht haben. Ich: Auf deutsch: Auch wenn man acht Stunden lang Eisenträger
Joachim Lottmann
6. Aug. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 68
68. Kapitel 20.2.1978 In der Nacht von gestern auf heute gelang es mir erstmalig, Diedrich und Nici, aus einem Versteck heraus, zu belauschen. Ich hatte laut "Tschüß!“ gerufen und die Tür zugeknallt, war aber in Wirklichkeit in der Wohnung geblieben. Ich hockte in der dunklen Küche und nickte für kurze Zeit ein, dann schlich ich in das Zimmer, aus dem die Stimmen kamen. Diedrich und Nici lagen auf dem Bett und bemerkten mich nicht. Sie hatten die Gesichter einander zugekeh
Joachim Lottmann
2. Aug. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 67
67. Kapitel 16.2.1978 Nicht nur Stephan kämpft mit dem Kreislaufcollaps. Auch ich bewege mich jeden Tag schwerfälliger. Aber die große Feier bei Lickfetts, Elenors Eltern, wollte ich mitnehmen. Dunkler Anzug, polierte Schuhe, Krawatte, Manschettenknöpfe. Ehering abnehmen… Warum hatten sie mich eingeladen? Hielten sie mich tatsächlich für den richtigen Umgang für ihre Tochter? Dann konnten es kaum so feine Leute sein, wie ich annahm. Ulf Bertheau hätte es mir sagen können. C
Joachim Lottmann
25. Juli 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 66
66. Kapitel 8.2.1978 Ich sitze gerade an Stephan Ohrts Schreibtisch, hoch über Hamburg, Leopoldstraßengefühl. Es dämmert (dunkelblauer Himmel mit roten Schlieren), Autoscheinwerfer, Geschäftsauslagen, ein Düsenflugzeug startet und blinkt, viele Menschen, die U-Bahn. Nie habe ich etwas gegen diese Welt gehabt, das ist ja das Verrückte. Selbst in den grauesten Situationen habe ich nicht eine Sekunde lang etwas von meinem Optimismus verloren, prinzipiell. Man muß nur wollen. W
Joachim Lottmann
16. Juli 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 65
65. Kapitel 6.2.1978 Um sieben Uhr morgens holte ich „Schnapsnase“ Ohrt aus dem Bett. Es war eine tiefschwarze menschenleere winterliche Nacht von Freitag auf Sonnabend, noch viele Stunden bis Sonnenaufgang und noch mehr, bis die ersten Menschen aufstanden, kein Wunder also, daß Stephan seinen Wecker überhört hatte und nunmehr völlig groggy in der Tür stand, die Flasche in der Hand. Er nahm einen Schluck und bot mir auch an. Ich tat, als bemerkte ich es nicht und blieb mit
Joachim Lottmann
9. Juli 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 64
64. Kapitel 31.1.1978 Grandiose Augenblicke, etwa wenn ich abends in eine Philosophie-Vorlesung gehe und kein Wort verstehe. Oder mich bei Wendt einschleiche- und den jungen Menschen zusehe, wie sie in Unbefangenheit und Anmut ihre Pirouetten drehen (draußen wartet der neue VW-Golf). Ja, ja, Alleinsein hat etwas Großes. Warum sollte ich nicht so weitermachen? Ich habe hundert Mark und kann in jedes Kino, jedes Theater gehen.
Joachim Lottmann
2. Juli 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 63
63. Kapitel 29.1.1978 Es hört nicht auf mit der jungen Elenor Lickfett, es ist wie verhext. Gestern machte sie Babysittin‘ bei ihrer Schwester, hatte das Haus für sich (uns) allein. Ich fuhr also hin, um es wenigstens einmal probiert zu haben (vielleicht vögelte es sich doch besser als zu vermuten war). Irgendwo Bargteheide. Eine seltsame Gegend. Wir gingen spazieren. Atelierlandschaft, verschleierter Mond, dampfende Sümpfe, alles Kitsch. Enten schwammen in stiller Größe vo
Joachim Lottmann
25. Juni 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 62
62. Kapitel 27.1.1978 Elinor und kein Ende: Schließlich kam sie aus der Fahrschule, es war der helle Blödsinn... Ich riß, wenn immer ich daran dachte, die Augen auf, versuchte, ein "lachendes Gesicht“ aufzusetzen, auch erlebten wir "Abenteuer" und - Trotzdem senkte sich der Abend zum Schlechten. Elenor äußerte, sie fühle sich so „beengt“, sie wolle aus dem Auto springen, doch auch die Straßen waren ihr so eng, die ganze Stadt. Wir sahen „Unterm Holderbusch (das einzige, zu
Joachim Lottmann
18. Juni 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 61
61. Kapitel 26.1.1978 Liebe ist eine Krise der Berührungsorgane sagt Gottfried Benn undich sollte mal danach handeln, ich bin ja völlig hinüber, zehn Tage ohne Annerose. Durchaus in diesem Sinne fuhr ich gestern zu Mia Matzen. Doch das später. ich bin hinüber, ohne Zweifel, so wie Bruder Eckart. Die Hormone drehen durch, der Magenkrebs beginnt: Auch den ganzen Mittwoch drehte ich meine Runden in dieser hochakuten Hypochondrie, versorgte Geist und Körper mit Tagebuch und M
Joachim Lottmann
11. Juni 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 60
60. Kapitel 25.1.1978 Alles läuft ab, wie ich es geplant habe. Ich sitze in der Albert-Schweitzer-Schule, warte auf das Sado-Girl, habe noch zwanzig Minuten bis zur Pause. Morgens, wenn die großen Flügeltüren zum Park geöffnet werden und das Frühstückstablett neben mein Bett gesetzt wird, bei der ersten Tasse Kaffee also, wenige Sekunden nach dem Erwachen, kann ich sehr klar denken, der ganze gestrige und der ganze kommende Tag entstehen geordnet in meinem Kopf. Ich sehe da
Joachim Lottmann
5. Juni 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 59
59. Kapitel 24.1.1978 Gestern Annerose wiedergetroffen. Sie sprang an mir hoch wie ein junger Hund. Erstmals, da wir uns tagelang nicht gesehen hatten, fielen mir ihre vielen Sommersprossen auf, das ganze Gesicht ist ja voll davon, sehr lustig. Bei der vorwiegend sensuellen Ausrichtung ihrer Sinnesorgane blieb ihr gar nichts anderes übrig, als mich mit Händen und Füßen in einen Hauseingang zu drücken und mich von oben bis unten zu befingern, an mir und um mich herumgleiten,
Joachim Lottmann
28. Mai 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 56
56. Kapitel 21.1.1978 Jetzt endlich ein paar Zeilen über meine derzeitige Freundin Elenor. Schließlich sage ich mir seit Tagen: Alles nur Kongestion, bis auf dieses Schulmädchen, das ist real und bleibt. Nur muß ich aufpassen, daß es mir nicht doch entschlüpft. Schludrige Terminplanung: Anette setzte ich auf günstige Uhr, Samstag, und Mrs. Hochpubertät Elenor, mit der auszukommen viel schwieriger ist und die man mit Entertainment, rasenden Fahrten und Tingeltangel zu beschä
Joachim Lottmann
7. Mai 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 55
55. Kapitel 20.1.1978 Mein vormaliges Ziel - ran an die kleinen Mädchen! - habe ich, quasi als Nebeneffekt, erreicht. Gestern erfolgte der Vertragsabschluß mit Elenor. Zwischen zwei Terminen fand ich noch die Zeit, das vorgestern vereinbarte Rendezvous einzuhalten. Ich hetzte Ios, kam, vom Großstadtverkehr aufgehalten, viel zu spät (warum bewegt sie sich auch in einer Gegend wie Wandsbek-Duvenstedt-Großhoistenbüttel!), rannte ihr mit hängender Zunge entgegen und schleifte s
Joachim Lottmann
30. Apr. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 54
54. Kapitel 19.1.1978 Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über meine Stirn! Nirgends lief mehr ein Seminar, die Mensazeit war vorbei und der ganze Komplex wie leergefegt, nur hier und da noch scheue, blasse Gesichter. Ein Arbeiten, ein Erleben gar wurde immer unmöglicher. So war es zweifellos sehr glücklich, daß ich von einem dieser blassen Studenten zwanzig Pfennige schnorren konnte und Annerose
Joachim Lottmann
23. Apr. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 53
53. Kapitel 18.1.1978 Blick links aus dem Fenster des Lesesaales: grauer Beton, mit keiner seelischen Energie besetzt. Ein Gefühl wie das Ansehen amerikanischer Serienkrimis: Verlorenheit. Ich ging über zu Primärliteratur, las eine halbe Stunde Benn. Kurios: Benn interessiert mich brennend, immer wieder finde ich mich vor einem Bennbuch sitzend, aber doch überfliege ich alle Zeilen, bin mit den Gedanken woanders, weiß nicht einmal, ob ich nicht alles zum zweiten- oder xtenm
Joachim Lottmann
16. Apr. 2018
Das Fritz Brinckmann Buch 52
52. Kapitel 14.1.1978 Ich: Ja. Immer nett sein. Nett und freundlich. Ja. Annerose: Wo kommst du her? Ich: Ich war mit Nici und dem Dingsda weg, ich bin mit ihr und dem… na du weißt schon, dem Dings... im Auto rumgefahren, kreuz und quer. Die schöne Nici saß vorne. Annerose: Die dämliche Nici! Ich: Die geheimnisvolle Nici... Annerose: Die doofe Nici, die doofe häßliche Nici! Ich: Die schöne geheimnisvolle Nici... Annerose: Einen - Kuß. Einen - Kuß. Äää! Ich: Was macht Triefa
Joachim Lottmann
9. Apr. 2018
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