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Port Stanley ist gefallen 5 (Teil 1)
Nun war es Mitternacht. Was sollte ich tun? Schlecht ging es mir nicht. Ich überlegte, daß es in Kindertagen das Schlimmste war, zu Unrecht beschuldigt zu werden. Für etwas bestraft zu werden, was man nicht getan hatte. Keinen Glauben zu finden, obwohl man die Wahrheit sagte. Ob es hier ebenso war? Dann mußte es mir dreckig gehen. Da es mir nicht schlecht ging, war das Unrecht vielleicht gar nicht so groß? Womöglich sagte ich sogar die Unwahrheit? Unausdenklich, wenn nicht ic
Joachim Lottmann
30. Jan. 2022


Port Stanley ist gefallen 4
Der nächste Tag brachte eine Zuspitzung der Lage, die ich in dieser Schärfe nicht vorausgesehen hatte und deren Heftigkeit mich derart überraschte, daß ich stundenlang hin und her geblasen wurde. Ich machte teilweise eine schlechte Figur. Das Ende drohte. Vielleicht lag es daran, daß ich den Tag über nichts gegessen hatte. Ich wollte, hatte aber plötzlich keine Zeit mehr. „Kalldewey Farce“, ein Theaterstück, das Kim und ich sehen wollten, drängte. Auch zum Umkleiden reichte e
Joachim Lottmann
23. Jan. 2022


Port Stanley ist gefallen 3
Kim war ein außergewöhnlich schönes Mädchen. Ihr einziger Nachteil war, daß sie zur Fülle neigte. Wochenlang konnte sie sich einschliessen und essen, bis sie sich unansehnlich fand. In Wirklichkeit konnten auch die verzweifeltsten Eßanfälle nicht verdecken, daß ihre Gesichtszüge in idealer Weise angelegt waren, daß sie leuchtend blonde Haare, große blaue Babyaugen, porzellanweiße Musterzähne und lustige Grübchen hatte, daß ihre Haut weich wie Milch und ihre vollen Lippen von
Joachim Lottmann
16. Jan. 2022


Port Stanley ist gefallen 2
Daß ihr Flum auf den Fersen war, wußte sie nicht. Ich schon. Ich hatte schon die Flugtickets für einen Wochenendausflug nach Berlin zur Berlinale bei Flum gesehen. Er wollte Kim nur helfen. Seine Freundin war einverstanden. Kims Befreiung von mir war angeblich in meinem Interesse. Sie war immer die Unterlegene gewesen. Aus einem Pulk XTC-Prolos heraus schoß sie ungelenk auf mich zu und redete hastig auf mich ein. Sie wollte ihre anständige alte Aktentasche in den Wehrmachtskä
Joachim Lottmann
9. Jan. 2022


Port Stanley ist gefallen - Folge 1
Die Trennungsschlacht tobte seit sechs Wochen. Zum drittenmal hatte Kim mit mir Schluß gemacht, und dennoch bekam ich langsam die Oberhand. Der Kampf begann erst. Ich ging im Zimmer auf und ab. Es war zwanzig Uhr. Um im Trennungskampf gute Karten zu haben, hatte ich fünfzehn Pfund abgespeckt. Kim - wir waren seit zwei Jahren zusammen - hatte ähnliches getan, zunächst. Dann klappte es nicht mehr, sie nahm wiederacht Pfund zu, und ich hatte die Schuld: weil wir uns immer noch
Joachim Lottmann
2. Jan. 2022


Großfreunde über Gott
23. August 1980 (Diedrich liest ein einleitendes Referat Lojos mit dem Titel ‘Gibt es Gott’ vor. Anschließend Schweigen. Anwesend sind Stephan Ohrt, Angelika Winkler, Diedrich Diederichsen, Nicola Reidenbach, Joachim Lottmann (=Lojo), Kirstin Ruge, Fritz Brinkmann, Jan Schmidt-Garré und Sven Kirsten) Diedrich: Ja, das ist ungefähr so wie… Stephan George (er bezieht sich auf das Lojo-Referat) Lojo: Gegen George ist nichts zu sagen, nur gegen seine Jünger. Sven: Wer war denn d
Joachim Lottmann
1. Dez. 2021


Stephan und Lojo in Amerika - DAS GESPRÄCH
Joachim Lottmann (links) befragt von Friedemann Sittig zu seinem Tagebuch aus dem Jahr 1978:
Friedemann Sittig
25. Juni 2021


Stephan und Lojo in Amerika 18
10.7.78 Auf nach Guatemala! Die „letzten lebenden Lottmann außer Eckart und Joachim“ besuchen. Hamburg anrufen, Einladung besorgen. Die Morrisey-Wohnung war natürlich der große Flop. Todesmetapher auch sie, wie alle Wohnungen, die man selbst mietet. Wann immer ich die Wohnung betrete, überkommt mich Katatonie, ich schlage in voller Länge auf den Fußboden und schlafe ein. Stephan geht es ebenso. An sich ist die Wohnung ja sehr schön, 1946 eingerichtet und seitdem unverändert.
Joachim Lottmann
24. Mai 2021


Der Mensch hinter „Joachim Lottmann“ - Über den Roman "Sterben war gestern" und seinen Autor
Morgens, nach dem Frühstück, setzt sich Joachim Lottmann an den Computer und beginnt zu schreiben. Zumeist über das, was er am Tag zuvor erlebt hat. Manchmal schreibt er auch Artikel für Zeitungen oder er friemelt an einem bereits geschriebenen älteren Text herum. Nachmittags, in der Regel gegen 15 Uhr, beendet er seine Schreibarbeit. Die Erlebnisse und Begegnungen der nächsten Stunden, bis in die Nacht, bilden dann den Stoff für die Schreibarbeiten des folgenden Tages. Weil
Friedemann Sittig
20. Mai 2021


Stephan und Lojo in Amerika 17
9.7.78 Wie ging es weiter? Wir waren angeödet, standen mit langen Gesichtern in der Ecke. „Wenn wir nicht sofort anfangen, über Tod und Teufel zu diskutieren, wird es ganz schrecklich für uns werden,“ sagte ich. Also erzählte Martine das nächste Kapitel aus ihrem Leben. Sie gab sich keine Mühe dabei, redete nur, um sich zu beschäftigen, sodaß folgendes herauskam: „Peter habe ich nicht geheiratet, diesen Grobian, bei dem ich Haarausfall und Schlimmeres hatte, diesen unwissende
Hans Richter
17. Mai 2021


Stephan und Lojo in Amerika 16
9.7.78 Samstagabend – wieder große Party in Hollywood. Vier von insgesamt acht Menschen, die nur dazu da waren, der Prominenz den Wagenschlag zu öffnen, rannten zu unserem Auto und halfen uns aus den Sitzen. Der Name wurde gecheckt, danach wurden wir auf einen extra für die Party angelegten Kiesweg geschickt, sehr unheimlich, mit tausenden von Fackeln an den Seiten, auch roten und grünen Lampions und Osram-Strahlern made in Germany. Üppige Vegetation rundherum, Grillengezirpe
Joachim Lottmann
9. Mai 2021


Stephan und Lojo in Amerika 15
8.7.78 Und jetzt reicht es langsam. Tatsächlich zogen wir gestern in die 35-Millionen-Villa Paul Morriseys, tatsächlich kam heute ein 1.000-Dollar-Scheck aus Hamburg, aber Amerika als solches ist nicht mehr auszuhalten. Martine ist reizender und liebevoller denn je, Stephan treuer und zuverlässiger als in Hamburg, das Wetter ist strahlend und das Wasser frisch, aber sonst! Alles so einfallslos und plump. Ganz Los Angeles lebt von der Filmindustrie, es gibt keine Fabriken, kei
Joachim Lottmann
1. Mai 2021


Stephan und Lojo in Amerika 14
6.7.78 Martine alias Gisela Getty machte einen Obstsalat. Es war der nächste Morgen. Stephan lag auf dem Sofa. Die Kinder wurden in die Schule gebracht. Paul schlief in den Nachmittag hinein. Martine telefonierte. Paul Morrisey ließ ausrichten, daß wir noch immer nicht in seine Wohnung einziehen könnten. Abends besuchten wir zum dritten Mal die Schauspielschule. Die Kinder wurden wieder von der Schule abgeholt. Paul wachte auf und unterhielt sich mit uns. Die Kinder weinten o
Joachim Lottmann
19. Apr. 2021


Stephan und Lojo in Amerika 13
4.7.78 Martine brach das Gespräch ab. Betreten fuhren wir nach Hause. Es war Montag Abend geworden, jener heiß herbeigesehnte Abend, an dem Billy Liptons Hollywoodparty stattfinden sollte. „Heute wird es sich zeigen!“ sagte ich zu Stephan. „Nein heute noch nicht unbedingt, es ist doch erst der Vorlauf zur wirklichen Nr. 1 Party am kommenden Samstag.“ Immerhin war es lustig, zu einer Party zu gehen, zu der man drei- oder viermal ausgeladen worden war. Wir waren schon fast unte
Joachim Lottmann
11. Apr. 2021


Stephan und Lojo in Amerika 12
3.7.78 Martine und ich gingen spazieren. Ein Porsche 911S, silbergrau, rauchende Reifen, hielt direkt vor uns, es war Paul. Come in! rief er. Wir quängelten uns in Wageninnere und Paul raste mit 160 Meilen, also 220 Stundenkilometern, den Berg hinunter. No, No, No!! brüllte Martine und riß Paul am Hemd herum, völlig ausser sich. Ich beruhigte sie: Paul wird schon wissen, was er tut, Martine, alles halb so wild! Sie drehte ihr Gesicht kurz zu mir, ihre Augen weit aufgerissen:
Joachim Lottmann
3. Apr. 2021


Stephan und Lojo in Amerika 11
30.6.78 Der Kampf um den Rücksitz brannte erneut in ungewohnter Schärfe. Stephan umklammerte die Seitentür, während ich meine rechte Faust ein ums andere Mal in sein Gesicht pflanzte. Schließlich gab er nach und ich saß wieder vorne. Martine erzählte: „Ich bin in Kassel aufgewachsen und habe eine Zwillingsschwester, Jutta. In Kassel wurden damals die Straßen aufgerissen und mit heissem Teer übergossen, die Stadt war im Krieg dermaßen kaputtgeschossen worden, dass noch in den
Joachim Lottmann
20. März 2021


Stephan und Lojo in Amerika 10
29.6.78 Das Amerikabenteuer war also gut ausgegangen, es war zu seinem Happy-End gekommen, man hätte nach Hause fliegen müssen. Aber wir blieben. Keiner konnte es richtig fassen. "Was noch?" sah mich Martine fragend an. Paul hatte keine Lust, die Magnum immer noch in die Hand zu nehmen, nachdem ich sie ihm am letzten Tag feierlich zurückgegeben hatte. Martines amerikanischen Freunde mochten nicht mehr länger warten und luden sie wieder zum Essen ein – ohne die German Boys. St
Joachim Lottmann
28. Feb. 2021


Stephan und Lojo in Amerika 9
Es ist der 25. Juni 1978. Mein Blick fällt auf haushohe Kakteen, die starr und unbeweglich wie Grabsteine um das spanische Häuschen stehen, das Stephan und ich gemietet haben. Ich bin gerade erst aufgewacht, Stephan schläft noch, seit 24 Stunden, wie ein Toter – Martine ist weg. Geweckt wurde ich von einem amerikanischen Kurier, einem Aussenposten des Getty-Imperiums, einen versprengten Abenteurer, der mit einem Motorrad in die Veranda fuhr und rief, Martine Getty erwarte ein
Joachim Lottmann
21. Feb. 2021


Stephan und Lojo in Amerika 7
20.6.78 Der liebe Gott half mir: Pistolenpaul setzte sich zu uns, ich redete ihn an, beging dabei aber einen Faux-pas, der mich scheinbar blamierte, in Wirklichkeit aber meine Gefühlskrise beendete. Ohne Böses dabei zu denken hatte ich gesagt: „Wott did yuu duu??“ Paul stand erbittert auf, streckte das gerade angeknabberte Hühnerbein seiner Frau in den offenen Mund, eilte ins andere Zimmer. Martine fauchte mich an: „Du Trottel!“. Stephan legte die Zähne Frei und lachte lautlo
Joachim Lottmann
6. Feb. 2021


Stephan und Lojo in Amerika 6
19.6.78 Hätte ich gestern Zeit zum Schreiben gehabt, hätte ich den Rest des Heftes auf einen Sitz vollgekriegt. Es war die erste Krise in der jetzt 5 Tage alten Beziehung zu Mrs. Getty. Es war nicht so, daß ich abfahren wollte (wie einen Abend vorher), viel schlimmer: ich wäre zu dem Entschluß, abzufahren garnicht mehr im Stande gewesen. Dabei hatte es ganz anders angefangen: Die Kinder krallten sich an meine Beine, rammten ihre kleinen Fingernägel in mein Fleisch, verwickelt
Joachim Lottmann
31. Jan. 2021


Stephan und Lojo in Amerika 5
15.6.78 Wir standen auf und – kurz und gut, der Smog („Worst smog in five years“) brach aus. Babys wurden aus offenen Fenstern geworfen, im Krankenhaus wurden die Schwestern ohnmächtig, auf Long Beach griffen Surfbrettfahrer ans eigene Herz und brachen auf dem Surfbrett zusammen, ich selbst kroch zum Auto und schluckte auf einen Schlag alle Tabletten, die ich hatte, was aber nichts half. Von einer Minute zur anderen war der Smog gekommen, ließ die Köpfe der 10 Millionen Einwo
Joachim Lottmann
23. Jan. 2021


Stephan und Lojo in Amerika 4
14.6.78 Als ich diese Zeilen schrieb, hatte ich alle Mühe – das Happy End war vorbei, noch während ich es beschrieb (aus formalen Gründen schloß ich den Bericht mit diesem Happiend und beließ alles weitere der nächsten Eintragung). Leider weiß ich nicht mehr… wir gingen Baden, Stephan, Martine und ich, danach begann, unmittelbar nach der großartigen Plauschballszene, der Umschwung. Martine entschuldigte sich – sie wollte ein bisschen mit dem Besitzer des Pools sprechen, ging
Joachim Lottmann
15. Jan. 2021
Silvester 1987 - Ein Dialog
(Es ist Sonntag Nachmittag, sogar früher Nachmittag, der dreizehnte Feiertag in Folge. Der Himmel ist düster, fast schwarz: Seit dreizehn Tagen feiern Yuppies Weihnachten, Sylvester, Neujahr, verlängertes Wochenende, Urlaubsbrücke und so weiter. Es nimmt kein Ende, jedenfalls kein gutes. Die Leute sind fix und fertig. Die Überdosis Konsum und Freizeit hat auch die Besten unseres Landes zermürbt. Ich gehe spazieren und treffe mitten auf dem Eppendorfer Baum in Hamburg meinen a
Joachim Lottmann
31. Dez. 2019
Die Frauen, die Kunst und der Staat 20
Wir gingen wieder nach draußen. Dahn war beunruhigend still geworden, sodaß ich ihn glaubte aufmuntern zu müssen: "Walter, in zehn Jahren wird man deine Neger*knochenbilder als geniale Voraus-Schau dieser zukünftigen Themenstellung begreifen! Man wird denken, du hättest dich schon jetzt um diesen Nord-Süd-Jahrtausendkonflikt gekümmert und dich künstlerisch daran abgearbeitet! Deine Kral-Bilder werden Millionen wert sein!" "Wirklich?" "Ja! ‚Zwei Neger* bauen Hütte**‘ wird bei
Joachim Lottmann
2. Dez. 2019
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